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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Zeit zum Ausruhen

LCD Soundsystem im Gespräch

James Murphy, Mastermind hinter LCD Soundsystem und Betreiber des Labels DFA, feierte unlängst seinen 40. Geburtstag. Da ist es an der Zeit, sich Gedanken über das Erwachsenwerden zu machen. Das dritte LCD-Soundsystem-Album wird voraussichtlich das letzte sein. In London unterhielt sich der sympathische Tanzbär mit Sebastian Ingenhoff über die Zukunft.
Geschrieben am
Mit den Hits ist es eben so eine Sache. Nicht jeder Song wird einer, und da die meisten Leute ohnehin zu blöd sind, um süß von sauer, geschweige denn gut von schlecht unterscheiden zu können, sollte man einen Hit idealiter als einen solchen kennzeichnen. James Murphy betitelte eine der potenziellen Singles des neuen LCD-Soundsystem-Albums gleich mit »Hit«: Es geht los mit geradem Discobeat und catchy Synthiehooks, ehe der mit gewohnt nöligem Mark-E.-Smith-Timbre vorgetragene Text die Dinge wieder ins rechte Licht rückt: »You wanted a hit / But maybe we don't do hits / We try and try / But it feels wrong.«

Eine Abrechnung also. Die einsetzenden verzerrten Gitarren erledigen den Rest. Krach und Dissonanzen statt Harmoniesucht. Die Tür zur Welt der Chartsproduzenten stand Murphy schließlich mal sperrangelweit offen. Um ein Haar hätte er vor ein paar Jahren sogar Britney Spears produziert. Doch nach einem Tag der Zusammenarbeit war allen Beteiligten klar, dass hier eben zwei Welten kollidieren.

Im Februar ist Murphy 40 geworden und hat sich seine Gedanken gemacht, auch über die nervigen Seiten des Popzirkus. Er hat entschieden, sich künftig den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen: Bücher, Familie, Freunde, gutes Essen. Das letzte Jahr war ziemlich arbeitsintensiv. Das dritte LCD-Soundsystem-Album musste fertiggestellt werden, parallel dazu hat er einen Großteil des Soundtracks zum »Greenberg«-Film von Noah Baumbach eingespielt. Jetzt sitzt er in einem kleinen Hotel in Soho und wirkt sichtlich entspannt.

Wie ist das, an zwei Alben zeitgleich zu arbeiten? Also am »Greenberg«-Soundtrack und dem LCD-Soundsystem-Album. Zumal beide auf unterschiedlichen Konzepten beruhen.
Der Soundtrack war mehr eine Art Experiment. Das LCD-Soundsystem-Album ist mein Baby. Ein Movie-Soundtrack ist eben ein Soundtrack für einen Film, da geht es weniger um meine Befindlichkeiten, meine Wünsche, sondern du musst Musik komponieren, die sich mit den Bildern auf der Leinwand zu einem Ganzen zusammenfügt.

Wobei der Soundtrack letztendlich auch auf klassischem Songwriting beruht: Du hast keine Hintergrundgeräusche komponiert, sondern Songs.
Klar, aber die Songs sind ja an den Film gerichtet. Was überhaupt nicht heißen soll, dass es keinen Spaß gemacht hätte, im Gegenteil. Aber ich musste zwischendurch immer wieder abtauchen in meine kleine LCD-Welt, um den Kopf wieder frei zu kriegen und neue Ideen entwickeln zu können. Es war ein ewiges Wechselspiel, beides hat sich aber gegenseitig inspiriert.

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit?
Das lief direkt über Noah Baumbach, den Regisseur und Drehbuchautor. Er mochte immer schon meine Band. Wir hatten ein Meeting, lange bevor der Film gedreht wurde, in dem er mir seine Visionen skizzierte und versuchte, mich dafür zu begeistern. Mit der Zeit wurde das immer konkreter.
Es gab gewisse Gerüchte, dass das dritte LCD-Soundsystem-Album zugleich auch das letzte sein würde ...
Ja, ich denke schon. Ich kann es natürlich nicht zu hundert Prozent sagen, aber irgendwie macht es Sinn, jetzt damit aufzuhören.

