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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Leichen pflastern ihren Weg

Crocodiles

Sternburger Bier und deutsche Drogen hatten einen großen Einfluss auf »Endless Flowers«, das dritte Album der Crocodiles aus San Diego. Produziert wurde es in Berlin. Hier rechnete die Distortion-Pop-Band auch mit der Bestie Popjournalismus ab. Martin Riemann zog besser den Kopf ein.
Geschrieben am

»14 Nummer-eins-Hits in elf Ländern! 21 Millionen verkaufte Alben weltweit!« Die sonore Stimme klingt echt, die Daten sind es nicht. Es sind nur die schelmischen Crocodiles, die mit einem sogenannten Infomercial ihr kommendes Album »Endless Flowers« anteasen. Sie stellen sich wie eine Band dar, die ihren Sell-out schon lange hinter sich hat und nun mit billigen Werbespots auf Kundenfang gehen muss. Es ist nicht das erste Mal, dass Brandon Welchez und Charles Rowell, die ursprünglich aus San Diego stammen, ihr eigenes Image dekonstruieren. Bereits in ihrem Video zu »Hearts Of Love« gibt es eine Sequenz, wo die beiden Musiker ihren Klonen begegnen und diese anschließend brutal massakrieren, mit Benzin übergießen und anzünden.

Doch wer bleibt da eigentlich übrig? Wenn man den beiden Typen, die mir zum Gespräch gegenübersitzen, Glauben schenken darf, einfach zwei Musikfans, die ausschließlich nach dem Lustprinzip agieren. »Wenn es keinen Spaß mehr macht, wenn es nichts zu lachen gibt, dann könnten wir uns gleich einen stinknormalen Job suchen«, fasst Welchez seine Hauptmotivation zusammen.



Pop aus dem Sarg

Welchez sieht mit seiner klassisch geformten Haartolle und der schwarzen Lederjacke aus, als wäre er gerade einer Straßengang aus dem Musical »West Side Story« entsprungen. Das Outfit seines Kollegen Rowell setzt hingegen eher distinguierte Sixties-Referenzen. Beide sehen gut aus. Und beide wollen zunächst nicht zugeben, dass ihre selbstzerstörerischen Scherze möglicherweise ein Hinweis darauf sind, dass die Crocodiles es satthaben, immer auf dasselbe Image festgenagelt zu werden. Entsprechend geladen reagieren sie dann auch auf den Hinweis, dass sie wegen ihres stark verzerrten, hallgetränkten Sounds ständig im Verdacht stünden, wahlweise The Jesus And Mary Chain, Echo & The Bunnymen oder Spacemen 3 zu kopieren. »Diese Vergleiche sind doch pure Faulheit«, meint Welchez. »Wenn ich eine Beschreibung unserer Musik lese, sehe ich sofort, ob da jemand wirklich zugehört hat. Heute vergleichen uns die Faulen mit The Jesus And Mary Chain, so wie die früher mit Velvet Underground verglichen wurden, davor die Velvets mit Bob Dylan und noch früher Dylan mit Woody Guthrie. Und Guthrie klang wie Lead Belly. Ich schätze, letztendlich kupfern wir alle bei Lead Belly ab.«

Welchez liefert solche Sätze zwar clever und lustig ab, doch seine Band fühlt sich sehr von dieser alltäglichen Form des Popjournalismus’ angegriffen. Das zeigt auch, dass es auf »Endless Flowers« sogar einen Song zum Thema gibt: »Bubblegum Trash«. Ein lupenreiner Popsong, in dem die süßlich verträumte Stimmung früher Surfmusik auf Hall, Krach und Rauschen trifft. Das Lied entstand, nachdem ein Journalist von der Band hatte wissen wollen, ob sie aus ihrer Sicht ernsthaften Psychrock mache oder einfach nur Bubblegum Trash. Welchez genügt schon die Erinnerung an das Interview, um wieder wütend zu werden: »Die Antwort lautete natürlich: Fuck you! Dann lieber Bubblegum Trash. Ich gebe einen Scheiß auf Psychedelic. Unsere Ära ist ein musikalischer Friedhof, und wir alle sind Nekrophile. Es geht hier um Leichen. Psychedelic Music ist eine Leiche. Shoegaze ist eine Leiche. Wenn wir Bock haben, können wir hingehen und in der Leiche herumstochern, aber das war’s dann auch.«
Wiedergeburt durch Punk

Welchez’ Ausführungen klingen vielleicht respektlos, sind aber nur eine berechtigte Volte gegen die Sorte Stilpolizei, die reflexartig die immergleichen Verweise aus dem Ärmel zieht. Was Musik angeht, haben die beiden Crocodiles-Musiker nämlich durchaus existenzielle Erfahrungen gemacht. Welchez beschreibt seine erste Begegnung mit Punk wie ein Erweckungserlebnis: »Erst durch die Sex Pistols wurde ich zu einem menschlichen Wesen. Das war mit 13. Davor existierte ich zwar, aber eher als Geist.« Rowell machte ähnliche Erfahrungen mit Iggy Pops »Lust For Life«. Noch heute suchen beide mit ihrer Band immer wieder nach dem Gefühl der Erfüllung durch die Musik. Dem Energiestoß, den nur sie auslösen kann. »Musik ist wie eine Droge«, erklärt Welchez leidenschaftlich. »Als Musiker bist du zwar der Chemiker, aber du bist selbst abhängig von dem Zeug. Es geht um die ewige jugendliche Euphorie, mittels derer man seine Identität erfährt.«

Die nötige Energie für ihr drittes Album fanden die Crocodiles, die mittlerweile zu einer fünfköpfigen Band gewachsen sind, in den Straßen Berlins. Dort nahmen sie »Endless Flowers« in nur zwei Monaten auf. Damit wurde für sie ein großer Wunsch wahr, denn nicht zuletzt wegen Iggy Pop träumten sie seit ihren Teenagertagen davon, in jener Stadt ein Album aufzunehmen, von jenem kreativen Exil, in das schon in den 1970er-Jahren so viele Musiker flohen. Im seltsamsten Stück des Albums, »My Surfing Lucifer«, hat sich die Erfahrung auch gleich in einem deutschen Text niedergeschlagen. Dieser geht, wenn man Welchez und Rowell vertrauen will, auf eine spiritistische Unterhaltung der beiden zurück, die anschließend von der deutschstämmigen Schlagzeugerin übersetzt wurde. Andere wichtige Einflüsse für das Album sind laut Welchez deutsche Drogen (welche, verrät er nicht), deutsches Vogelgezwitscher und vor allem billiges deutsches Bier: »In New York hätten wir Papst Blue Ribbon getrunken. Hier war es Sternburger. Ich verehre dieses Bier!«