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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

New Forms

Lex, Pole, Danger Mouse & Jemini, Noah 23

Es tut sich was im Staate HipHop und angrenzenden Provinzen. Die Übergänge zu Electronica, Experimental- und Gitarrensounds waren schon lange nicht mehr so fließend. Grade abseits des Corporate-Mainstreams entwickelte sich in den letzten Jahren in den USA und anderswo ein Underground, der sich zuneh
Geschrieben am

Es tut sich was im Staate HipHop und angrenzenden Provinzen. Die Übergänge zu Electronica, Experimental- und Gitarrensounds waren schon lange nicht mehr so fließend. Grade abseits des Corporate-Mainstreams entwickelte sich in den letzten Jahren in den USA und anderswo ein Underground, der sich zunehmend als Alternative und Frischzellenkultur für diverse Indie-Lebensentwürfe anbietet. Ein eingefleischter IDM-Guru wie Thomas Morr findet auf einmal Labels wie Anticon, Mush oder Def Jux ganz klasse und releast mit Populuos italienischen Instrumental-HipHop der Extraklasse. Thomas Fehlmann wird als Produzent für das New Yorker Underground-HipHop-Label Counterflow und deren Secret Frequency Crew gesichtet und legt bei seinen DJ-Sets statt Techno und House auch gerne mal eine Platte von Five-Deez-Rapper Fat Jon auf. Dieser arbeitet im Berliner Exil mit Scape-Boss und Glitsch-Dub-Mastermind Pole zusammen, während man bei Warp – ehemals dem Mutterschiff für “Intelligent Techno” – mit dem neuen Sublabel Lex das künstlerische Portfolio in Richtung klischeefreien Anders-HipHop erweitert. Und wer wie Danger Mouse & Jemini gekonnte Wortakrobatik zelebriert und gleichzeitig geschichtsbewusst samplet, braucht sich nicht mal mehr aufs “Experimentelle” zu berufen, um bei Party-entwöhnten Knobtwistern mit fetten Beats offene Türen einzurennen.

RETHINK

Stefan Betke, in seiner Rolle als Musiker wohl besser als Pole bekannt, hat sich immer schon dafür interessiert, was passiert, wenn man vermeintlich überdefinierte Genres gegen den Strich bürstet. Auf seinem Label Scape erforschen Laptop-Artists wie Deadbeat oder Kit Clayton schon lange die Grenzbereiche von Electronica und dem, was Betke gerne “urbanen Dub” nennt. Seit dem internationalen Erfolg seines 2000er-Albums “3” wird sein Sound fast überall mit minimalem Dub, Clickssounds und der Nutzbarmachung von Störgeräuschen in Verbindung gebracht. Doch der legendäre defekte “Waldorf 4-Pole”-Synthesizerfilter, der Betkes Soloarbeit irgendwann 1996 einmal den Namen gab, hat auf dem neuen, schlicht “Pole” betitelten Album erst mal ausgeknistert. Bereits auf den beiden EPs “45/45” und “90/90” arbeitete er mit Gastmusikern wie dem Kontrabassisten August Engkilde oder dem Saxofonisten Thomas Haas zusammen. Trotz Beibehaltung der sparsamen Soundästhetik bringen diese Elemente den Pole-Sound in eine organischere Richtung.

Außerdem erhalten die Tracks zum ersten Mal auch eine Stimme. Und was für eine: Fat Jon, Rapper aus Ohio, ist mit seiner Gruppe Five Deez bereits seit längerem ein Aushängeschild der US-Underground-HipHop-Szene. Seine Lyrics passen sich den langsamen Beats Poles fantastisch an, sind immer auf den Punkt und produzieren, wie beim Opener “Slow Motion”, kleine philosophische Wunder. Es geht um Zeit, den Dehnungseffekt, der besonders beim Pole-Dub oft zu beobachten ist, aber auch um eine Zeiteinteilung des Lebens: “Everything you do in this world, in this life, has a timecode attached to it.” Spoken word poetry im besten Sinne. Während Pole ein reduziertes, präzise verschlepptes Rhythmusgerüst aufbaut, fügt Fat Jons ausgefeilter Redefluss dem Ganzen eine völlig ungeahnte Dimension hinzu.

