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Leslie Feist kann nicht gut lügen

Feist

Vanessa Romotzky sprach mit Leslie Feist über die Aufnahmen ihres neuen Albums, die geheimnisvollen Videos, mit denen sie »Metals« im Internet bewirbt, und über die Kunst des Lügens.
Geschrieben am
Leslie Feist ist Apple-Opfer – im positiven Sinne. Als im Herbst 2007 ihr Song »1234« die iPod-Nano-Kampagne untermalte, wurde aus einem von vielen Mitgliedern des kanadischen Kollektivs Broken Social Scene ein Superstar. Mit »Metals« legt sie nun ihr viertes Album vor. Mit der Dokumentation »Look At What The Light Did Now« hast du zuletzt Einblick in den langwierigen und arbeitsintensiven Aufnahmeprozess zum Vorgängeralbum »The Reminder« in Frankreich gegeben.

Kann man sich die Aufnahmen für das aktuelle Album »Metals« in Kalifornien ähnlich vorstellen?
Grundsätzlich schon. Die Umgebung war zwar eine andere und die Gruppe kleiner, aber Produktionssessions gab es ähnlich viele. Trotzdem verliefen die Aufnahmen in zweieinhalb Wochen viel schneller. Wir lebten in einer Residenz in Big Sur, haben das Studio wieder selbst aufgebaut. Wir fanden da eine Scheune, die eine Malerin eigentlich als Atelier nutzte. Da die Scheune aber riesig war und die Malerin quasi nur in einer Ecke davon malte, konnten wir sie dennoch anmieten. Wir haben das ganze Equipment aus Kanada und Los Angeles auf Trucks rübergebracht und über Ziegenweiden transportiert. Ich habe unglaubliche Fotos davon, wie wir das Klavier über eine Pferdeweide karrten. Das Ganze kann man sich als eine ländlichere Americana-Version dessen vorstellen, was es im Film zu sehen gab.

Auf dem Cover von »Metals« sieht man einen F-förmigen Baum. Gibt es den wirklich?
Ja, in Big Sur gibt es so einen Baum. Na ja, ich zwinkere mal mit den Augen, während ich das sage. Es gibt zumindest einen Baum, der beinahe so aussieht. Ich glaube, ich kann meine Lüge nicht mehr aufrechterhalten – ich habe einem anderen Journalisten erzählt, es gäbe in Big Sur einen Alphabet National Park, einen ganzen Wald voller Bäume in Buchstaben-Form.

Und das hat er geglaubt?
Ja. Und wenn ich mich nicht schuldig fühlen würde beim Lügen, wäre das doch eine super Story.

Was hat es denn mit den geheimnisvollen Videos auf sich, die du peu à peu ins Internet stellst und auf denen man die neuen Songs hören kann?
Man hört nie den ganzen Song, nur Fragmente. Manchmal ist das nur die Stimme, dann allein das Schlagzeug. Ich hoffe, dass die Summe dieser kleinen Stücke den Leuten eine Vorstellung vom neuen Material gibt. Ich wollte damit auf keinem Fall etwas genau erklären, sondern einen Eindruck gewähren. Etwas, das für mich so groß ist wie meine Musik, kann ich nicht mit Worten in einem Interview in kleine Erklärungen einkapseln. Die Clips scheinen mir die passendere, da nicht explizite Art. Ist nicht das Mysteriöse immer viel spannender?

Das heißt, du fühlst dich jetzt auch nicht wohl dabei, mir etwas über die neuen Stücke zu erzählen?
Ich fühle mich unbehaglich, weil es nicht an mir ist, das zu tun. Mein Album ist ja meine Erklärung. Das in Worte zu fassen ist nicht mein Talent – das ist eine Sache für Leute wie dich, die ihr ganzes Leben mit Worten verbringen.

Hast du denn vor, aus den kleinen Videos wieder eine Dokumentation zu machen, wenn das Album erst mal draußen ist?
Oh nein, damit bin ich durch! Ich habe meinen einen Film gemacht. Gonzales sagt ja, man solle keine Dokumentationen machen, bis man 70 ist. Erst dann ist die Sache groß genug. Aber ich wollte mit dem Film auch etwas anderes: Obwohl es darin nur um eine Zeitspanne von fünf Jahren geht, hat sich mein Leben in dieser Zeit sehr verändert. Ich hatte das Gefühl, dass der wachsende Erfolg mit einem Projekt, das meinen Namen trägt, mich weiter von den Leuten entfernte, mit denen ich es aufgebaut habe. Und ich wollte so die Kamera für einige Minuten auf diese Menschen richten, um klarzustellen, dass ich das alles nicht alleine mache. Das war der Hauptgrund für den Film. Ich schreibe zwar die Songs allein, aber ich arrangiere sie und nehme sie zusammen mit anderen auf, gestalte das Artwork zusammen mit anderen und so weiter. Es gibt so viele tolle kreative Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, von denen ich inspiriert werde und auf die ich mich verlasse.

»How Come You Never Go There«, einer der Songs des neuen Albums, erinnert inhaltlich an einen Song vom Vorgänger, »Limit To Your Love«. Kannst du das nachvollziehen?
Wow, das ist spannend. Ich finde es toll, wenn man mich auf Sachen bringt, über die ich noch nie nachgedacht habe. Aber ja, ich verstehe absolut, was du meinst. Beide Songs gehen in dieselbe Richtung, beschäftigen sich mit den Fragen, die du dir in den dunklen Nächten der Seele stellen musst, wenn du schließlich alleine bist und nicht schlafen kannst. Diese traurigen Wahrheiten, dass sich etwas nicht erfüllt.

Meinst du damit konkret, dass man mehr für jemanden empfindet, als es umgekehrt der Fall ist? Ich hatte das Gefühl, dass das auch etwas ist, das die beiden Songs inhaltlich verbindet.
»Limit To Your Love« steht für die Liebe mit einem großen L, diese poetische Sichtweise des Liebens, das es als einen Teil unseres elementaren Grundsystems sieht. Als gäbe es so etwas wie die eine große Wahrheit in Bezug auf Liebe. Im Fall von »How Come« geht es gar nicht so sehr um das große Wort Liebe und das Gewicht, das man damit herumschleppt, sondern mehr darum, warum du nicht zu dem Ort gehst, an dem der andere ist. Es handelt davon, sich an einem gemeinsamen Ort zu treffen – denn das ist schon schwierig genug.