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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

2013 beim First We Take Berlin

Linkoban im Gespräch

Die chinesischstämmige dänische Rapperin Linkoban verlor gestern ihren Kampf gegen den Krebs. Vor zweieinhalb Jahren hatten wir die Gelegenheit, die junge, vielversprechende Künstlerin zum Interview beim First We Take Berlin-Festival zu treffen. 
Geschrieben am
»Es kommt immer drauf an. Manchmal funktioniert ein Auftritt super, und du erreichst eine Menge neue Leute, manchmal fühlst du dich aber auch wie ein Schaf, das durch die Koppel getrieben wird«, fasst Linkoban ihre bisherigen Bühnenerfahrungen zusammen. Obwohl sie als Act erst anderthalb Jahre existiert, hat die Grime-Rapperin schon einige Showcase-Festivals wie das First We Take Berlin gespielt. Beim bedeutendsten Festival ihres Heimatlandes, in Roskilde, durfte die Dänin, die ihren echten Namen nicht verraten will und »überhaupt keine musikalische Vergangenheit« besitzt, sogar bereits zweimal performen. »Besonders der Auftritt diesen Sommer auf der Cosmopol Stage war überwältigend«, schwelgt sie in nicht lang zurückliegenden Erinnerungen. »Dort, wo ich als Teenager jedes Jahr total besoffen musikalische Offenbarungen erlebt habe, selbst auf der Bühne zu stehen war ein pures Glücksgefühl«.
 
In ihrem Heimatland hat Linkoban eine rasante Entwicklung genommen. Absolut zu Recht, denn viele Songs auf »Ox« sind von einer Klasse, die die chinesischstämmige Dänin nah an Superstars wie M.I.A. heranführt. Ganz explizit weist sie auf den britischen Einfluss in ihrer Musik hin, auf die dreckigen Breakbeats und die dumpfe Bassmusik, die sie während eines mehrjährigen Aufenthaltes in London kennen und lieben gelernt hat. Trotzdem ging sie, als es Zeit war, die eigene Karriere zu starten, zurück ins heimatliche Kopenhagen. »London war und ist sehr inspirierend. Dort gibt es an jeder Straßenecke Open-Mic-Sessions und Clubnächte für jede Form von HipHop. Aber ich hatte das Gefühl, nach Hause zu müssen, um mich wieder auf mich, auf meine eigene Musik besinnen zu können.«
Zu Hause ist die Szene für Grime dagegen sehr überschaubar: »Es gibt dort mit Lucy Love außer mir nur eine einzige andere weibliche Rapperin«, beschreibt Linkoban ihr Umfeld. Nur nahe liegend, dass sie den Lucy-Love-Produzenten Yo Akim bat, Tracks für sie zu produzieren. Zunächst wirkt »Ox« stimmig. Hört man das Album aber öfter, merkt man, dass ihm ein bisschen mehr Vielfalt und Liebe zum Detail gut zu Gesicht gestanden hätten. Dieses Manko soll auf Album Nummer zwei ausgeglichen werden. Eine Reihe namhafter internationaler Produzenten sind bereits angefragt, teilweise haben sie schon zugesagt und sich an die Arbeit gemacht – Linkoban verliert ungern Zeit.

Ein Grund für ihr Gefühl, schnell vorankommen zu müssen, ist die hemmende und unbefriedigende Labelsituation, in der sie bis vor Kurzem steckte: Ein internationales Release von »Ox« kam mit ihrer ersten Plattenfirma, Lucy Loves Superbillion Records, nicht zustande. Das führte dazu, dass sich Linkoban und ihr Management blockiert fühlten. Das zweite Album soll nun schnell fertig gestellt und weltweit veröffentlicht werden und so den Schwung ihrer weltweiten Konzerte nutzen, um sich auch als Recording-Artist zu etablieren. Das ist der Baustein, der für den großen Durchbruch noch fehlt.

»Wenn ich manche Live-Clips von mir sehe, kann ich selbst kaum glauben, dass ich es bin, die da so verrückt rumtanzt«, kommentiert Linkoban ihre Bühnenpersönlichkeit. »Es ist eine zweite Seite von mir neben meiner privaten.« Tatsächlich bestätigt Linkoban – an den Stehtisch in einem Kreuzberger Hinterhof gelehnt – nicht den Eindruck, den ihre anzüglichen, aber auch starken und selbstbewussten Texte vermitteln. »Never did sexy / Boys at my corner / They get ready to infect me«, rappt sie in »Like This«, einem Song, der eigentlich schon europaweit ein Charts-Hit sein müsste. Als sie später am Abend live auf der Bühne des Comet Club steht, machen Texte und die These von den zwei Persönlichkeiten auf einmal Sinn. Linkoban kämpft mit jedem Körperteil um ihr Publikum, das am Anfang nur den hinteren Teil des Clubs besetzt. Sie ist rüde, sie fordert sich und dem Publikum alles ab, sie ist sexy und rappt abgründig wie der Teufel. Das alles geschieht unter erschwerten Bedingungen, denn es fehlt ihr bei dem Konzert an der Unterstützung durch eine Band, vor allem das fehlende Schlagzeug schlägt zu Buche. Linkoban schafft es dennoch, das Ruder rumzureißen: Am Ende des für solche Festivals typischerweise sehr kurzen Sets stehen die Leute im mittlerweile gefüllten Club an den vorderen Bühnenrand gepresst, gehen mit und fordern sogar Zugaben. Das ist nicht in erster Linie auf ihre Erfahrungen mit Showcase-Festivals zurückzuführen: Linkoban befindet sich am Start zu einer großen Karriere, das ist allen, die sie hier live erlebt haben, sonnenklar.

Linkoban

The Pomelo Edition

Release: 24.03.2014

℗ 2014 HOLLYWOODNOGOOD4U RECORDS