Sezierst du HipHop jetzt so, wie du es bereits mit Dub erfolgreich gemacht hast?
Pole: Meine alten Sachen waren ja auch nie richtig Dub. Trotzdem gab es eine eindeutige Referenz. Runtergestrippt bis auf das minimal Notwendige, damit man das noch als Dub erkennen kann. Diese Elemente sind auf der neuen Platte immer noch vorhanden. Ich habe nur die Füllelemente, Clicks&Cuts und Rauschen, rausgenommen und wieder angefüllt mit Referenzen, die ich aus dem HipHop nehme. Die ermöglichen mir, wieder eine Beatstruktur einzubinden, die mir – nachdem ich drei Alben und unzählige Tracks ohne Beats gemacht habe – auch ein wenig gefehlt hat. Da HipHop sich schon länger am interessantesten gestaltete, war es für mich nahe liegend, ihn auch für mich aufzugreifen. Underground-HipHop öffnet sich allen möglichen Einflüssen. Wenn man an Labels wie Counterflow, Anticon oder Mush Records denkt, oder an Beans und das Antipop Consortium, das sind alles Protagonisten, die in der Richtung sehr aktiv sind.

Mit was für einem Filter näherst du dich dem Thema HipHop auf der neuen Platte?
Pole: Was mich an HipHop fasziniert und wo ich meinen Anker einwerfen kann, sind die Grooves. Mich interessiert nicht die Attitüde, der Lifestyle, sondern der Beat, so eine Lockerheit der Programmierung. Kennst du z. B. Jay Dee aus Detroit? Der hat eine wunderbare Art und Weise, ein simples Loop zu haben, das einfach so dasteht. Und das wird dann aufgefüllt mit ‘nem Beat. Das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Rollen funktioniert auf eine so simple Art und Weise, aber so catchy, dass mich das fasziniert. Das war auch immer mein Pole-Ansatz: Nimm ein einfaches Loop, addiere etwas dazu – damals diese Clicks&Cuts-Geschichten –, und das muss dann fünf Minuten halten und catchy klingen. Ich finde den Purismus, diese Einfachheit, die da drinsteckt, faszinierend. Dadurch wird etwas transportiert, was du sonst gar nicht siehst, wenn du die Dinge mit anderen Sounds überlagerst. Dabei entstehen dann so Geschichten wie bei Dose One, der diese Leere als Vehikel für seine literarischen Ergüsse nutzt. Das ist fantastisch.

Im Extremfall passieren dann so Pausen wie bei “The Bell”, wo der Reimflow von Fat Jon zusammen mit der Musik und passend zu den Lyrics wirklich für mehrere Sekunden abbricht und sich diese Pause immer weiter auszudehnen scheint.
Pole: Ich arbeite gerne mit der Erwartungshaltung des Hörers. “Slow Motion” zum Beispiel hängt total. Das ist für mich ein Stilmittel, das ich langsam für mich wieder entdecke. Normalerweise würde man Bassdrum, Hihat und Snare klassisch setzen, wenn man dann aber die Snare um ein Vielfaches von dem, was üblich ist, nach hinten verschiebt, was passiert dann? Da entsteht ein Bedürfnis beim Hörer. Wenn die Snare nicht da kommt, wo sie eigentlich sein sollte, hast du an der Stelle einen Freiraum, den du neu codieren kannst. Das finde ich spannend. Das funktioniert natürlich nur, wenn du das nicht überlagerst und nicht sofort wieder mit dem nächsten schrägen Beat ankommst.

