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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Tag 2

Les Trans Musicales de Rennes

Die Stadt brummt. Auf den Straßen der schnuckeligen Altstadt drängen sich zwischen mobilen Wurstbratereien Unmengen party-freudiger Jeunes, die den zahllosen Gratis-Konzerten in kleinen Kneipen lauschen oder sich einfach nur gepflegt betrinken wollen, und wir fragen uns, wo all diese Leute auf einma
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Die Stadt brummt. Auf den Straßen der schnuckeligen Altstadt drängen sich zwischen mobilen Wurstbratereien Unmengen party-freudiger Jeunes, die den zahllosen Gratis-Konzerten in kleinen Kneipen lauschen oder sich einfach nur gepflegt betrinken wollen, und wir fragen uns, wo all diese Leute auf einmal herkommen. Uns zieht es zuerst in den angenehm überschaubaren Veranstaltungsort Cité, wo dieser Abend ganz den Ladies gewidmet wurde. Leider mussten wir am Nachmittag erfahren, dass Dani Siciliano wegen Krankheit ihren Gig abgesagt hat und sind deshalb etwas geknickt. Doch die Brasilianerin Cibelle, die in einer avantgardistischen rosa Tunika über die Bühne wirbelt und voller Verve ihre Elektro-Jazz-Bossa-Mischung zum Besten gibt, lässt die gefühlte Stimmungs-Temperatur gleich wieder nach oben schnellen. Man hat das Gefühl, sie und ihre Band freuen sich über die eigene Performance mindestens genauso sehr wie das Publikum, und eines der letzten Stücke wird dann auch mit einer waghalsigen Samba-Tanzeinlage Cibelles gekrönt.

Danach betritt Supa-Sista Ursula Rucker die Bühne, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und nur von einem Gitarristen und Elektronik begleitet. Sie entschuldigt sich dafür, nicht wie sonst so viel mit dem Publikum reden zu können, da sie einen sehr tighten Zeitplan einhalten müsse, hofft aber, durch ihre Poetry zu den ZuschauerInnen zu sprechen. Und das tut sie, wenn sie mit mächtiger, expressiv schwingender Stimme all die beliebten "preconceived misconceptions" über das HipHop-Game in der Luft zerfetzt: "What`s your holy trinity, power, money, sex?"

Wie gerne hätten wir noch weiter an ihren Lippen geklebt und ihrer Spoken-Word-Artistik gelauscht, aber wir müssen weiter in die große Halle, um zumindest noch ein Fitzelchen der bereits hoch gehandelten !!! mitzubekommen. Als wir in den Saal stolpern, erleben wir über unglaublich präzisen Drumbeats noch die letzten konvulsivischen Zuckungen der Jungs aus Amerika, die wie Schimpansen ins Mikro japsen und stehend und liegend herumzappeln. Ein Kollege erzählt hinterher, das sei eines der besten Konzerte des Festivals gewesen und klingt ähnlich begeistert wie die Kollegen nach dem Rapture-Gig in Köln. Ami-Disco-Punk kommt groß, ganz klar.

Im Nebenraum tobt derweil Mu zu Maurice Fultons straight-verspulten Elektronik-Beats in Tutu und Glitzertop wie ein singender Derwisch über die Bühne und füllt damit ganz gut das Pop-Klischee der durchgeknallten Japanerin aus. Ihre eckige, Flummi-artige Tanzperformance wirkt wie das weirde Update zu Cibelles Samba, erschöpft sich aber in seiner Gleichförmigkeit doch relativ schnell. Was uns aber egal ist, denn wir sehen eh kaum was und die Musik ist toll.

Als wir dann in die große Halle zurückgespült werden, denke ich mir, parbleu, da sitzt doch Chris Carrabba einsam mit seiner Gitarre auf den Knien auf der großen Bühne und schreit sein Leid in französische Gesichter! Aber nein, nicht er ist der geheime Überraschungsgast des Abends, es ist natürlich Ben Harper, und ich amüsiere mich selbst über diese unpassende Verwechslung. Der Songwriter, der mit all seinem Schmerz auf mich ein wenig wie die männliche Neuversion Tracy Chapmans wirkt, packt schon nach wenigen Blues-triefenden Songs seine Klampfen wieder ein, denn dann ist es Zeit für diese andere oberphatte Truppe. Wie hieß die gleich nochmal?

Ach, ja: Gang Starr. Denen werden erst mal zwei Einheizer vorausgeschickt, die das Publikum für die Starrs warm machen und schon drauf einstellen, was die nächste Stunde kommt: Gang Starr, Gang Starr, Gang Starr. Als nämlich DJ Premier und der bejubelte Guru auftauchen, wird bald klar, dass die beiden Legenden sich in ihren Ansagen hauptsächlich selbst als realste Urform des Rap representen. Aber klar, wenn Gang Starr "HipHop in its purest form" ist und sie überhaupt "the owners" des "real shit" sind, warum dann nicht das Ganze auf das mantrahafte Wiederholen von "Gang Starr, Gang Starr" reduzieren? Das Publikum ist heiß, springt nach oben, reißt die Arme hoch und macht begeistert mit beim Call-and-Response-Spielchen. Hinter mir in der schwitzenden Menge steht ein Franzose, der auf die Frage "Do you want some more" zwar enthusiastisch, aber leider nicht ganz korrekt statt "hell yeah, fuck yeah" "hell yeah, fuck you" mitbrüllt.

Nach einer kurzen Pause an der Bar, an der der Billig-Cocktail des Tages leider schon ausverkauft ist, drängen wir uns zurück in die Halle, wo wir wohl gerade die zweite Überraschung des Abends verpasst haben: Das französische Peuple de l'Herbe, die gemeinsam mit Beth Gibbons aufgetreten sind und u.a. auch alte Portishead-Nummern kredenzt haben. Tja. Soll voller Pathos und zum Schaudern traurig gewesen sein.

Mit einiger Verspätung tritt dann die aus L.A. stammende Sängerin Leela James auf, die uns als Neo-Soul-Sensation angekündigt worden war und auf die wir einigermaßen gespannt sind. Nachdem die ersten bombastischen Powerfunk-Stücke, bei denen Leela von zwei Keyboardern, zwei Percussionisten, zwei Klampfern und zwei Sängerinnen begleitet wird, vorbei sind, ist unser Enthusiasmus auch schon etwas gedämpft und bei mir blitzt kurz der Gedanke auf, dass mich das eher an Tina Turner und Anastacia als an Erykah, Jill und Angie erinnert. Geschwächt verlassen wir den Saal und erfahren am nächsten Morgen, dass die Power-Attitüde im zweiten Teil deutlich runtergefahren und der Sound sehr erquicklich-funky geworden sein soll.

Bevor wir uns endgültig auf den Heimweg machen, schauen wir noch beim New Yorker Elektro-Eklektiker mit dem lustigen Pseudonym Donna Summer vorbei, der zu Metal-Visuals gerade ein Wall-of-Krach-Gewitter niedergehen lässt. Mit einer Träne im Knopfloch lassen wir uns den DJ-Act von Maurice Fulton entgehen, denn wir sind alt und brauchen den Schlaf.