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Simon Reynolds »Retromania«

Simon Reynolds gastiert anlässlich der deutschen Veröffentlichung seines Standardwerkes »Retromania« in diversen Städten.
Geschrieben am

Wenn in diesen Tagen die deutsche Ausgabe von Simon Reynolds »Retromania« erscheint, hat sich der Band international bereits als vielleicht wichtigster Beitrag zum popkulturellen Diskurs der Nullerjahre entwickelt. Anlässlich der übersetzten und vom Ventil Verlag veröffentlichten Ausgabe ist Reynolds für einige Lese-Termine in Deutschland (Siehe unten). Intro-Autor Christian Werthschulte sprach vergangenes Jahr im Zuge unseres Retro-Spezials mit dem britischen Musikjournalisten.

Dein Buch trägt den Titel »Retromania«. Was bedeutet das?
Retro im Pop hat eine lange Geschichte, die mindestens bis in die 1960er zurückgeht. Aber im letzten Jahrzehnt wurde Retro zur Manie. Ein archivarisches Delirium hat Pop im Allgemeinen - und Popmusik im Besonderen erfasst. Dieses Phänomen hat mit dem Siegeszug des Internets und der allgemeinen Verfügbarkeit von Breitband-Anschlüssen seit Ende der 90er zu tun. Der kanadische Theoretiker Will Straw hat einmal angemerkt, dass das Paradoxe an »neuen Medien« sei, dass der größte Teil der Inhalte, die auf diesen Geräten vertrieben, gespeichert und geteilt werden, schon alt ist. Es herrscht ein digitales Regime des totalen und unmittelbaren Zugangs zu den kulturellen Artefakten der Vergangenheit – eine Form des Überflusses, die zu einer Art Zwangslage und zu einer Krise geworden ist.


Aber was genau ist neu daran, dass Pop in die Vergangenheit schaut? Schon in den 1950ern haben sich die Teddy Boys über aus der Mode gekommene Kleidung identifiziert.

Die Teddy Boys sind interessant: In den späten 1940ern war es unter Männern der Oberklasse Londons populär, sich im Stil des edwardianischen Gentleman aus der Zeit um 1900 zu kleiden. Dahinter steckte die Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Klassengrenzen noch fein säuberlich definiert waren. Aber die Teddy Boys waren nicht nostalgisch, sondern von den Assoziationen mit dem Lifestyle der Oberschicht angezogen. Also eigneten sie sich diesen Stil unverfroren an. Als »Teddy-Boy-Look« wurde er nicht mit den guten alten Zeiten und der herrschenden Klasse, sondern mit vandalischen Jugendlichen und Rock'n'Roll assoziiert. Ich würde historische Elemente in Musik oder Jugendkultur nicht per se als Retro bezeichnen. In der Folk- und Bluesszene der 1960er wurden alte Formen mit neuen elektrifizierten Instrumenten und Verstärkern gefüllt. Die Texte handelten vom Leben der Boheme oder Gegenkultur. Das passierte sowohl im Kontext von Jugendkulturen als auch in kommerzieller Massenunterhaltung. Retro ist es dagegen, wenn Rock auf seine eigene Geschichte zurückfällt. Das erste Beispiel dafür ist vermutlich Glam Rock mit seiner Beschwörung des Rock'n'Roll der 1950er. Mit Glam Rock wurde Rock selbstreflexiv und blickte auf sein eigenes »Goldenes Zeitalter« zurück.



Ist die von dir beschriebene Retromanie ein Jugendphänomen?
Das Phänomen findet man in allen Altersgruppen. Aber junge Menschen sind besonders versiert darin, sich durch das Archiv des Internets zu bewegen. Ich kenne junge Musiker und Blogger, die mit einer unvorstellbaren Menge und Breite an Musik vertraut sind. In ihrem Alter hätte ich das alles niemals gewusst, weil mein Zugang auf die Musik, die ich mir leisten konnte, beschränkt war. Die Geschichte von Popmusik kann man sich heute durchs Netz erschließen, während ich meinen Kopf noch in Büchern versenken musste, die teuer und nicht in jeder Bibliothek verfügbar waren. Außerdem gab es viel weniger Literatur über Pop als heute.