Wie eine Trilogie, die abgeschlossen ist.
Ganz genau. Mein Leben hat sich seit »Losing My Edge« unglaublich verändert. Ich hörte auf, Indierock zu machen, entdeckte unglaublich viel neue Musik, und auf einmal lief alles wie von selbst, ohne dass ich es großartig forciert hätte. Die Gründung von DFA, das erste Album, das ging ja alles sehr schnell und ist in kürzester Zeit explodiert. Ich weiß ehrlich gesagt bis heute nicht, warum. Ob es einfach die richtige Zeit und New York der richtige Ort war?

Ihr feiert bald zehnjähriges Jubiläum mit DFA.
Stimmt, »House Of Jealous Lovers« [von The Rapture] ist bald zehn Jahre alt. Da war eine unglaubliche Energie, die ganzen Partys damals, die ganzen Platten und Remix-Anfragen. Erst kamen The Rapture, danach ging es mit LCD Soundsystem los. Ich meine, es lief wirklich nach dem Motto: »Was, The Rapture verlassen uns? Okay, dann machen wir eben ›unsere‹ Platte.« Dann kamen die ganzen Touren. Es ging immer weiter. Ich denke, nun habe ich den idealen Sound für LCD Soundsystem gefunden, bin dem ziemlich nahegekommen, was mir ganz am Anfang vorgeschwebt hat. Ich komme ja vom Punk, bin ein Dilettant. Aber ich habe es trotzdem geschafft, in der bequemen Situation zu sein, unglaublich viele Möglichkeiten zu haben. Nur mit 40 fängt man eben an nachzudenken, ob es nicht noch andere Dinge gibt, die einen fordern. Von daher ergibt es Sinn, das Ganze jetzt abzuschließen.

Das neue Album ist ein bisschen rockiger ausgefallen als die Vorgänger. Mit »Drunk Girls« hast du ein beinahe klassisches Trinklied geschrieben. Das könnte man sich auch auf einer Springbreak-Party vorstellen, zwischen »I Fought The Law« von The Clash und »Girls« von den Beastie Boys ...
[lacht] Ja, ich wollte einen dummen maskulinen Prollsong schreiben, mit Gitarren und einem simplen Refrain zum Mitgrölen. Da kommt eben mein Punkerherz wieder zur Geltung. Ich meine, ein richtig gutes Trinklied. Etwas für die Leute im Pub, nicht die distinguierten Tänzer in den Clubs.
Das hat aber nichts damit zu tun, dass du müde geworden bist von Dancemusik? Immerhin habt ihr mit DFA das Genre nachhaltig aufgemischt ...
Nein, ich bin nicht müde von Dancemusik. Es ist eben nicht mehr ganz so aufregend für mich. Das ist wahrscheinlich ein ganz normaler Prozess. Nun bin ich an einem Punkt, an dem ich mir neue Sachen überlegen muss. Natürlich könnte ich mir auch vorstellen, weiter Musik zu produzieren, aber das müsste schon eine ganz neue Herausforderung sein. Es gibt so viele Dinge, die ich gerne tun würde, für die mir einfach nur die Zeit gefehlt hat. Irgendwas komplett anderes. So wie ein Politiker, der einen normalen Job hatte, für vier Jahre in die Politik geht und nach der Legislaturperiode wieder etwas ganz anderes macht.

Für viele Künstler wäre es sicherlich ganz gut, mal wieder geerdet zu werden ...
Auf jeden Fall. Guck dir doch die Rolling Stones an, die seit hundert Jahren auf Tour sind und immer reden: »Ohne die Tour könnte ich nicht leben ...« Was für ein totaler Bullshit, das macht einen doch depressiv und lässt einen nur verblöden. Ich meine, ich weiß ziemlich genau, was ich machen möchte, wenn ich nicht mehr auf Tour bin: Ich möchte ein Hotel eröffnen, ich würde gerne ein Buch schreiben, Zeit mit meinen Freunden und der Familie verbringen ...

Ich wusste gar nicht, dass du auch schriftstellerische Ambitionen hast.
Klar, ich habe mich ja immer schon mit Literatur beschäftigt. Im Sommer habe ich nach langer Zeit mal wieder was geschrieben, und es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Das war die Zeit, wo ich auch an dem »Greenberg«-Soundtrack gearbeitet habe. Ich meine, ich bin 40, das ist ziemlich jung für einen Schriftsteller.

