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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

1/6: Lesley Gore »It’s my Party«

Lieder über Teenagerliebe

Der Popmusiker Jens Friebe stellt hier monatlich ebenso analytisch wie überspannt und thematisch in praktische Halbdutzendpäckchen gegliedert Lieblingslieder vor.
Geschrieben am

Wenn wir von Liebesliedern reden, reden wir eigentlich von Verliebtheitsliedern.  Die richtige, langwierige, schwierige, Liebe ist, falls es sie gibt, zu groß und zu hybrid, als dass das kleine Lied sie in den Griff bekäme.  Versucht es das trotzdem, ist es zur Strafe von Chris de Burgh und heißt »Lady in Red«. Was man über Verliebtheit überhaupt singen kann, kann man am besten über die erste Verliebtheit singen. An sie glauben wir wie die Menschen des Mittelalters an das Wort Gottes. Schon in der zweiten werden wir zu modernen evangelischen Pfarrern, gläubig nur wider die bessere Kenntnis der vergleichenden Religionswissenschaften. Zum ersten Mal Verliebte sind meistens Teenager. Somit sind Teenager die Idealen Protagonisten, Hörer, Interpreten und Verfasser von Liebesiedern. Der prototypische Teenager stammt aus den späten 50ern. Seine Liebe ist strukturell unglücklich. Seine Gestalt ist eine des tragisch komischen Übergangs. Der Nachkriegskapitalismus spiegelt und pflanzt in ihr seine prosperierende Gier, die ihr die Nachkriegsprüderie gleichzeitig verbietet.

Lesley Gores »It’s My Party« von 1963 vertont mit seiner quirligen Harmonieführung  einfühlsam die resultierend Mischung aus Euphorie und Frustration, die komplizierte Leichtigkeit des Teenagerdaseins. Die Strophe beginnt mit einem Sprung von A-Dur nach C-Dur, fast hardrockig, dann zurück nach A-Dur, von da erwartbar nach D-Dur, dann aber zum ganz weit entfernten F-Dur und unvermittelt rabiat zurück zum A-Dur . Der Refrain betont durch das übermäßigen A-Dur und der vermollten Subdominante (D-Moll) extrem die leiterfremde kleine Sexte, in der Literatur  auch Schmerzen- oder Todessexte genant. Diesen harmonischen Härten wird jeweils zu den Formteilenden mit simplen folksliedhaften Kadenzauflösungen begegnet. Auch die beschwingte Rythmik und vor allem  die Gesangsmelodie – die gänzlich unexpressiv, gleichzeitig virtuos und kontrollverlustig wie ein Artistenclown die Dreiklänge rauf und runterpurzelt - sorgen dafür dass die Musik auf uns  am Ende doch entschieden fröhlich wirkt. Der Text folgt dem Ballanceakt der Musik und erzählt die Tragödie des ausgespannten Mannes als Farce. Die Gastgeberin vermisst »ihren Johnny«.  In der letzten Strophe kommt er, aber ach: »Judy and Johny just walked through the door / like a queen with her king /Oh what a birthday surprise / Judy’s wearing his ring«. Das Schlimme wird hier mit so comichafter Drastik und Hastigkeit erzählt, dass man es unmöglich anders als lustig finden kann. Vom Text bleibt vor allem die meiner Meinung nach schönste Hookline aller Teenagerliebeslieder (»It’s my party/ and I’ll cry if i Iwant to«) hängen und von deren überschwänglichen Forderung, weinen zu dürfen, nur der  Überschwang der Forderung, das euphorisch Aufmüpfige. Man könnte sogar kurz denken, hier spricht gar nicht nur eine zickige Gastgeberin zu ihren Gästen, sondern eine Generation zur anderen. Das ist unsere Musik, das sind unsere Klamotten, das ist unsere Party, wir weinen bzw. schreien, wann wir wollen. Der niedlichste Protestsong der Welt.