Wie universell ist diese Manie?
Etwas bewahren zu müssen ist eine sehr westliche Idee. Sie ist auch dort an die Zugehörigkeit zu einer gewissen Klasse und Ethnie gebunden. Die Idee von »Vintage Chic« funktioniert in den Gesellschaftsschichten nicht, in denen Secondhand-Kleidung das Stigma von Armut anhaftet. Ebenso gibt es in afroamerikanischen Musikkulturen keine so stark ausgeprägte Tendenz zu Retro und Nostalgie. Es existiert zwar eine gewisse Ehrfurcht für die Wurzeln von Reggae, Funk oder R'n'B - und im Rap gibt es Künstler wie The Cool Kids, die vom »Goldenen Zeitalter des HipHop« in den späten 80ern inspiriert sind. Aber diese sind nicht erfolgreich. Es gibt kein HipHop-Äquivalent zu den White Stripes oder den Black Keys, deren Erfolg auf den »glorreichen Zeiten« eines Genres beruht, die schon zwei oder drei Jahrzehnte vorbei sind.

Inwieweit werden ausschließlich erfolgreiche Konzepte recycelt?
Franz Ferdinand zum Beispiel klangen im Jahr 2004 mit ihrem Debütalbum wie die späten Talking Heads so um 1980 herum - aber nicht wie deren experimentelle Frühphase in den 70ern. Eine Menge Retro- oder Revivalbands nehmen das Resultat eines Experiments und arbeiten damit weiter. Es wirkt fast so, als hätten sie die harte Arbeit, all das Reifen und die Kämpfe, die nötig waren, um etwas völlig Neues zu erschaffen, einfach übersprungen. Die Talking Heads dagegen machten mit jedem ihrer ersten vier Alben einen gewaltigen Sprung. Auf »Remain In Light« wirkt fast jeder Song wie die Zukunft von Musik. Eine Band könnte heute ihre Karriere auf nur einem einzigen dieser Stücke aufbauen. Mich beeindruckt es eher, wenn eine Band die Idee einer älteren Band verkörpert statt das spezifische Resultat dieser Idee. Vampire Weekend waren zum Beispiel eher eine Reproduktion des Spirits der Talking Heads, nicht ihres spezifischen Sounds.

Welche Rolle spielen ökonomische Motive für die Vorherrschaft von Retro und Revival?
Um Künstler zu einem Megastar zu machen, muss man viel Geld investieren. Das ist vermutlich der Grund, warum die Majors in der Regel ein bereits in der Vergangenheit erfolgreiches Schema wiederholen. Aber das eigentliche Mysterium ist, warum sich Bands, die im hippen Underground unterwegs sind, ebenfalls aus der Vergangenheit bedienen. Eigentlich hat es sich gerade in diesem Bereich immer ausgezahlt, originell, weird oder fremdartig zu sein, um später zur Kultband zu werden. Aber viele zeitgenössische Bands arbeiten wie Archivare, Kuratoren oder Archäologen.

In der Regel müssen Bands heute mit Touren ihr Geld verdienen. Hat das einen Einfluss darauf, welche Elemente aus der Vergangenheit wiederkommen? Zu den Bands des Postpunk-Revivals konnte man eigentlich immer auch tanzen, was bei den Vorläufern in den 80ern eher selten der Fall war.
Das ist ein guter Punkt. Letztendlich wollen die Menschen halt doch eine Melodie hören und dazu tanzen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum es nicht viele Bands gibt, die von No Wave beeinflusst sind. Es existieren zwar mehrere Bücher darüber, aber keine Bands, die wie DNA oder Mars klingen.

