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Mit kosmischem Supersound

Lindstrøm

Nein, er hat nicht vor, aus Oslo wegzuziehen. Er findet es da nämlich toll. Hans-Peter Lindstrøm mag in den letzten beiden Jahren herumgekommen sein wie nie zuvor, also einige Orte kennen gelernt haben, an denen seine Musik besser aufgehoben wäre: Castro, Vauxhall oder Balearen-Strand. Trotzdem blei
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Nein, er hat nicht vor, aus Oslo wegzuziehen. Er findet es da nämlich toll. Hans-Peter Lindstrøm mag in den letzten beiden Jahren herumgekommen sein wie nie zuvor, also einige Orte kennen gelernt haben, an denen seine Musik besser aufgehoben wäre: Castro, Vauxhall oder Balearen-Strand. Trotzdem bleibt der bärtige Schlaks der Aussicht auf Fjord und Skisprungschanze treu. Früher war er mal Chorknabe, mal Literaturstudent, mal Dressman; in der Beschaulichkeit der norwegischen Hauptstadt fabriziert er nun einen seltsam anachronistischen Hippie-Disco-Sound. Er schickt Slide-Gitarren-Seufzer durch Echoschleifen und verknotet sie mit Grooves, die er nachts zuvor am Drumset eingesampelt und dann hübsch schmutzig gelassen hat. Es wäre übertrieben zu behaupten, Lindstrøm habe das Revival um den Sound, der als Cosmic- oder eben als Hippie-Disco verhandelt wird, im Alleingang losgetreten. Andere Figuren wie DJ Harvey, Steve Kotey oder Rub’n’Tug waren da genauso wichtig. Doch Lindstrøm ist der weitaus Produktivste unter ihnen. Auf seinem Album “It’s A Feedelity Affair”, das eigentlich kein Album ist, sondern eine Sammlung seiner bisher auf dem eigenen Minilabel Feedelity erschienenen Singles, kann man das wunderbar nachhören.

Statt “It’s A Feedelity Affair” an ein etabliertes Dancelabel aus England oder Deutschland zu lizenzieren, bringt Lindstrøm das Werk zusammen mit dem ebenfalls in Oslo ansässigen Label Smalltown Supersound heraus. Als Patriotismus sollte man das nicht missverstehen: Lindstrøm mag einfach den Gedanken, dass er den Menschen, der sich um die Verkäufe seiner Platten kümmert, jeden Tag zum Feierabendbier treffen kann. Außerdem mag er Smalltown Supersound, weil dort alle möglichen Stile geführt werden. Mit Schubladendenken hat Lindstrøm nämlich seine Erfahrungen gemacht – seit “I Feel Space”, sein eigentlich untypischster Track, ein synthetisch glattes Waberflächen-House-Epos, zu einem der größten Clubhits des letzten Jahres wurde. “Viele Leute nehmen seitdem an, ich wäre Trance-Produzent”, lacht Lindstrøm.

Vielleicht ist es dieses Missverständnis, das ihm nun den Hattrick versagt hat, sich erst den Kitsch-Sound von Patrick Cowleys großer Kuhglocken-Synth-Oper “Sea Hunt” (1981) anzueignen, damit dann weltweit Hipstertreffs zu enthusiasmieren und danach auch noch Madonna einen Remix unterzujubeln. Ein Lindstrøm-Showreel ließ sich die Pop-Rekordbrecherin zwar kommen – danach orderte sie allerdings doch lieber bei Tiefschwarz. Halb so wild, Lindstrøm ist vom Remixbusiness ohnehin ziemlich ermüdet (2005 erschienen 22 von ihm allein oder gemeinsam mit seinem Osloer Kollegen Prins Thomas produzierte Mixe!). Außerdem konnte er zuletzt immerhin eine andere wichtige Frau für sich begeistern: Uruguays Botschafterin in Norwegen. Sie hat ihr Büro in demselben Gebäude wie er sein Studio, und als Trostpflaster für die häufigen Bassbeben auf dem Flur hat Lindstrøm ihr eine Kopie seines Albums geschenkt. Es gefällt ihr sehr gut.