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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Making-Of: So wurde es "Winter"

Locas In Love

Die Kölner Locas In Love widmen sich auf ihrem neuen Album "Winter" ausschließlich der kalten Jahreszeit. Björn Sonnenberg erklärt uns wie es dazu kam.
Geschrieben am
Die Kölner Locas In Love widmen sich auf ihrem neuen Album "Winter" ausschließlich der kalten Jahreszeit. Sänger und Multiinstrumentalist Björn Sonnenberg erklärt uns (ausführlich) wie es dazu kam und gewährt Einblicke in den Aufnahmeprozess.

Prolog
"Informer / You know say daddy me snow me-a (gonna) blame / A licky boom-boom down"
(Snow, "Informer")


I
In den letzten Tagen des Jahres 2007, oder den ersten Januartagen 2008, kommt in einem Moment die Idee zu uns, dass wir - bevor wir beginnen unser drittes Album aufzunehmen - eine Weihnachtsplatte machen sollten. Ich betone den Moment, weil es nichts war, was über einen längeren Zeitraum in uns gekeimt und gereift war, sondern nur eine Laune, wie man sie dauernd bekommt, wenn man in einer Band ist, wo es quasi Überlebensstrategie ist, sich Sachen auszudenken, die man gerne mal machen würde: der Durchbruch in Japan, Coverversionen von Liedern, die man nicht aus dem Kopf bekommt, seit man ein Kind ist (Roxette z..B.), eine Instrumentalplatte usw.. Der ursprüngliche Plan: eine EP oder ein Mini-Album aufnehmen, das ein paar klassische Winter- oder Weihnachtslieder enthält, ein paar Coverversionen zum Thema Winter, Schnee und ein paar Stücke, die wir selber schreiben.


II
Im Juli beginnen wir, Stücke zu schreiben und meistens unmittelbar nach dem Schreiben aufzunehmen. Entgegen unserer Gewohnheit, alles kleinteilig auszuarbeiten und über den Zeitraum von bis zu zwei Jahren immer wieder wie besessen bis zum Überdruss zu verwerfen und neu aufzurollen, gefiel es uns gut, schnell und unmittelbar und auf eine sehr traditionelle Weise zu arbeiten (in Songwriting und Produktion), wie in den Anfangstagen der Band, als wir im Wohnzimmer mit einem 8-Spur-Kassettenrekorder aufnahmen.
Back to the roots means back to the room
: im Wohnzimmer bauen wir Christians Mini-Schlagzeug auf, das sich geschickt ineinanderstapeln lässt und in einem Koffer getragen wird, der wie eine große Hutschachtel aussieht. Überhaupt geht es viel ums Reduzieren: eine kleine Auswahl von Instrumenten, Effekten und ein einziger kleiner Verstärker sollten diesmal reichen, die Materialschlacht, die sonst Teil unseres ganzen Arbeitsprozesses ist, vermeiden wir absichtlich.

Video: Locas In Love - "Roder"



Locas In Love - Roder from Locas In Love - Winter on Vimeo.

