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Anti-Alice im Wunderland

Lily Allen

Lily Allen hat alles, was ein Popstar braucht: Alben in den Charts, Schlagzeilen in der Boulevardpresse und den Ruf, schwierig zu sein. Auch ihr drittes Album »Sheezus« bestätigt die Britin in ihrem Talent zur Querulanz. Verena Reygers hat sich nicht abschrecken lassen und Lily Allens gelangweilte Attitüde mal genauer betrachtet.
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Es ist hart, ein Popstar zu sein. Zumindest, wenn man Lily Allen heißt. Davon singt die 29-Jährige nicht nur auf ihrem aktuellen Album »Sheezus«, sie stellt ihr Desinteresse an den Begleiterscheinungen des Starseins auch anders unter Beweis. Zum Beispiel im Interview. Ende Mai, »Sheezus« steht noch auf Platz eins der britischen Charts, gibt Allen ein exklusives Konzert im Hamburger Mojo Club. Zuvor erweist sie einer Handvoll Journalisten im benachbarten Jazz Café die Ehre. Die halbstündige Verspätung der Sängerin nutzt die Promoterin dazu, die Sitzgelegenheiten hin und her zu rücken – keinesfalls darf der Star von außen gesehen werden – sowie explizit darauf hinzuweisen, keine Fragen zu »Game Of Thrones« zu stellen. Allens Manager taucht auf, bittet um ein paar Minuten Geduld, verschwindet wieder. Ja, man bekommt eine Ahnung, welchen Aufwand es bedeutet, Lily Allen zu sein.

 

Dass die britische Sängerin überhaupt noch mal musikalisch in Erscheinung treten würde, damit hatte kaum einer gerechnet. Nach den Geburten ihrer beiden Töchter hatte Allen ihren Rückzug aus dem Musikgeschäft angekündigt, um sich fortan auf ihre Rolle als Mutter zu konzentrieren. Da hatte sie schon manche Erfahrung als Popstar gesammelt.

 

2005 gelingt es der Tochter eines Schauspielers und einer Filmproduzentin, via MySpace eine so breite Fanbase zu generieren, dass kein Label an ihr vorbeikommt. Es folgen die Single »Smile« und das Album »It’s Alright«, 2009 dann der Nachfolger »It’s Not Me, It’s You«. Die kesse Lippe, die Allen in ihren Songtexten beweist, riskiert sie auch im Umgang mit der Öffentlichkeit. Munter twittert sie über ihre Drogenvergangenheit, wettert gegen Kollegen und Kritiker und macht auch die persönlichsten Angelegenheiten wie ihre zwei Fehlgeburten zur Nabelschau. Wann immer sie sich ungerecht behandelt und falsch verstanden fühlt, schießt Allen mit Twitter-Tweets und anderen Social-Media-Waffen. Mit Understatement hat die Dame in etwa so viel zu tun wie die Spice Girls mit Feminismus. Immerhin ihren Songtexten steht das ausgezeichnet.

 

Auch auf »Sheezus« lässt sich Allen über ätzende Schönheitsideale, Sexismus und die monatliche Regel der weiblichen Bevölkerung aus. Sie singt über ihre Zweifel, back in business zu sein, attackiert brüllend trollende Webnerds und lobt die sexuelle Ausdauer ihres Liebhabers. Auch wenn sich die musikalische Untermalung im eher belanglosen, wenn auch tanzbaren HipHop-R’n’B-Pop-Gemisch bewegt, »Sheezus« bietet genügend Gesprächsstoff. 

 

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Bloß, als Lily Allen endlich zum Interview im Café erscheint, gilt ihr Interesse mehr ihren zentimeterlangen, in Regenbogenfarben glänzenden Fingernägeln als ihrem Gegenüber. Fragen beantwortet sie lustlos und kurz angebunden. Sicherlich sei sie froh, etwas zu machen, das ihren kreativen Bedürfnissen entspreche, räumt sie ein, aber natürlich wolle sie auch Geld verdienen. »Ich würde auch schauspielern oder malen, aber da bin ich nicht so gut drin«, erklärt sie schulterzuckend. Pragmatismus, der sich mittlerweile auch auf Allens Social-Media-Verhalten auswirkt. Nach einem selbst verordneten Entzug sozialer Netzwerke nutzt die ehemals Twitter-Süchtige seit einiger Zeit wieder Facebook und Co. »Das ist Teil meines Vertrages«, erklärt sie den gemäßigten Rückfall. »Ich muss eine bestimmte Anzahl an Tweets und Postings erbringen. Ich mache das aus rein geschäftlichen Gründen«, sagt sie, »aber auch, weil ich meine Fans nicht nur durch Werbung erreichen will.« Das Gleiche gilt für den Selfie-Hype, den Allen selbstredend auch bedient. Allerdings bevorzugt mit anderen Promis. »Dadurch, dass ich Leute wie KanYe West oder Kylie Minogue taggen kann, erreiche ich auch ihre Fanbase.« Die Frau hat Geschäftssinn. 

 

So zeigt sich Lily Allen auf »Sheezus« in mehrfacher Hinsicht der Musikindustrie verpflichtet. Als die Single »Air Balloon« – zugegeben, ein luftleeres Stück Pop – in der Presse verrissen wird, antwortet sie, ganz unartiger Popstar, sie sehe das genauso, aber sie habe keine Kontrolle über die Single-Veröffentlichung. Die Plattenfirma wolle den gängigen Radioformaten folgen, um Airplay zu generieren. Ferner lässt sie immer wieder durchblicken, dass sie ihren Vertrag gegenüber ihrer Plattenfirma Warner erfüllen müsse. Der läuft über drei Alben. »Sheezus« wäre demnach die letzte Veröffentlichung, die bei Warner erscheint. 

 

Trotz dieser Anti-Haltung gegenüber dem Popbiz-Wunderland, »Sheezus« ist kein lieblos dahingerotztes Album voll resignierter Botschaften. Im Gegenteil. »Sheezus« macht das, was Pop-Göttinnen wie Beyoncé und Katy Perry versäumen: dem Geschäft mit gesunder Ironie begegnen und es in seiner vermeintlichen Perfektion entlarven. Auf „Sheezus“ stilisiert sich Allen übertrieben bitchy zwischen königlichen Corgis, erhebt quasi den Anspruch auf die Popkrone und wirft mit sexuellen Anspielungen um sich. Gleichzeitig vermeldet sie mit »Hard Out There« ein feministisches Manifest gegen Rollenklischees, Schönheitsideale und Sexismus. Dass im zugehörigen Video ein paar Mädels ihre Ärsche twerken lassen, während Allen in Catsuit und Porno-Pumps rhythmisch unbeholfen wie ein Wackel-Dackel durchs Bild stakst, ist nur ein weiterer Beweis umwerfender Komik. Lily Allen hat mehr Talent zur Parodie als Rihanna Mut zu Nacktbildern. Ein erneutes Abtauchen in die ausschließliche Mutterrolle wäre ernsthaft schade.

 

Lily Allen »Sheezus« (Parlophone / Warner / VÖ 02.05.14)