Du hast neulich mit Fat Jon auch auf der Lex-Labelnight “Solexism” in London gespielt. Was gefällt dir an dem Zeug, das die rausbringen?
Pole: Lex ist ja schon der Versuch, als Labelidee neuem – ich mag solche Begriffe nicht so gerne –, sagen wir mal: modernem, experimentellem abstract HipHop eine Plattform zu geben. Ursprünglich eher so 12-Inch-orientiert, jetzt auch auf Alben. Lex ist aber nicht nur ein puristisches HipHop-Label. Boom Bip z. B. ist gar nicht so richtig HipHop, fast Rockmusik-mäßig, mit Band und so. Oder Dose One – das ist nicht HipHop in Reinkultur. Das ist teilweise ein echter Grenzgang. So was interessiert mich ja immer, weil sich das mit der Pole-Methode deckt. Ich versuche ja auch immer irgendwo Anleihen zu machen und durchaus etwas in eine Richtung zu treiben, diese Richtung aber dann nie eindeutig zu erfüllen.

Aber du spielst ja auch immer mit diesen Dub-Elementen... Pole: Aber die alten Sachen waren ja auch nie richtig Dub. Trotzdem gab es eine eindeutige Dubreferenz. Runtergestrippt bis auf das minimal Notwendige, damit man das noch so als Dub erkennen kann. Diese Sachen sind immer noch in der neuen Platte vorhanden. Ich habe so diese Füllelemente, Clicks & Cuts und Rauschen, rausgenommen und wieder angefüllt mit Referenzen, die ich aus dem Hiphop nehme. Die ermöglichen mir auf der einen Seite, wieder eine Beatstruktur einzubinden, die mir – nachdem ich drei Alben und unzählige Tracks ohne Beats gemacht habe – auch ein wenig gefehlt haben. Da Hiphop sich im Moment für mich von der musikalischen Vielfalt und Bandbreite her am interessantesten gestaltet, war das für mich ein naheliegendes Phänomen, das aufzugreifen.

Ich finde es interessant, wie unterschiedliche Leute grad in letzter Zeit Hiphop für sich entdecken, obwohl sie z.B. wie Scott Herren von Prefuse aus einer Indie-Richtung kommen. Grade in den USA wird Hiphop ja auf dem Mainstream-Level stark von Klischees dominiert, die es für weiße Elektronikbastler eher unattraktiv machen sollten.
Pole: Die Amerikaner haben da schon selber einen vorgelegt. Wenn man an Labels wie Counterflow, Anticon, Mush Records, denkt, an die Releases von Five Deez angefangen über Dose One, Jay Dee, der auf einmal Sachen mit Dabris zusammen macht, Beans und das Anti Pop Consortium, alle Protagonisten geben da schon eine Richtung vor. Dass da jetzt bestimmte Elektroniker aus Europa auch folgen wollen, wenn auch aus einem anderen Ansatz heraus, macht schon Sinn, besonders wenn man bedenkt dass in Sachen Innovation in der Elektronik im Moment auch grade nicht so viel los ist.

Das ist ja auch ganz klar eine gewisse Ermüdungserscheinung dem ganzen Laptop-Glitsch Kram gegenüber.
Pole: Das ist im Moment vielleicht grade ein bisschen inflationär und man würde gerne wieder so ein bisschen frischen Wind in das ganze Ding bringen. Das war zumindest Motivation für mich jetzt. Ich habe früher, so 90-96 ja auch viel Hiphop gehört, dann aber irgendwie das Gefühl gehabt, das hat sich jetzt totgelaufen. So ein bisschen dieser Ermüdungseffekt, nur in der anderen Richtung. Jetzt ist es halt so, dass es eine Art Rückbesinnung für mich ist, und das ist wohl bei anderen Leuten auch so. Interessant finde ich dann auch, dass grade auch Leute, die nicht direkt aus der Hiphop-Szene kommen, eingeladen werden zu solchen Sachen wie der Lex-Nacht. Aber die Leute sind auch offener als früher.