Wie hat Musikjournalismus zu den Phänomenen, die du beschreibst, beigetragen?
Die Standards sind heute niedriger als früher. Journalisten sind nicht mehr so unnachgiebig gegenüber abgekupferter Musik. Vermutlich als Resultat eines graduellen Erosionsprozesses, der selbstverständlich dadurch befördert wurde, dass es Bands wie The White Stripes gab, die talentiert und unterhaltsam sind, obwohl sie der Vergangenheit verhaftet bleiben. Für Ariel Pink's Haunted Graffiti würde ich auch sofort eine Ausnahme machen. Aber der Musikjournalismus ist zu einem großen Teil degeneriert und in einen Modus verfallen, in dem nur noch Referenzen, Quellen und Einflüsse genannt werden. Aktuelle Musik verlangt zwar auch genau das. Aber diese Art des Journalismus, von der ich spreche, wirkt lustlos und führt zu einer andauernden Metaisierung, durch die Musik nur noch von anderer Musik anstatt von der Welt da draußen oder dem Innenleben eines Künstlers handelt.

In den 1990ern haben Jungle, Drum'n'Bass und Garage eine Alternative zum Sixties-Revival im Britpop gebildet. Was ist mit dieser Idee von Zukunft in den Nullerjahren passiert?
In den 90ern war »Future« oder »Phuture« überall: in den Pseudonymen von Producern, den Namen von Tracks oder Compilations. Vieles drehte sich um die Idee von Zukünftigkeit. Nach dem Motto: Diese Musik treibt vorwärts in unbekanntes Terrain, sie hat eine besondere Beziehung zur Technologie. Und wenn Klang und Maschinen vereint sind, werden sie die Welt neu erschaffen. Diese Ideen sind in den Nullerjahren fast komplett aus der Dancemusic verschwunden. Falls sie auftauchen, dann in der Regel als Retro-Futurismus - wie zum Beispiel bei Dopplereffekt und ihren verzückenden Assoziationen von Technokratie und Sounds, die an Kraftwerk erinnern. Um das zu erklären, muss man die Geschwindigkeit, mit der sich Dancemusic in den späten 80ern und dem Großteil der 90er veränderte, betrachten. Sie beschleunigte sich, mutierte, bewegte sich in alle Richtungen, von denen einige wie Gabba, Glitch oder Drum'n'Bass sehr extrem waren. Im folgenden Jahrzehnt wurde das Terrain, das die Pioniere der 90er erschlossen hatten, »kultiviert«. Und weil in den 90ern viele Ideen nur angerissen werden konnten, wirkt es auf heutige Producer verlockend, zu diesen Ideen zurückzukehren und sie zu tweaken oder Lücken zu schließen. Dies dürfte der Grund sein, warum die Post-Dubstep-Szene aktuell House wiederentdeckt - oder ältere Phasen aus Drum'n'Bass und UK Garage aufgreift.

Welche Musiker aus dem letzten Jahrzehnt sind nicht Teil der »Retromania«?
Im Rock wirkten besonders die frühen Gang Gang Dance innovativ und befremdlich auf mich. Und nicht zu vergessen Animal Collective. Diese Bands kennen die Musikgeschichte, aber nichts an ihrer Musik ist Retro. Stattdessen haben sie eine Geisteshaltung, die Gang Gang Dance in einem Sample von ihrem neuen Album auf den Punkt bringen: »I can hear everything. It's everything time.« Sie hören wirklich alles, egal, ob aus der Vergangenheit oder der Gegenwart - und zwar aus allen Regionen der Welt. Und es gelingt ihnen, einen Weg durch diesen Schwall an Eindrücken zu schlagen. Das ist die Herausforderung von »Everything Time«: Aus dem Überfluss von Stimuli und Input etwas Kohärentes zu erschaffen.

Simon Reynolds - »Retromania« (Ventil Verlag / 424 Seiten)
17.10. Mannheim / 18.10. Köln / 21.10. Berlin / 24.10. Marburg / 25.10. Frankfurt