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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

5/6: Tyler, The Creator »Her«

Lieder über Teenagerliebe

Der Popmusiker Jens Friebe stellt hier monatlich ebenso analytisch wie überspannt und thematisch in praktische Halbdutzendpäckchen gegliedert Lieblingslieder vor.
Geschrieben am

»Her« von Tyler, The Creator ist vielleicht das erste  echte Teenagerliebeslied seit den frühen Sechzigern, das nicht die frühen Sechziger zitiert. Das kommt dadurch, dass die Jugendlichen nun zum ersten Mal, seit Popkultur Kunst und für alle Alter anschlussfähig  wurde  (also seit »Stg. Pepper«) wieder etwas Eigenes haben, nämlich das Internet. Um dem naheliegenden Einwand gleich zu begegnen: natürlich benutzen auch wir Erwachsenen das Internet. Aber dank unserer menschlichen Reife und Charakterfestigkeit ist es für uns nur eine nette, nebensächliche Abwechslung und nicht das suchtgefährliche, alles verschlingende Ungeheuer, als das es totalitär die Leben der Jungen beherrscht. Der, den neuen Medien dateiartig anhängende Trug  menschlicher Nähe, wird als solcher vom Rapper unseres Liedes durchaus erkannt, erliegen muss er ihm trotzdem.


»To mental images her face look
The closest that I got is when I'm poking her on Facebook
Video chats are so exciting
Cause it's like she is inviting me to her world full of privacy
I'm getting gassed up, I think she's liking me«



Singt  Marianne Rosenberg noch: »Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür«, heißt es bei Tyler: »Her name is my password«. Herzzerreißend, denn die so Geehrte kriegt ja gar nichts mit von seiner onanistischen Spielart der Minne, und dass er sie zum Schlüssel zu seinem Netzwerk macht, macht das Netzwerk leider nicht zum Schlüssel zu ihr. Es ist wirklich ein sehr trauriges Lied. Um die Musik zu beschreiben, muss ich einen Hiphop-geschichtlichen Aspekt sehr kurz erläutern, der einigen sicher bekannt ist: Der Einsatz von offenen Jazzakkorden, von Streichern und melodiösem Frauengesang, von allem Soften, Wohlfühlmäßigem also, galt bis zu einem gewissen Zeitpunkt als komplett uncool, oder, wie wir b-boys ohne jede homophobe Absicht zu sagen pflegen: schwul. Egal, ob politisch, wie Public Enemy oder pornographisch wie 2 Live Crew, man verlangte eine gewisse Roughness. Das änderte sich mit dem Gangster Rap. Die  Aufrichtung der Pimpfigur machte musikalische Zeichen der Weichheit möglich, als Trophäen und Insignien des durch Härte verdienten Luxus. Nur fett und edel musste es  dann bitteschön klingen.

 

Tyler, The Creator zieht alle Register von Hardness bis Softness und dekonstruiert beide sowie den Fetisch fetter Produktionsstandards. Er ist damit natürlich nicht alleine, sondern steht in der Mitte einer von Stilrichtungen wie Crunk und Grime angestoßenen Entwicklung. Bei »Her« benutzt er nur offene Jazz-Akkorde, setzt sie  aber so spannungsreich gegeneinander, dass coole Kuschelatmosphäre zu keiner Zeit aufkommt. Harsche flirrende Wechsel, wie jenen prominenten von E-Moll nach Gis-Moll, kennen wir gut aus Sci-Fi- oder Horrorfilme als Signifikante für Grusel. Bei LL Cool J könnte man sich so eine Folge vorstellen, um die Gefährlichkeit des Rappers  zu unterstreichen. Aber hierfür ist das ganze Arrangement viel zu karg.  Es tuckert eine extra billige, altmodische Begleitautomatik, es gibt keine fetten Bässe oder aufgeblasene Sounds, dafür bewusst viele Löcher. Die Stimmung ist eine der  Ziellosigkeit, Agonie, Kaputtheit. Im dritten Teil unserer Reihe »Die Schöne und das depravierte Biest« wird letzteres aus der Innenansicht ziemlich entzaubert. Der Außenseiter ist kein Objekt  abenteuerlustiger Begierde mehr, sondern einfach draußen.  Die letzten wundervoll tristen Zeilen des Liedes sind in mehrfachem Sinne entwaffnend:

»My nigga ask: ›Ace, what happened to such and such?‹
I could slander her name, and then tell him I probably fucked    
Or I could tell him the truth, and just say she ain't like me much
But instead I lie and say she moved to Nebraska
(It's this girl)
But she's not mine«