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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zu Gast bei den Hush Puppies

Le Printemps De Bourges

26.04.-01.05.06, Frankreich, Bourges. Der Zeitplan ist eng gesteckt. Denn dafür, die gesamten sechs Tage beim Le Printemps De Bourges zu bleiben, reicht meine Zeit nicht. Auch wenn ich gerne würde. Deshalb müssen Interviews, Konzertbesuche und notwendige Logistik innerhalb eines knappen Tages abgeha
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26.04.-01.05.06, Frankreich, Bourges. Der Zeitplan ist eng gesteckt. Denn dafür, die gesamten sechs Tage beim Le Printemps De Bourges zu bleiben, reicht meine Zeit nicht. Auch wenn ich gerne würde. Deshalb müssen Interviews, Konzertbesuche und notwendige Logistik innerhalb eines knappen Tages abgehandelt werden. Die Anreise macht meinen Planungen zunächst auch keinen Strich durch die Rechnung, wir zuckeln gemütlich durch Zentralfrankreich, bis mein Zug auf einmal abrupt stehen bleibt. Eine Durchsage ertönt, die ich nicht verstehe, und alle Zuginsassen stöhnen laut auf. Kurz darauf packen sie ihre Sachen zusammen, verlassen das Abteil und stecken sich ihre Zigaretten an. Ich sitze erstmal unschlüssig herum, bis ich auch aussteige. Nach einiger Zeit entschließe ich mich, jemanden zu fragen, was denn los sei. So lerne ich Julien kennen, einen jungen Parisien. Er entpuppt sich als mein Engel, denn er erklärt mir nicht nur, dass ca. einen Kilometer in Fahrtrichtung eine Reifenfabrik brennt und der Zug seine Fahrt deshalb bis auf weiteres nicht fortsetzen kann, nein, er bietet mir auch an, mit ihm nach Bourges zu fahren, denn er wird in einer Stunde abgeholt. Als wir noch auf dem Bahnsteig herumstehen, stutzt er plötzlich. Dann erzählt er mir, dass wir prominente Mitreisende hatten. Nämlich Jack Lang, der von Dingen wie Housemusik begeisterte ehemalige sozialistische Kultusminister Frankreichs, der politische Held jedes an Pop interessierten Franzosen. Und Bertrand Delanoë, der Bürgermeister von Paris. Die beiden sind auch aus der Regionalbahn gestiegen und lassen sich gemeinsam mit aufgeregten Backfischen ablichten. Nun denn, bald begeben sich Lang und Delanoë zu ihrer Mitfahrgelegenheit, und auch wir machen uns auf, um auf unsere zu warten.

Als ich letztendlich in Bourges eintreffe, bin ich drei Stunden zu spät. Aber meine französischen Gastgeber, die Hush Puppies aus Perpignan und ihr Promoter Christophe, macht das im Gegensatz zu mir nicht besonders nervös. Sie schaffen es sogar noch, mich abzuholen und mit hinter die Bühne zu nehmen, und das 20 Minuten vor ihrem Auftritt. Sie sind herzlich und entspannt, und das kurz vor dem größten Gig ihrer Karriere. Denn sie eröffnen den Abend auf der 5500 Besucher fassenden Le Phenix-Stage für Katerine, Arctic Monkeys, dEUS und Dionysos. Ihre Show ist wie auch schon bei den Intro Intims vor ein paar Wochen dringlich und mitreißend. Und ihre Version von Sixties-Pop mitsamt seines Stils und seines Selbstverständnisses verhindert, dass das Ganze anbiedernd wirkt wie bei vielen deutschen Popstars derselben Größenordnung. Die Leute im jetzt schon vollen Le Phenix brüllen vor Begeisterung. Auch ich fühle mich angenehm beschwingt, muss aber erstmal richtig ankommen, um richtig genießen zu können. Am liebsten würde ich mich etwas hinlegen. Aber das geht nicht, die Zeit ist zu knapp, und der Abend dürfte noch lang werden.

