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Tagebuch: Die Tour in Wort und Bild

Lichter

Die Kölner Post-Pop-Band Lichter hat mit ihrem selbstbetitelten Debüt bei Loob Musik eine Heimstatt gefunden. Für intro.de berichten sie ausführlich von ihrer just abgelaufenen Herbsttour.
Geschrieben am

Autor: Lichter



Die Kölner Post-Pop-Band
Lichter hat mit ihrem selbstbetitelten Debüt bei Loob Musik eine Heimstatt gefunden. Für intro.de berichten sie ausführlich von ihrer just abgelaufenen Herbsttour.


24.09.08 - Jena: Café Wagner.
Die Bürger von Jena heißen Jenaenser, nicht etwa wie vermutet "Jenaer". Von den Jenaensern jedenfalls haben sich heute nur eine handvoll in's charmante Studentencafé Wagner bewegt. Egal - ist ja auch unser erstes Konzert in der Stadt und unsere Stimmung ist gut. Die zweite Band des Abends heisst 206. Jawoll, das ist Musik die nicht kuschelt sondern austeilt - waviger Punk mit deutschen Texten, so kalt und trist wie Industriebrachland. Der notorisch heisere Jungspund Timm am Mikrofon zertrümmert inmitten des Sets seine Gitarre. Wir halten kurz den Atem an. Durch den rüden Punk angestachelt, spielen wir ein fetziges Set und gehen im Anschluss direkt in die Vollen - der Tourstart wird begossen (Folgen siehe Foto). Die Nacht endet schließlich in einer Hippie-WG, wo wir uns auf muffigen Matratzen mit geschrammelten Michael Jackson-Coverversionen (Toll: Unsere Keyboarderin Vera singt Beat it!) in den Schlaf schaukeln.

25.09.08 - Dresden: Ostpol.  Die Nacht war kurz - hallo Augenränder. Willkommen auf Tour! Nach einer fixen Fahrt nach Dresden wird schnell klar - das "Ostpol" gewinnt den Preis für die "most caring promoters". Es soll heute das erste Konzert in dem frisch eröffneten Laden sein und gleich mehrere Verantwortliche umschwirren uns emsig. Man spürt Leidenschaft und Engagement und fühlt sich am richtigen Platz. Der Club hat keine Bühne, was sich als großer Vorteil entpuppt, steht man doch als Band wie auf einer WG-Party mitten im Geschehen.
206 jagen wütend durch ihr Set und passen viel besser ins Bild als gestern - das Publikum zuckt freudig mit. Als wir die ersten Töne von "Das Gespenst ist K.O." spielen, ist der Raum schön gefüllt. Die Blicke der Gäste sind fordernd, die Atmosphäre gespannt und es wird eines der intensivsten Konzerte der Tour. Nur Veras neues (Achtung: Musiker-Technik-Talk) In-Ear-Monitorsystem erweist sich leider als unbrauchbar und wird nach dem Konzert wütend in die Ecke geschmissen.

26.09.08 - Riesa: Kulturschleuder. Am nächsten Tag schlafen wir aus und gehen shoppen in der Dresdner Neustadt. Vera ersteht eine rosafarbene Kuckucksuhr, der Rest der Band kann es nicht fassen. Heute steht Riesa auf dem Tourplan - bisher ein weißer Fleck auf unserer Landkarte. Die Kulturschleuder ist wie vermutet ein Kulturzentrum und der einzige Ort in der kleinen Stadt nördlich von Dresden, der hin und wieder Konzerte veranstaltet. Interessanterweise treffen wir hier auf einige Fans aus Hannover, die zum Teil in der "offiziellen Sportstadt" Riesa Sportjournalismus studieren - die Nachfolger von Klaus Töpperwien sozusagen. Im Hotel packt Philipp spontan die Kamera aus und wir filmen unter starkem Alkoholeinfluss einen Haufen preisverdächtige Trashclips. Das Hotel scheint bis auf uns leer zu sein, so dass sich scheinbar niemand an unserem lauten Lachen stört.

