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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Interview mit Jörn Morisse

Leben als Selbständiger

Heiko Behr sprach mit Jörn Morisse über prekarisierte Arbeitsverhältnisse, Selbstausbeutung, Förderprogramme und Cliquenwirtschaft.
Geschrieben am
Kreativ und frei? In dem Interview-Sammelband 'Wovon lebst du eigentlich?' berichten 20 Künstler von ihren Leben jenseits der Festanstellung - und diesseits des Existenzminimums. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Jörn Morisse über Selbstausbeutung, Förderprogramme und Cliquenwirtschaft.

Aus dem Umfeld der Zentralen Intelligenz Agentur (Z.I.A.), deren Mitbegründer du ja bist, wurden vor allem die Thesen rund um die Digitale Bohème von Holm Friebe und Sascha Lobo bekannt. Dann kam das 9 to 5-Festival in Berlin, jetzt folgt der Interviewband. Kann man dein Buch, das du zusammen mit Rasmus Engler herausgibst, als konsequentes Durchdeklinieren dieser Thesen verstehen?
Auf die Idee mit dem Buch sind wir bereits vor zwei Jahren gekommen. Uns hat gestört, dass in persönlichen Gesprächen mit Künstlern und Musikern immer sehr viel von Geld die Rede ist, dass es aber dann später bei Interviews in Zeitschriften immer nur um "die neue Vision der Platte" geht. Da wird eine ganz existentielle Ebene ausgeschaltet. Also die Grundbedingungen, wie ein Werk entsteht, sind ja genauso wichtig wie andere Faktoren. Also insofern baut es nicht auf das Buch und das Festival auf, das hat sich so ergeben. Es geht bei uns eben eher um lebensweltliche Erzählungen.

Also ein Schritt vom Theoretischen hin zum Praktischen? Und eine strategische Veröffentlichung, um das Thema weiter in der Öffentlichkeit zu verankern?
Uns geht es nicht speziell um das Internet oder technologische Entwicklungen wie bei Friebe/Lobo. Wir fragen ganz schlicht ab, wie man heute als selbständiger, freiberuflicher Künstler über die Runden kommt. Das scheint mir einfach ein wichtiger Punkt, der mir in Feuilleton-Debatten immer zu kurz gekommen ist. Wir wollen einfach Leuten Gehör verschaffen, von denen immer angenommen wird, das sei doch alles selbstverständlich mit der Selbstausbeutung. Ob es jetzt Erfahrungen mit der Agentur für Arbeit sind oder auch die Probleme eines Galeristen, in Förderprogramme aufgenommen zu werden. Und ja, natürlich ist es das Thema Arbeit, das uns in der Agentur umtreibt. Aber es gab keinen strategischen Plan, aufeinander aufzubauen. Das hat sich so ergeben. Es sollte bei uns eben etwas weniger theoretisch werden, etwas handfester.

Auch wenn der Kreis der Interviewten recht groß ist (z.B. der Übersetzer Harry Rowohlt, Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, Nagel von Muff Potter, der 'Verschwende deine Jugend'-Regisseur Benjamin Quabeck) - im Grunde richtet sich das Buch doch an Studierende oder Studierte…
Tatsächlich kommt häufig das Gespräch auf die Universität als Refugium, in dem man in Ruhe überlegen kann: Was will ich eigentlich wirklich? Und an diese Leute richtet es sich schon, die darüber nachdenken, was passieren soll nach der Uni.Ist dieser Lifestyle nicht oft auch erst aus einem Mangel an Alternativen entstanden?
Bei den meisten Interviews machen die Leute genau das, was sie wollen. Und es geht eben um die Schwierigkeiten, die dabei aufkommen. Es geht nicht um den Weg des geringsten Widestandes.

Würdest du das dann schon als Gegenkultur bezeichnen?
Eigentlich ist es die Lebensrealität von ganz vielen - ob es jetzt Musiker sind, Journalisten, Schauspieler oder Bildhauer. Also ist das eher ein Mainstream, der nur nicht wahrgenommen wird. Es traut sich einfach keiner, über diese Mangelerscheinungen zu sprechen.

Auch wenn sich viele der Interviewten in Ihrem Leben jenseits der Festanstellung eingerichtet haben, liest man doch immer wieder eine gehörige Portion Frust heraus. Ist das ein unausweichlicher Zustand? Eine Musikjournalistin vergleicht zum Beispiel das Schreiben von Rezensionen mit ihrem Feierabendjob, Bier an einer Theke zu verkaufen…
Man muss sich einfach klarmachen, dass es wenig Leute gibt, die davon leben können, als freie Journalisten über Musik zu schreiben. Von festen Stellen rede ich schon mal gar nicht. Man muss Geduld haben, man muss Talsohlen durchschreiten. Das ist simpel, aber ich fand es wichtig, das noch mal konkret nachzuerzählen. Ich verstehe unser Buch letztlich als aufklärerisches Dokument.

Musiker verdienen Unsummen, Journalisten reisen ständig durch die Welt. Mit derlei schrägen Projektionen sehen sich scheinbar viele Kreative konfrontiert. Verstehst du dich als Mittler?

Es geht um Entmystifizierung. Einfach mal daran zu erinnern, wie viel Arbeit, Schweiß und Tränen buchstäblich in Kunstwerke reingesteckt werden. Das muss noch mal zusammengedacht werden - und nicht im Marketingsinne, also um Authentizität vorzuheucheln.

Institutionen wie die Künstlersozialkasse (KSK), die die Versicherung von Selbständigen mitträgt, oder die GEMA, die die Rechte von Musikern und Komponisten wahrt, spielen im Leben eines Selbständigen ja oft eine große Rolle. Böse formuliert ist also dieser Lifestyle nur mit Hilfe des Staates zu finanzieren…
Ich möchte nur noch mal darauf hinweisen, wie wichtig diese Institutionen sind für das Leben Vieler. Gerade, weil sie ja immer wieder Angriffen ausgesetzt sind. Das sind Errungenschaften, die man schützen muss.

Bei der Auswahl der Interviewten fällt auf, dass auch die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig mit dabei ist - als Z.I.A.-Mitbegründerin also deine Kollegin. Damit macht man sich ja ziemlich angreifbar für die Kritik, die immer die Cliquenbildung und Vetternwirtschaft rund um die Z.I.A. aufgreift - wie ein endloses Kreisen um sich selbst…
Für mich lag es einfach auf der Hand, sie zu dem Thema zu interviewen. Es geht ja auch darum, dass durch sie quasi die Position der Z.I.A. noch mal klargestellt wird. Wir als Autoren nehmen uns ja mit Meinungen sehr zurück, so kann dann doch noch eine Position eingenommen werden. Ich möchte ja doch die Zusammenhänge, in denen ich arbeite, etwas abbilden. Dazu wusste ich, dass Kathrin Passig ein Buch veröffentlichen würde vor dem Erscheinen unseres Buches. Und da haben wir schon gehofft, dass das dann ein etwas breiteres Interesse an unserem Buch weckt. Das kann man mir natürlich vorwerfen…