Ich fand zuletzt ja auch die Fort Tet super, der hat ja mal vor Jahren ne Split-EP mit dir zusammen auf Leaf rausgebracht. Wie findest du dessen neuen Sachen?
Pole: Ich kenne Kieran ja schon lange, wir mailen uns immer mal wieder. Das lustige ist, dass wir uns beide über die Jahre an Hiphop rangearbeitet haben, das Resultat aber gegenseitig nicht leiden können. Für mich ist das, was er da macht, alles ein bisschen zu viel, für ihn ist mein Zeug glaube ich zu minimalistisch. Wir mussten so lachen. Wir haben eine ähnliche Entwicklung in den letzten Jahren durchlaufen, kommen aber bei völlig unterschiedlichen Ergebnissen an, mit denen wir gegenseitig nicht so viel anfangen können.

Die Raps haben ja meist schon soviel Rhythmus, auch bei Fat Jon auf deiner Platte. Hat er die Tracks fertig produziert gekriegt?
Pole: Ja, das waren fertige Instrumentals, die habe ich ihm vorgespielt und die haben wir dann diskutiert. Er hat dann die Texte geschrieben und ich habe die Stücke entsprechend noch etwas ausgedünnt und Sachen weggelassen, wo er für seine Lyrics Platz brauchte. Das hat für uns beide gut funktioniert.

Wie alt sind die Sachen mit Fat Jon jetzt?
Pole: Zuerst habe ich mit den beiden Jazzern August Engkilde und Thomas Haas aufgenommen. Das war denn wieder Ausgangsmaterial für viele andere Stücke. Das ist so im letzten Jahr passiert, und im Sommer bin ich auf Suche nach nem Rapper gegangen. Ich habe auch Aufnahmen mit Earl 16 gemacht, aber das passte am Ende nicht in den Kontext, den ich da angestrebt habe. Über Thomas Morr habe ich dann im Oktober letzten Jahres Fat Jon kennengelernt, und das hat von Anfang an gut geklappt.

Du benutzt trotzdem ja noch diese Dub Elemente, Echos, viel Hall, diese Harmonika-Sounds. Glaubst du, es gibt eine spirituelle Dimension im Dub, die du mit deiner Musik auch aufgreifst? Der Opener „Slow Motion“ ist ja sehr philosophisch, es geht um das Thema Zeit. Ist das etwas, das man mit Dub besonders gut transportieren kann?
Pole: Ich glaube, ich weiß was du meinst. Reggae und Dub haben ja auch was spirituelles, das ist vom Ursprung her ja religiöse Musik – Jah und Prince Far I und die Rückführung ins gelobte Land. Das ist natürlich bei mit kein Thema, ich würde mir nicht anmaßen, auf einmal die jamaikanische Religion zu vereinnahmen. Aber es gibt eine Räumlichkeit, die man mit diesen Elementen schafft. Ich benutze die Methoden des Dub, um Freiräume offen zu legen. Du hast einen Akkord, einen Event, das passiert hier, und das wir nicht wie in der deutschen Musik im 4/4-Takt wiederholt und die Musik so dicht wie möglich gemacht, sondern da wird ein Hall drauf gelegt und das Event klingt nach, hat aber schon einen viel leichteren, luftigeren Charakter und lässt Freiraum, da etwas hineinzuschieben und mit den Elementen zu spielen. So eine Beweglichkeit, oder auch eine Laisser-Fair Haltung, eine Offenheit gegenüber den Dingen, zum Ausdruck bringt. Für mich ist das einer der wichtigsten Anteile ín dieser Methode, mit Musik umzugehen. Luftigkeit, Simplizität, Platz lassen, den Platz wieder auffüllen, die Sachen wieder rausnehmen, Freiräume wachsen lassen.