Wer sind so deine Lieblingsautoren?
Ich lese wirklich alles Mögliche, viel Nachkriegs-Literatur aus den USA, Knut Hamsun, Thomas Pynchon, William Gaddis, David Foster Wallace, sehr gerne aber auch so etwas wie Thomas Bernhard. »Der Untergeher« gehört zu meinen absoluten Lieblingsromanen.

Das ist der mit seitenweise Passagen über Glenn Gould, oder? Er hat mit seinem Prinzip der ständigen Wiederholung ja im Grunde Techno erfunden ...
[lacht] Ja, stimmt, es wird trotzdem nie langweilig. Du fragst dich die ganze Zeit: Wie hält er das durch? Aber es ist sehr clever gemacht. Trotz oder gerade wegen dieser Redundanz. Gerade lese ich übrigens wieder David Foster Wallace. Ich glaube, David hat in seinem Leben kein einziges schlechtes Buch geschrieben.

»Infinite Jest« wurde erst letztes Jahr in Deutschland veröffentlicht. Es war ein regelrechtes Mammut-Übersetzungsprojekt, für das der Übersetzer sechs Jahre gebraucht hat. Es kam erst nach seinem Tod heraus.
Ja, das war ein totaler Schock für mich. Ich habe »Infinite Jest« gerade wieder gelesen, als er starb. Das mache ich oft so. Es gibt Bücher, die ich bestimmt fünf, sechs Mal gelesen habe. Mit David Foster Wallace sollte ich damals ein Interview führen für den Rolling Stone. Aber dann hat es aus bekannten Gründen ja leider nicht geklappt. Das hat mich wirklich fertiggemacht.

Stimmt es eigentlich, dass du mal ein Jobangebot als Autor für die Serie »Seinfeld« hattest?
Na ja, so halb. Ich war damals 21 oder 22, also relativ jung, und eine Freundin, die mit dem Produzententeam in Verbindung stand, brachte mich für den Job ins Gespräch. Die kannte da irgendwen und schwärmte von mir: James ist ein begnadeter Autor, den müsst ihr unbedingt nehmen. Ich habe ja eine Zeit lang Literatur studiert. Aber ich hatte einfach nicht genug Ehrgeiz, ich wollte viel lieber Gitarre spielen. Ein Job als Schreiber erschien mir damals letztendlich auch zu langweilig. Na ja, Zeiten ändern sich.

Du hättest wahrscheinlich eine Menge Geld verdienen können.
Aber ich wäre eine sehr unglückliche Person geworden. Ich bin heilfroh, dass ich es nicht getan habe. Wenn junge Leute zu schnell Erfolg haben, ist das selten gut, die tendieren dazu, durchzudrehen, wenn die Welt sich allzu sehr um sie dreht. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich mit solchen Dingen ganz gut umgehen kann. I'm not special and I know that. Ich habe keinen Grund abzuheben, nur weil ich nach London geflogen werde, um Interviews zu geben. Es ist lediglich das Ergebnis von harter Arbeit, Glück und ein paar ganz guten Ideen. Und jeder Menge Zufall. Aber wenn die ganze Welt dir ständig eintrichtert, dass du großartig bist, dann wird es hart. Weil du dich dann die ganze Zeit beweisen musst. Und wehe, du schaffst das nicht, dann lassen sie dich ganz schnell wieder fallen.

Dann klopft es auch schon an der Tür, und die Promoterin steckt ihren Kopf herein. Der Zeitplan ist ziemlich eng gestrickt, Murphy muss gleich weiter nach Paris. Er lässt sich nicht beirren und redet noch ein paar Minuten. Dann verabschiedet er mich herzlich. Man wird weiter von ihm hören, so oder so. Denn dass er nie wieder eine Platte veröffentlichen wird, so ganz mag man es ihm nun doch nicht abnehmen.

LCD Soundsystem

This Is Happening

Release: 17.05.2010

℗ 2010 The copyright in this sound recording is owned by DFA LLC under exclusive licence to Parlophone Records Ltd