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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Du und wie viele von deinen Freunden?

Little Man Tate

Da stehen sie, hübsch aufgereiht, für eine Fotosession. Und sie wirken dabei, als befänden sie sich gerade auf einer Klassenfahrt. Es ist Spätsommer, und sie haben die Zeit ihres Lebens: Sänger und Gitarrist Jon, Gitarrist Mez, Bassist Ben und Drummer Dan. Das Debüt “About What We Know” ist fertig,
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Da stehen sie, hübsch aufgereiht, für eine Fotosession. Und sie wirken dabei, als befänden sie sich gerade auf einer Klassenfahrt. Es ist Spätsommer, und sie haben die Zeit ihres Lebens: Sänger und Gitarrist Jon, Gitarrist Mez, Bassist Ben und Drummer Dan. Das Debüt “About What We Know” ist fertig, die Veröffentlichung aber erst mal nach hinten geschoben: Das Rauschen im UK-Blätterwald ist schon so gewaltig, da will man nichts mehr dem Zufall überlassen.

11.09.06 Köln, Gebäude 9

Ein bisschen überrascht wirken Little Man Tate schon, dass ihre erste offizielle Single “What? What You Got?” bereits an den UK-Top-40 gekratzt und die aktuelle, “House Party At Boothy’s”, diese Hürde dann letztlich mit Bravour genommen hat. Der Single-Buzz – so wichtig in diesen schnelllebigen Zeiten, weil der NME jeden Schritt als Quantensprung verstanden haben will und das anstehende Albumdebüt die Vorschusslorbeeren nur noch bestätigen soll. Den Street-Fame haben sie ja schon. Ihr Supportslot auf der Peter-Bjorn-And-John-Tour ist mittlerweile einem Doppel-Headlinerstatus gewichen, obwohl sie eigentlich doch überall eröffnen.
Nach einem ersten vorsichtigen Abtasten geht es nach dem Soundcheck erst einmal zurück in das gutbürgerliche Hotel in Köln-Mülheim. Der laue Spätsommerabend lädt zum Verweilen im angrenzenden Biergarten ein, das wiederum zum ungezwungenen Plausch. Darüber, wie toll das alles im Moment sei, wie die beiden Jugendfreunde Jon und Ben immer wieder betonen. Und als ob sie ein typisches British-Lad-Bild abgeben wollten, wird es den Rest des Abends, zumindest aber bis zum Konzert um Sheffield, die heimischen Fußballclubs Sheffield Wednesday bzw. United, um Mädchen und Musik gehen. Ganz so wie in ihren Texten. Eigentlich sollte jetzt noch ein Interview mit einem großen deutschen Musikmagazin stattfinden, der Journalist aber lässt auf sich warten, der Band indes scheint das völlig egal. Chris, ihr Manager und enger Freund, wird es schon regeln. Später, das Interview ist mittlerweile abgesagt, sammelt er uns mit dem Band-Van ein und bringt uns zum Venue, das sich langsam füllt.
Gegen 21:30 Uhr dann ist “Man I Hate Your Band” wie auf dem Album Opener des Little-Man-Tate-Sets. Eine spitzbübische Absage an alle Szenegänger und Hipsters, während die Band vollkommen unprätentiös dort oben auf der Bühne steht und über sich, ihre Freunde und das Wochenend-Leben in Sheffield singt: “Sexy In Latin”, “This Girl Isn’t My Girlfriend”, “Down On Marie”, Zwischenmenschlich-Allzumenschliches in dreieinhalb Minuten verpackt. Ihr kurzweiliges Set hat den Pop-Appeal der Kaiser Chiefs und den schulterzuckenden Realismus der Arctic Monkeys, der anderen Sheffielder Band. Später am Abend sitzen die vier Jungs noch mit dieser fast unvermeidlichen Traube britischer Konzerttouristen vor dem Club und sagen das, was sie auch schon nachmittags im Biergarten gesagt haben: “Wir machen uns keinerlei Gedanken über das, was gerade passiert”, erklärt Jon. “Es kann morgen wieder vorbei sein, wir genießen es einfach.”



