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Keine Angst vor der Wahrheit

London Grammar im Gespräch

Der Dalai Lama und mein letzter Glückskeks sagen: »Junge Menschen haben eine starke Liebe zur Wahrheit.« Das trifft besonders auf die jungen Briten London Grammar zu. Şermin Usta sprach mit Hannah Reid, Dot Major und Dan Rothman über die wichtigsten Lektionen ihrer jungen Karriere, Freundschaft, Unabhängigkeit und ihr Zweitwerk »Truth Is A Beautiful Thing«.
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Berlin, Herbst 2014. Mehrere Tausend Menschen schauen gebannt auf die Bühne. In der Mitte steht Sängerin Hannah Reid im Scheinwerferlicht. Dan Rothman platziert sich links von ihr, seine Gitarre im Anschlag. Daneben Dot Major am Keyboard. London Grammar machen ihre Sache verdammt gut. Für den Anfang zumindest. Hannahs schüchterne Art, die – womöglich dem Lampenfieber geschuldete – geringe Kommunikation mit den Fans und das Farbenspiel der wechselnden Lichtshow passen perfekt zum gefühlvollen Indie-Pop des Trios. Es folgen großartige Songs ihres 2013er-Debüts »If You Wait«, die Hannah zwischen Alt- und Kopfstimme in die restlos ausverkaufte Columbiahalle singt. Ein Jahr nach ihrem Auftritt im intimen Rahmen des Grünen Salon stehen sie vor ihren Fans und machen nicht mal den Anschein, als wüssten sie, wie viel sie für ihre Anfang 20 bereits können und wie souverän die erst 2009 gegründete Band ihre ganz eigene Verletzlichkeit beherrscht. Reid und Rothman lernten sich an der Universität von Nottingham kennen. Nach einer Phase als Coverband versuchten sie sich, nachdem Schlagzeuger Dot Major die Band komplettiert hatte, auch am Songwriting. Nach einigen Gigs vor Freunden wurde im Dezember 2012 der Track »Hey Now« online gestellt. Innerhalb weniger Wochen entstand ein Hype, auf den erst ihr Debüt und dann eine ausgedehnte Tour folgte: »Die zwei Jahre auf Tour waren anstrengend, aber auch eine ganz besondere Erfahrung, die uns viel gelehrt hat. Trotzdem hat sich jeder von uns danach einige Monate rausgezogen und Zeit für sich genommen, um den Kopf frei zu kriegen und auch gedanklich Platz für das neue Album zu schaffen.«

Zurück in der Gegenwart: Ich erinnere mich gut daran, wie nach dem Brexit-Referendum im vergangenen Juni im TV eine Analyse und Debatte die nächste jagte. Jeder Reporter schien auf den Straßen Londons unterwegs zu sein, um die Wahrheit hinter dem Debakel aufzuklären. Aber selbst die Journalisten verstanden nicht, welchen Rattenschwanz diese Entscheidung nach sich ziehen würde, vor allem für junge Briten. Noch weniger schienen es die in Schockstarre verweilenden Unter-Dreißigjährigen zu glauben, die im Gegensatz zu vielen Alten nicht gewählt hatten. Heute, knapp ein Jahr nach dem Wahlausgang, kommt mir beim Gedanken daran eine in diesem Kontext traurige Songzeile von London Grammar in den Sinn: »Wasting my young years, it doesn’t matter.« Dass das aber nicht stimmt, weiß die Band. Auf ihrem Zweitwerk nähern sie sich sehr persönlich und subtil dem Thema Politik. Denn wie in der Liebe dreht sich im Grunde auch hier alles um die Wahrheit – oder eben die Lüge. Wie weit man mit Letzterer kommt, wird die Geschichte zeigen.
Für London Grammar ist die janusköpfige Angelegenheit mit der Wahrheit dennoch keine streitbare. Sie ist schön und für jeden von uns wert genug, um dafür einzustehen. Aber ist es auch auf persönlicher Ebene – beispielsweise innerhalb eines Bandgefüges – wichtig, immer ehrlich zu sein? »Ich kenne die beiden besser als sonst irgendwen«, erzählt Dot. »Es macht keinen Sinn, Dinge vor ihnen geheim zu halten. Besonders auf Tour nicht. Wenn mit den anderen was nicht stimmt, merke ich es sofort, auch wenn ich nicht sofort weiß, wo das Problem liegt.« Dan: »Es tut einfach gut, sich nicht verstellen zu müssen. Besonders, wenn man weiß, dass es einige Bands ihre Karriere gekostet hat, weil sie nicht immer ehrlich zueinander gewesen sind.« Vor allem für unerfahrene Künstler kann Wahrheit in jeglicher Form heilsam sein: die ersten Platten- und Konzertkritiken, gute und schlechte Interviews bis hin zum stressigen und manchmal desillusionierenden Tour-Alltag, der Zerreißprobe und gleichzeitig Schule des Lebens sei, wie Hannah erklärt. Die eigenen Wünsche ernst zu nehmen, ehrlich ausdrücken zu können und sie dann mit den Bandkollegen im Studio auszuprobieren, ohne sich dabei von Entscheidungsangst lähmen zu lassen, das ist die hohe Kunst, der sich Hoffnungsträger wie London Grammar beim zweiten Album stellen müssen. Außerdem müsse man lernen, dass jede Entscheidung zu dritt ein Kompromiss ist.

Auch auf ihrem neuen Album haben sie die Songs fast ausschließlich selbst geschrieben. Hilfe bekamen sie im Laufe der Albumproduktion von Paul Epworth (Florence + The Machine, Bloc Party), Jon Hopkins (Brian Eno, King Creosote) und Greg Kurstin (Sia, Beck) sowie Tim Bran und Roy Kerr, die auch schon am Debüt feilten. Sind sie manchmal traurig darüber, dass mit der Professionalität auch der DIY-Spirit ein wenig abhanden gekommen ist? »Wir denken auf jeden Fall oft an die Garage meiner Eltern zurück. Besonders Hannah«, erzählt Dan und blickt lächelnd zu seiner Bandkollegin. »Ich würde sofort dahin zurück«, gesteht Hannah lachend, »die meisten Songs unseres ersten Albums sind dort entstanden.« Dan: »Aber ich finde nicht, dass wir das verloren haben. Im Gegenteil: Wir versuchen weiterhin, alles selbst zu entscheiden. Der DIY-Gedanke betrifft uns Musiker immer mehr. Bestes Bespiel ist doch Chance The Rapper, der hat es komplett im Alleingang geschafft.«

London Grammar

Truth Is a Beautiful Thing (Deluxe)

Release: 09.06.2017

℗ 2017 Ministry Of Sound Recordings Ltd, under exclusive licence to Universal International Music B.V.