Das Le Printemps De Bourges ist kein normales Festival. Es wirkt vielmehr wie ein aufgemotztes Stadtfest inmitten der malerischen Innenstadt des kleinen Bourges. Die acht verfügbaren Bühnen sehr unterschiedlicher Größe befinden sich in kleinen Clubs, Stadt- und Sporthallen, Museen und einem Zirkuszelt. Dort spielen jedes Jahr an sechs Tagen neben vielen kleinen nationalen Acts regelmäßig die geschmackvollsten Größen aus einer breiten Palette an Stilarten. Rock in all seinen Varianten ist vertreten, Elektronik, HipHop, Experimental- und Weltmusik aber auch. Hier findet wirklich jeder ein paar Konzerte für sich, wirklich. Während die Hush Puppies nach ihrem Auftritt mit Promoaktivitäten verschiedenster Art, z.B. einem Radiointerview in einer Sendung, in der Konzerte live kommentiert werden und ein Außenreporter sich entkleidet, beschäftigt sind, streife ich durch den Ort, gleichzeitig das "Festivalgelände". Ich sehe mir dEUS und Philippe Katerine an, bei beiden rastet das Publikum förmlich aus, zurecht. Mir wird erzählt, dass Katerine, der eine Blumenspange im Haar trägt, gerade einen vor Häme triefenden Song über die faschistische Tochter von Frankreichs Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen gesungen hat. Er scheint so was wie das politische Gewissen des französischen Pops zu sein. Die Konzerte von Ex-Manitoba Caribou und Plaid finden in einem 350er-Club statt und sind so voll, dass man kaum Einlass bekommt. Leider haben Xiu Xiu und Ms John Soda kurzfristig absagen müssen. Die Arctic Monkeys spielen Fußball vor ihrem riesigen Bus.

Bald darauf treffe ich die Hush Puppies wieder, und wir vereinbaren, das wegen meiner Verspätung geplatzte Interview nun nachzuholen. Im Gewusel der Backstage-Crew finden sich drei Bandmitglieder zusammen, zu meinem Glück genau die, die Englisch sprechen, wie sie mir später sagen. Wir ziehen uns in ihren Bulli zurück. Sie erzählen von ihrer Adoleszenz innerhalb der Mod-Szene Perpignans, von den bequemen Schuhen, die ihnen ihren Namen liehen, und von den inspirierenden Albumaufnahmen im Blackbox Studio mit dem Deutschen Peter Deimel. Und davon, wie verwundert sie bei ihren Intro Intim-Gigs darüber waren, dass in Deutschland wirklich jeder Englisch spricht, wo das doch hier in Frankreich kaum jemand kann. Stimmt, habe ich auch schon bemerken müssen. Eine Stunde später beschließen wir, noch in den Club zu gehen, dessen Bühne Plaid mittlerweile unter tosendem Beifall verlassen haben. An jeder Ecke kommen schüchterne Französinnen auf die Band zu und bitten um Photos, Autogramme und was man sonst noch so von seinem Star haben wollen kann. Mich bittet niemand. Dafür unterhalte ich mich mit der Freundin von Gitarrist Cyrille darüber. Ja, sie wäre schon manchmal eifersüchtig, aber am blödesten fände sie es, wenn sie von Leuten, die ihren Freund ansprechen, überhaupt nicht beachtet wird. Kann ich verstehen.

Irgendwann später beschließen Cyrille, seine Freundin und ich, ins Hotel zu fahren. Die Innenstadt ist abgesperrt, wir müssen weit zu einem Taxistand laufen, um dort auch noch mal ewig zu warten. Wenn man in Frankreich ein Taxi bestellen will, sollte man gleich drei bestellen, um eines zu bekommen. Und Bourges ist halt doch eine Kleinstadt, wenn auch eine sehr hübsche. Trotzdem sind wir die Fittesten, als sich am nächsten Morgen die ganze Crew, Band und Promoter plus Freundinnen, zum Frühstück einfindet. Zuerst studieren sie die größte Regionalzeitung. Sie werden fündig, Sänger Olivier ist auf der Titelseite abgebildet, ihm wird eine charismatische Performance bescheinigt. Fand ich auch. Christophe, der Kompagnon von Benjamin Diamond bei dessen Label Diamondtraxx ist, erzählt mir, dass dies der bisher wichtigste Auftritt für die junge Band war. Alles hat geklappt, alle sind müde, aber zufrieden. Ich auch, denn der Brand ist gelöscht und ich kann ohne Behinderung nach Hause fahren. Auch wenn noch ein Tag auf diesem wunderschönen Festival toll gewesen wäre. Egal, nächstes Jahr.