Als Extremstes passieren dann so Pausen, wie bei „The Bell“, wo der Reimflow von Fat Jon zusammen mit der Musik und passend zu den Lyrics wirklich für mehrere Sekunden abbricht und sich diese Pause immer weiter auszudehnen scheint.
Pole: Das ist diese Idee auf die Spitze getrieben. Ich arbeite gerne mit der Erwartungshaltung des Hörers. „Slow Motion“ zum Beispiel hängt total. Das ist für mich ein Stilmittel, das ich langsam für mich wiederentdecke. Normalerweise würde man Bassdrum, Hihat und Snare klassisch setzen, wenn man dann aber die Snare um ein vielfaches, von dem, was üblich ist, nach hinten verschiebst, was passiert dann? Da entsteht ein Bedürfnis beim Hörer, wenn die Snare da nicht kommt, wo sie eigentlich sein sollte, hast du da einen Freiraum, den du neu codieren kannst. Das finde ich spannend. Das funktioniert natürlich nur, wenn du das nicht überlagerst und nicht sofort wieder mit dem nächsten schrägen Beat ankommst.

Bei „Back home“ gibt es dann wieder mehr musikalische Elemente.
Pole: „Back home“ ist für mich auch inzwischen sehr wichtig geworden, mit diesem E-Piano Loop und dem komisch verschobenen Beat. Das ist das komplexeste, dichteste Stück von allen.

Wird Fat Jon auch live dabei sein?
Pole: Der bringt ja im Herbst sein eigenes Five Deez Album raus, aber sonst ist er dabei.

REFORM

Auch ein Label wie Warp hat schon lange erkannt, dass man die Erwartungshaltung seiner Fans von Zeit zu Zeit ein wenig torpedieren muss. Electronica ist eben nicht alles. In Sachen cooler Indie-HipHop ist Warp längst mit Releases vom Antipop Consortium, den HipHop-Dekonstruktionen von Prefuse 73 (a.k.a. Scott Herren) bis hin zu den Solo-Releases von Beans am Start. Mit dem neuen Sublabel Lex geben sie experimentellem HipHop eine weitere Plattform. Angefangen als reines 12-Inch-Outlet mit ausgesprochen aufwändigem Artwork und Coverdesign, umfasst die Releaseliste inzwischen weit mehr, als man gemeinhin unter dem Etikett HipHop vermuten würde. Um rauszufinden, worum es bei Lex geht, bietet sich der umfassende Labelsampler “Lexoleum” an. Da ist z. B. der bereits von Pole erwähnte Boom Bip aus Cincinnati, auf dessen Album “Seed To The Sun” eigenwillige Electronica-Sounds und jazzig Hand-Gespieltes einen wilden Stilmix mit rapfreien HipHop-Beats und Scratching eingehen. Oder der New Yorker MC Tes, der sich mit nasal quäkender Stimme durch die eigenbrötlerischen Stolperbeats seines Debüts “X2” rappt. Mummy Fortuna’s Theatre Company sind stolze Besitzer einer Lizenz zum Schnellfeuer-Rap, während Leute wie Disflex 6 spärliche Klassiksamples zu holprigen Minimal-Grooves auffahren.

“Spät-80er- und Früh-90er-HipHop aus New York und L.A. hatten einen großen Einfluss auf mich”, beschreibt Labelmacher Tom Brown das Fundament von Lex. “A Tribe Called Quest, Tha Alkaholiks, The Pharcyde oder Wu-Tang haben HipHop frisch gehalten, so dass 1998, als ich in Sheffield die Clubnacht ‘Dropping Science’ veranstaltete, bereits wieder ein gesunder Untergrund aktiv wurde. Ich habe Shows für Latyrx, The Automator, People Under The Stairs oder Kid Acne gemacht und dabei mein Verständnis von HipHop sehr erweitert. Lex reflektiert das ganz gut.” Mit dem Umzug von Warp nach London bekam Brown die Gelegenheit, seine bisherige Promo-Tätigkeit im HipHop-Bereich in Form eines Labels weiterzuführen und zu erweitern: “Die Leute bei Warp waren schon immer auch an HipHop interessiert. Plaid oder Autechre, die Rephlex-Jungs, Skam, Push Button Objects – die haben alle ganz unterschiedliche Verbindungen zu HipHop. Dass im Moment so viele HipHop-Artists einen Crossover in elektronische Bereiche unternehmen und umgekehrt, macht diesen Zusammenhang nur wieder etwas offensichtlicher. Das war aber immer schon da.”