III
Die Nachbarinnen beschweren sich kein einziges Mal, obwohl wir einen kompletten Sonntag mit der ganzen Band im Wohnzimmer spielen. Es muss sehr gut klingen oder unsere Wände sind dicker als bislang angenommen. Das einzige Mal, dass wir Notiz von anderen Hausbewohnern nehmen: irgendwann abends gibt einen großen Sommerregen, der sehr gut klingt und den wir aufnehmen wollen. Wir schieben das Mikrofon aus dem Fenster, aber was am deutlichsten zu hören ist, ist unsere Nachbarin aus dem zweiten Stock, die auf dem Balkon exaltiert mit Gästen spricht, daher versuchen wir es mit Kabelverlängerungen und gehen zum Hauseingang auf die Straße hinaus; dort schlagen aber Regentropfen ans Mikrofon und durch Tolpatschigkeit fällt es zu Boden. Dann lässt der Regen nach. Daher keine Aufnahme von Kölner Regen.
IV
"Packeis" wurde am Donnerstag geschrieben und in Bridgeport von Stefanie und mir aufgenommen (wir sind schon eine Woche vor Niklas in die USA geflogen). Niklas fährt am Samstag mit dem Zug zu Peer nach Berlin, der Streicherarrangements geschrieben hat. Er trägt 19 kg Equipment, um Peer und Anne in Peers Zimmer aufzunehmen. Parallel dazu verlieren Stefanie und ich auf Coney Island die Schlüssel zu unserem Mietauto und es ist Feiertag, eine surreale Erfahrung, mal ganz woanders blöd auf einem Parkplatz die Nacht totzuschlagen während es um uns herum immer leerer, kälter und unheimlicher wird. Natürlich inkl. Rumhängen mit der Polizei, in indischen Hotlines gedemütigt werden und am nächsten Morgen für 150 $ die Türe aufbrechen lassen. "Packeis" schicken wir durch exakt dasselbe Web nach Berlin, das es möglich macht, dass Sie diese Zeilen lesen! (Hinweis: niemals mit der Autovermietung "'National" arbeiten. Es sind miese Verbrecher.)

V
Die zweite Hälfte der Aufnahmen nehmen wir nach New York mit. Das Haus unserer Freunde Julie & Sam (aus der schönen Band The Leader) ist etwa 100 Jahre alt und begann als kleiner Lebensmittelladen, als es dem Brooklyner Stadtteil Bushwick noch gut ging. Als der durch Veränderungen von Welt, Wirtschaft, Land und Stadt ein ganz schlimmes Veedel geworden war, nistete sich dort eine Gang von sog. Motorradrockern ein, so wie man sich Hells Angels vorstellt und funktionierte das Haus in einen Unterschlupf inkl. Herstellung und Vertrieb von Drogen sowie Prostitution um und nahm das Haus so auseinander, dass z.T. Decken und Wände fehlten, als die beiden es vor ein paar Jahren kauften (und für einen für New York aberwitzigen Preis bekamen). Das Herrichten zieht sich natürlich, eine Ruine wieder in einen Lebensraum umzubauen ist kein Sugarschlecken. An einem Abend gehen wir zum Proben in den Keller und stellen fest, dass durch eine schlecht betriebene Baustelle nebenan überall Wasser durchkommt und alles nass und kaputt ist, schrecklich. Einmal läuft Stefanie durch den halbdunklen Hausflur und ist plötzlich zur Hälfte verschwunden: sie ist in eine Loch im Boden gefallen, dessen Abdeckung verrutscht war, alle erschrecken sich sehr.

Video: Locas In Love - "Bushwick"


Locas In Love - Bushwick from Locas In Love - Winter on Vimeo.

VI
Wir lernen neue Leute kennen und alle machen bei unserer Platte mit. Kyle hat vor wenigen Wochen noch mit The National im Vorprogramm von R.E.M. im Madison Square Garden seine Trompete gespielt, jetzt sitzt er in einem halbzerfallenen Haus zwischen Massen von Schutt, Erinnerungen, Werkzeug, rostigen Rohren und wir essen schokololierte Kaffebohnen. Mit LD Beghtol gehen wir oft bis spät nachts in Bars, denen man von außen nicht ansieht, dass sie welche sind, weil sie halblegal und halbgeheim sind, er bringt uns Instrumente mit, die es eigentlich nicht wirklich gibt, z.B. das Marxophone, eine Art Zither, ein koreanischs Banjo, das mit Banjos auch nichts weiter gemein hat usw.. Scheinbar kennt er nahezu alle Leute. Er und Stephin Merritt hatten eine "ridiculous snack phase", in der sie nachts immer begierig loszogen und süße und salzige Snacks kaufen mussten. Je unnatürlicher die Farbe, desto besser gefiel es ihnen.
VII
In Peters Haus in Bridgeport nehmen wir irgendwann nachts oder morgens ein Demo für "Maschine" auf. Weil er und seine Frau seit neuestem ein Kind haben, muss man immer leise sein, besonders nachts. Daher darf die Gitarre nur gestreichelt werden und die Stimme nur flüstern. Wie bei nahezu allen Stücken wird dieses Demo nicht nochmal "richtig" gemacht, sondern als fertig anerkannt und weiterverfolgt. Wir nehmen ausschließlich in Lebensräumen auf, nicht in Studios. Das war nicht geplant, aber als wir es feststellen, finden wir es passend und logisch, da wir eine Platte machen wollten, die klingt als würde man sie jemandem auf der Bettkante sitzend leise vorsingen, nicht als stünde eine Rockband mit den besten Verstärkerwänden der Welt in einem eindrucksvollen Studio.