Video: Lichter - "Leerer Raum"



27.09.08 - Düsseldorf: FH / Café Freiraum. Ein Freund feiert anlässlich seines Diploms an der Düsseldorfer FH eine große Party. Motto: Pimp-your-hair. Mit gefühlten drei Kilo Pomade im Haar betreten wir die Bühne. Schlagzeuger Claus Schulte sieht mit seinen zurückgegelten, halblangen Locken schmierig aus wie ein Schlagersänger aus der Copacabana und auch Vera übertritt die Grenze des guten Geschmacks: sie belebt die 80er-Jahre-Palmenfrisur neu - lange Haare einfach über dem Kopf mit einem Haargummi zusammen, fertig. Wir spielen ein kurzes, vergnügtes Set und feiern bis um fünf. Am nächsten Tag kriegen wir auch nach zweifacher Wäsche das Gel nicht aus den Haaren entfernt.

28.09.08 - Aachen: Malteserkeller. Sonntagsstimmung. Wir versuchen unseren Kater mit Flüchen und Aspirin zu vertreiben, nichts hilft. Stattdessen hängen wir rum und trinken einen Kaffee nach dem nächsten bis die Knie weich werden. Heute zeigt uns das Tourleben nicht gerade seine Schokoladenseite. Aus lauter Langeweile sind wir strebermäßig pünktlich beim Club, doch die Dame vom Laden ist krank, kommt zu spät und betont mehrmals dass sie "eigentlich heute gar nicht hier sein sollte". Na dann - Indiepop ist hartes Brot. Erstmal die Couch von der Bühne räumen, sogleich poltert der Haustechniker rein und verkündet lautstark, dass die technische Ausrüstung des Clubs nicht ausreicht: zuwenig Mikros, und die auch noch kaputt. Die lokale Vorband Henk jr. organisiert daraufhin kurzfristig Equipment und rettet somit den Abend. Komischerweise führen widrige Umstände oft zu guten Konzerten - vor einem kargen Publikum spielen wir ein ziemlich inspiriertes Konzert. Der zu Anfang schlecht gelaunte Haustechniker ist plötzlich auch sanft geworden und kauft noch eine CD und sogar ein T-Shirt für seine Freundin.

01.10.08 - Bielefeld: Falkendom. Ostwestfalen gilt ja unter Bands insgeheim als hartes Pflaster. Trocken seien die Gemüter der Ostwestfalen und schwer zu erwärmen, munkelt man. Zumindest die Veranstalter im Falkendom strafen diese These Lügen - wir werden äußerst warmherzig empfangen. Ein Teil der Band (der mit Heavy-Metal-Vergangenheit) freut sich über die Nebelmaschine im Club. Zweite Gruppe des Abends: Holmes aus Schweden versprühen wohlige Lagerfeueratmosphäre - da wird uns warm ums Herz. Und wieso spielt eigentlich in jeder skandinavischen Band eine gutaussehende Frau mit? Nach dem Konzert drehen wir vier noch lustige Videos auf der Treppe zur Bandwohnung. Thema: Fahrt durchs Bergwerk.

02.10.08 - Wolfsburg: Hallenbad. Das Hallenbad in der Autostadt Wolfsburg ist wie der Name schon sagt ein stillgelegtes Schwimmbad: groß und hallig. Wir teilen uns die Bühne mit 1000 Robota und Blickfeld zu Ehren eines großen Kneipenfests. Dementsprechend alkoholisiert und buntgemischt ist das Publikum - vom Indiekid bis zur flotten BWLerin ist alles dabei. Die Konzerte werden eingeleitet von kurzen Vorführungen des PS-Spiels "Singstar" - flotte BWLerinnen versuchen sich an Songs wie "Lemon Tree". Super Entertainment-Masche, leider aber die falsche Grundlage für unsere -ähem- feingeistige Kunst. Wir schalten auf Autopilot und zocken uns durch ein nicht gerade enthusiastisches Set. Aber immerhin - einige Menschen in der Halle scheint es zu freuen. Im Anschluss ärgern wir uns über 1000 Robota, die einen Rockstarfilm fahren, dass man sich ekeln könnte. Schnell sagen wir Adieu und entschwinden angenervt Richtung Hotel.

