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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kolumne: »Come back from San Franciso« von Magnetic Fields

Lieder über Städte 3/6

Der Popmusiker Jens Friebe stellt hier monatlich ebenso analytisch wie überspannt und thematisch in praktische Halbdutzendpäckchen gegliedert Lieblingslieder vor.
Geschrieben am
»Come back from San Francisco/It can't be all that pretty/When all of  New York City misses you.«

Gleich die ersten Verse des Liedes entwaffnen uns mit Kinderlogik (»es kann doch dort nicht schön sein, wenn dich hier alle vermissen!«). Gleichzeitig ist die Geste groß. Ganz New York City vermisst mit. Das ist nicht nur Liebeswahn, der das Innere nach außen krempelt und aufbläst, sondern mehr noch ein Hinweis auf mikrokosmische Zusammenhänge, auf eine Szene. Diese wird mit ganz New York gleichgesetzt und rahmt die Liebe.

Die Duomanie des klassischen Liebesliedes ist leichthin durchbrochen. Zumal es dann heißt: »Should pretty boys in discos distract you from your novel/remember I'm awful in love with you«. Angesichts der schönen Jungen kommt auch die Frage nach der Konstellation auf. Stephin Merrit hat das Lied geschrieben. Er ist schwul. Auf der Platte singt es seine Bandkollegin Shirley Sims (Orientierung mir unbekannt). Durch die Trennung von Dichter und Sängerin lockert sich der autobiographische Pakt und gibt der Phantasie Spielraum.

Die Möglichkeiten: 1. Mann singt an schwulen Mann (Simms also als Merritt)  2. Frau singt an bisexuelle Frau, 3. Frau singt an bisexuellen Mann. Theoretisch ginge sogar 4. heterosexueller Mann singt an umtriebige Frau. In allen Fällen mögen wir die herrschende Libertinage. Wir schätzen auch, dass die besungene Person selbst als  Künstler vorkommt. Sie wird nicht zu einer reinen Schönheit, in deren sterilen Hochglanz sich die Dichterseele spiegelt. Sie ist selbst Produzent von Schönheit und Kenner der Tricks. Der sie besingt, weiß um ihre Autonomie und spielt damit: »You need me like the wind needs the trees / To blow in, like the moon needs poetry«.

Zuerst eine charmante Frechheit - die Behauptung, der andere brauche einen - dann die noch charmantere Zurücknahme, denn Wind und Mond brauchen Bäume und Poesie ja eben grade gar nicht. Die Liebslyrik geht nach hinten los und wird grade dadurch wieder herzergreifend. Postromantische Romantik ist also gut möglich.