REWIND

DJ Danger Mouse & Jemini sind in diesem Umfeld sicher diejenigen, die auf Lex für die klarste Anbindung an den heavyweight HipHop-Sound der frühen Neunziger stehen. Danger Mouse, 24-jähriger US-Producer, der sich in den letzten Jahren als Bootleg-DJ in London seine Sporen verdiente und so an einen 12-Inch-Deal mit Lex kam, suchte dafür den Kontakt zu einer seiner persönlichen MC-Legenden: zu Jemini “The Gifted One” aus New York. Dieser wurde nach der viel beachteten 1995er-12-Inch “The Funk Soul Sensation” von seiner Plattenfirma Mercury auf Eis gelegt und hielt sich über die Jahre vor allem mit Remixen und Gastauftritten für andere Artists über Wasser. Seinem präzisen Rapstyle hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. “Ghetto Poplif”, das gemeinsame Debüt von Danger Mouse & Jemini, vereint vollsoundige Oldschool-Partytunes, satte Beats und schlaue Lyrics und nimmt, wie beim Titeltrack, auch die eigene HipHop-Kultur unter die Lupe oder demonstriert in dem wütenden Killertrack “Bush Boys” deren Widerstand gegen das Bush-Regime.

Wie fühlt ihr euch auf Lex?
Danger Mouse: Wir sind nicht unbedingt eine experimentelle HipHop-Band. Wir wollen zwar einen neuen Sound machen, aber nicht notwendigerweise mit neuen Techniken.
Jemini: Wir wollen “reminiscent” bleiben in Bezug auf die alten Sachen, sodass du daran erinnert wirst. Es soll nicht so klingen wie damals.
Danger Mouse: Tes oder Boom Bip sind schon anders, Boom Bip ist der instrumentale weiße Jazz-Typ, Tes der hoch gepitchte, avancierte Producer. Wir haben alle unsere spezielle Seite und treten nicht in Konkurrenz zueinander. Tom sagte mir auch, dass er keine weiter Gruppe mit unserem Style auf das Label nehmen wird, das ist unsere Nische.
Jemini: Ich glaube, die Leute hören uns, weil sie den klassischen HipHop-Sound mögen, das Ganze aber mit einem offenen Ohr tun und dabei nicht stehen bleiben wollen. Ich möchte nicht, dass Leute in Nostalgie stecken bleiben. Erinnerung ja, ein tiefes Verständnis für die Klassiker, aber trotzdem ist unser Zeug ja neu, es ist zeitgemäß, auch wenn es auf den Anfang der Neunziger verweist. Man nennt ja auch so viele Sachen “oldschool”, altes 80er-Zeug, Bambaata und so, aber inzwischen auch Sachen aus den End-80ern und frühen 90ern. Es gibt sogar Leute, die nennen Leaders Of The New School “oldschool”!

Ich finde das Album schon sehr klassisch, auf eine total angenehme Art. Man achtet nicht so sehr auf die crazy Sounds, sondern hört mehr auf die Lyrics.
Jemini: Ich finde es gut, dass du das sagst. Das wollten wir erreichen. Ich wollte, dass dieses Album ein Klassiker ist, ein Album, das du noch in einigen Jahren hören willst. A Tribe Called Quests “Lower End Of Theory” und solche Sachen, das sind Klassiker ...
Danger Mouse: Ich finde es gut, dass Leute bei Lex und Warp erst mal was Experimentelleres erwarten, aber das hier gehört eben genauso zum Spektrum. Sie werden deshalb jetzt nicht zum HipHop-Spezialisten. Es geht um die Vielfalt. Leute wie Broadcast oder Aphex Twin sind wirklich sehr verschieden ...