03.10.08 - Hamburg: Uebel und Gefährlich. "Hallo, ich bin der Niels" - das uns ausgerechnet eine Legende der deutschen Musiklandschaft an der Tür zum Uebel und Gefährlich begrüßt, verschlägt uns die Sprache. Jedenfalls hilft uns besagter Niels erstmal beim Verstärkerschleppen, der Club liegt nämlich im vierten Stock. Dafür verfügt er über den wahrscheinlich besten Ausblick-aus-einem-Backstageraum ever. Besonders erwähnenswert ist auch der eigens im Club angestellte Koch, der einen Lachs hinzaubert der sich gewaschen hat. Freudig begrüßen wir die zweite Band des Abends, Silvester - die Sängerinnen und den Gitarristen kennen wir schon länger und es ist immer schön sich wiederzusehen. Die Stimmung vor dem Konzert ist etwas nervös - in Großstädten herrscht immer diese professionelle Atmosphäre, das Publikum wirkt etwas abgeklärter. Ist aber gar nicht so, wir spielen ein nicht sagenhaftes, aber rundes Konzert. Nur Mathias fühlte sich "ein wenig angestrengt", sagt er. Vielleicht wegen Niels.

07.10.08 - Köln: Blue Shell. Im Blue Shell passieren merkwürdige Dinge: beim letzten Konzert in dem Kölner Club sprang Veras Mac just vor dem ersten Lied nicht mehr an, dieses Mal rauscht Philipps Bassbox beim Soundcheck ab und ungefähr nach dem zweiten Stück geht der Bühnenstrom in die Knie. Aber - plötzliches Chaos macht spannende Konzerte. Und kleine Bühnen auch, denn wir sind am besten wenn wir dicht gedrängt beisammen stehen. Es wird ein lärmiges und wütendes Konzert und ein Heimspiel - fast hundert Leute sind gekommen, darunter viele Freunde und Bekannte. Zufrieden wankt ein Teil der Band später am Abend noch ins Stereo Wonderland, während Claus Schulte wiedermal ganz Kölle am Kickertisch das Fürchten lehrt.

10.10.08 - Stuttgart: Kellerclub. Sogenannte "Künstlerwohnungen" sind ja auf Tour immer eine willkommene Abwechlung zu Hotels oder Jugendherbergen. Meist nah am Club gelegen, kann man hier die lange Zeit bis zum Konzert gemütlich auf der Couch überbrücken und nicht in einem miefigen Backstageraum. Somit verfolgen wir noch kurz vor Konzertbeginn gebannt den ersten Teil von "Star Wars" im Fernsehen. Ob es an Fernseher und Couch liegt? Jedenfalls spielen wir heute eine etwas zu gemütliche Variante unserer Stücke, der Funke will nicht so recht zünden. Das Publikum ist hibbelig und nicht bei der Sache. Direkt nach dem Konzert bollert die Indiedisco los und ein schwer betrunkener Junge fliegt uns in die Bassdrum. Wir sind müde und fühlen uns plötzlich zu alt für Indierock. Vor dem Schlafengehen belohnen wir uns noch mit einem Halloumisandwich beim wohl schnellsten und lautesten Dönerladen Stuttgarts: direkt neben dem Mos Eisley, bitte ausprobieren, anschreien lassen und genießen.

11.10.08 - München: Orangehouse im Feierwerk. Letzter Tourtag, goldener Herbst in München. Die Stimmung ist melancholisch - es ist nicht nur das letzte Konzert einer schönen Konzertreise, es wird auch das letzte für Vera sein, denn sie wird die Band aus Zeitgründen leider verlassen. Der Abend wird von dem lokalen Radiosender M94.5 präsentiert und die Atmosphäre im Club ist freundlich: Überall wuseln junge, engagierte Menschen herum. Als zweite Gruppe des Abends ist die überaus tolle Band Headlights aus Illinois angesagt. Es soll eins der schönen Lichter-Konzerte werden, denn wir merken: die Leute sind bei uns, wir können sie mit der Musik berühren. Dementsprechend elegisch beleben wir zu viert noch bis spät in die Nacht die Tanzfläche mit wilden moves. Als wir schliesslich todmüde ins Taxi fallen denken wir dass es verdammt gut ist, dieses Tourleben.

Das Debütalbum "Lichter" ist bei Loob Musik erschienen.