12.09.06 Hamburg, Molotow

Ich bin im Zug vorgefahren, was sich im Nachhinein als cleverer Schachzug erweist, im Van war eh kein Platz mehr, obendrein stehe er irgendwo bei Bremen im Stau, wie der freundliche Plattenfirmenvertreter im Molotow zu berichten weiß. Die Abfahrt in Köln hat sich stark verzögert, denn der Band ist über Nacht das Nummernschild ihres Kleinbusses geklaut worden, was eine unangenehme Behördenrallye zur Folge hatte. Es klingt wie ein PR-Gag, zumal ihnen in England bereits einmal gleich der ganze Van samt Equipment geklaut worden ist. Worauf sie ihrem Eigenlabel, auf dem die erste Single “The Agent” erschienen ist, den Namen Yellow Van Records verpasst haben. – Der straffe Promoplan kann getrost über den Haufen geworfen werden, die Band wird es bestenfalls pünktlich zum Soundcheck schaffen.
Als Tourmanager Chris endlich eintrifft, sind Erleichterung und Hektik groß. Chris, so erzählt man mir amüsiert, habe bei der letzten Tour noch überfordert eine befreundete Promoterin aus Amsterdam zu Hilfe gerufen, dieses Mal laufe seine Organisation bereits bedeutend besser. Die Feuertaufe aber muss er morgen in München bestehen, denn da ist erstmals kein Plattenfirmenvertreter mit vor Ort. Derweil scheint die Band auch noch nicht darüber informiert, dass für morgen eine Kräfte raubende Tagfahrt von Hamburg nach München ansteht. Schon die Entfernung Köln-Hamburg habe man “ein wenig unterschätzt”. Egal, in all der Hektik findet sich trotzdem Zeit, der Band mal genauer auf den Zahn zu fühlen, direkt vor dem Club, im Reeperbahnstraßenlärm.
Ob all die Namen und Personen in ihren Texten real seien, will ich wissen, und als das kollektiv bejaht wird, ob sich denn schon Leute über die Weitergabe von intimen Details beschwert hätten: Marie lesbisch, Jennifer promiskuitiv. “Nein, im Gegenteil”, beteuert Jon, “sie mögen es! Boothy zum Beispiel, er genießt es in vollen Zügen. Er ist schon fast berühmt. Die Leute rufen ihm auf der Straße zu: ‘Hey, Boothy!’ Er liebt es! Eben noch hat mich dieses Mädchen im Interview gefragt, ob Boothy überhaupt existiere. Sie dachte, wir hätten ihn erfunden. Aber er ist so echt, wie man nur sein kann.” Boothy, gutes Stichwort, ist ein alter Freund, der in Sheffield legendäre Hauspartys feiert. Das wurde Gegenstand des gleichnamigen Songs, sogleich wollte auch das Formatradio bei einer dieser Feiern dabei sein. Little Man Tate, so scheint es, lassen ihr Umfeld an ihrem momentanen Glück teilhaben, jeder bekommt ein Stück vom Indie-Celebrity-Kuchen.
Ob sie oft mit den Arctic Monkeys verglichen werden, weil die doch auch über das Allerweltsleben im rural-urbanen Sheffield singen: “Das haben Pulp ja auch gemacht!” bricht es aus Jon heraus. “Die kommen auch aus Sheffield. Und wir sind in der Tat sehr von ihnen beeinflusst, ich liebe Jarvis Cockers Texte! Das ist also schon ein großer Einfluss, aber die Arctic Monkeys nicht besonders. Obwohl sie großartig sind, keine Frage.” Für Beef sind sie also nicht zu haben. MySpace und YouTube benutzen sie eher durchschnittlich, auch hier ist kein neuer Netzhype zu holen. Wollen sie nicht berühmt sein, wollen sie einfach nur vier Freunde in einer Band sein? “Wir wollen aus Little Man Tate die größte Band der Welt machen! Ob wir das schaffen, ist egal. Man will doch immer das Bestmögliche rausholen. Ich glaube nicht an den Mumpitz von wegen: ‘Wir wollen keinen Major-Deal’, ‘Es geht uns um die Kunst’ – das ist Nonsens. Wenn du mit einem Majordeal mehr Geld und damit auch mehr Möglichkeiten bekommst, das ist doch fantastisch! Warum will man nicht die Nummer eins sein, sondern lieber die Nummer 40? Warum zum Teufel?”
Ich habe verstanden. Und nach dem wieder einmal fulminanten Gig, bei dem selbst einige Peter-Bjorn-And-John-Verfechter glatt des Überläufertums überführt wurden, “weil die so abgegangen sind”, will man noch die Reeperbahn unsicher machen. So jung kommt man schließlich nicht mehr zusammen.