Ich habt ja eher zwei Seiten, einmal eine Party- bzw. eher “Bad Boy”-mäßige, dann haben einige Sachen wie “Bush Boys” aber auch klare politische Inhalte und mehr Tiefe. Wie ist da das Verhältnis?
Jemini: Für mich reflektiert die Zusammenstellung der Songs meine Persönlichkeit. Es gibt da viele unterschiedliche Komponenten. Bei HipHop denken die Leute immer, dass wenn du ein “thugged out”-Typ bist, du auch zu Hause nur so Zeug hörst und zu Frauen nur “bitch” sagst. Ich will alle Seiten von mir einbringen. Da gibt es eine politische, ich hänge aber auch gerne einfach ab und mache mit Chicks rum. Ich mache gerne Party.
Danger Mouse: Du kannst spezialisiert sein, aber so unterschiedliche Seiten musikalisch zu vereinen ist fast schon schwierig. Niemand ist die ganze Zeit über gut oder böse. Niemand ist immer derselbe, aber grade im HipHop wird man schnell auf eine Position reduziert. Ich höre auch Rock-Zeug, Queens Of The Stone Age und so was, aber natürlich auch HipHop.
Jemini: Ich höre neben HipHop weniger Rock-Zeug, dafür aber vielleicht Frank Sinatra. Die Leute erwarten von einem Underground- und Hardcore-MC aber eben andere Sachen. Ich schreibe HipHop-Songs vor dem Hintergrund alter R’n’B-Songs. Die Art, wie sie Songs geschrieben haben, die Sachen, über die damals geredet wurden. Alte R’n’B-Sachen wie Gloria Gaynor oder die O-Jays, 70s-Soul, das ist meine Perspektive, wenn ich HipHop-Songs schreibe. Die R’n’B-Essenz treibt mich an.

RESPECT

Natürlich kann man damit den Sack noch nicht zumachen. Während mit den Lost Treasures in Berlin eine Supergroup, bestehend aus u. a. Gonzales, Peaches, ehemaligen Digital-Hardcore-Artists und Leuten aus dem Audio-Chocolate-Umfeld, feisten Electro-Trash-HipHop auffährt, rappt zum Beispiel der kanadische Reimkünstler Noah 23 auf seinem Debüt “Quicksand” zu schrägen Beats über “Maple Sirup” und Burroughs’ “Language Is A Virus”. Interessant nicht nur wegen der feisten Styles, die der blutjunge MC und Producer hier anschiebt: Von jazzigen Soundloops, Breakbeats bis zu Indie-Einflüssen und Klassik ist hier alles dabei. Vor allem überzeugt aber die unprätentiöse Art, die Qualitäten wie clevere Lyrics und einen selbst noch bei Schwindel erregendem Tempo kontrollierten und präzisen Wortfluss in den Vordergrund treten lässt. Dass das Ganze hierzulande über das junge Hamburger Label 2nd Rec, das bisher vor allem durch die italienischen Elektroniker Giardini Di Miró auffiel, via Hausmusik-Vertrieb auf die Plattenteller kommt, zeigt noch einmal, wie nahe sich Indie-Electronica und HipHop-Welten längst sind.

Es scheint, die Türen standen schon lange nicht mehr so weit offen. Die kreativen Möglichkeiten und gegenseitiges Crossover-Potenzial sind offensichtlich. HipHop hat zur Zeit gerade in der Nähe seiner eigenen Grenzen vielfach spannendere Momente, als man das in seinem jeweiligen Genre-Ghetto glauben dürfte. Will aber nicht heißen, dass nun bei allen eingefleischten Indie-Slackern und durchschnittlichen Elektronik-Nerds die Hose auf Halbarsch hängen muss. Posen sollen die anderen.