VIII
LD singt eine englische Version von "Packeis" und bricht an einer bestimmten Stelle immer wieder in Tränen aus. Erst als wir die Trompete von seinem Kopfhörer nehmen, bezwingt er das Lied: sie war es, die sein Herz immer aufs Neue zum Bersten brachte. Stefanie schlägt mit einem langen rostigen Nagel auf ausrangierte Metallrohre. Bettkanten-Industrial, nicht in einstürzenden Neubauten, sondern in sich-in-Rekonstruktion-befindenden-Altbauten. Bald darauf fahren wir nach Hause.

IX
Wir kommen nach Köln zurück und machen fertig, was noch aussteht. Niklas mischt abends nach Aufnahmeschluss in seinem Zimmer die Lieder ab, weil die Zeit so drängt, geht er ab einem gewissen Punkt nicht mehr zur Arbeit und schläft geschätzte zwei Stunden pro Tag. Wir steigern uns immer weiter in Details und sehen schlecht aus.

X
Niklas muss Freitag Mittag mit seiner Arbeit für drei Wochen nach Barcelona. Wir gehen um 7 Uhr früh ans Rheinufer, Höhe Boltensternstraße (auf dem Parkplatz der Jugendherberge scheinen Leute in Wohnwagen zu leben. Sind es Urlauber oder hat Köln einen eigenen Trailerpark?) um ein Video mit Morgenlicht zu drehen - zu einer Tageszeit, wo man uns vermutlich nicht sieht, denn wir haben Angst vor der Unterstellung, "Reality Bites" oder "Die Abschlußklasse" nachzuäffen: junge Leute, die immer überall eine Kamera dabei haben und ihren sinnlosen Alltag wie zwanghaft festhalten.

XI

Als Niklas weg ist steigern wir uns weiter in bestimmte Dinge und zweifeln, ob wir nicht doch die ganze Platte verwerfen sollten. An einem Sonntag abend gehe ich in seine Wohnung und fahre den Computer hoch, um per Telefonkonferenz mit ihm und Stefanie zwei Lieder nochmal zu verändern. Das Mastering mussten wir ebenfalls verwerfen und ein zweites Mal machen, weil es nicht so wurde wie gedacht, also können wir auch nochmal völlig in unsere alten Weisen zurückfallen und die eigene Musik de- und rekonstruieren, bis sie so sehr ein Teil von uns ist, dass wir sie kaum mehr ertragen können. Erst dann ist es geschafft. Und daher: 'Winter' ist hiermit abgeschlossen.


XII

"And it's winter in New Jersey and it's Christmas in New York / With a giggle and a stare and a bottle and a cork / And Kristina took your photo with a needle and a spoon / But she said we got to hurry cos her dad will be home soon / And these superfreaky memories have put me in my place / But then my superfreaky memories are gone without a trace" (Luna, "Superfreaky Memories")


Locas In Love - "Winter" erscheint am 28.11. über Sitzer Records. Zeitgleich gehen sie auf Tour, Intro präsentiert die Daten.