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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Allein auf weiter Tanzflur

LCD Soundsystem

Es ist immer müßig, sich mit dem Blick in die Vergangenheit über die Gegenwart zu beschweren. Als »ewig Gestrige« werden landläufig ja die Pros dieser Disziplin bezeichnet - und so gern man sich selbst Dinge zuschreibt, eines will man ganz sicher nicht sein: Teil dieser Gruppe. Aber beim Hören der
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Es ist immer müßig, sich mit dem Blick in die Vergangenheit über die Gegenwart zu beschweren. Als »ewig Gestrige« werden landläufig ja die Pros dieser Disziplin bezeichnet – und so gern man sich selbst Dinge zuschreibt, eines will man ganz sicher nicht sein: Teil dieser Gruppe. Aber beim Hören der The-Killers-Platte vor ein paar Monaten ertappte ich mich dennoch dabei, in die Nachdenklichkeit abzurutschen und darüber zu sinnieren, wie viele The-Rapture- und Hot-Hot-Heat-Kopien wir denn noch ertragen müssen, ja, können? Denn dieser glatt gebügelte Synthieschrott der Langweiler aus Los Angeles ist ja nur die Spitze der Einfallslosigkeit, die dazu führte, dass es zur Neo-New-Wave-Übersättigung kam. Mit so weit reichender Konsequenz, als dass man einzelne Sterne, wie zum Beispiel Bloc Party, vor lauter grundsätzlicher Genervtheit fast über die Klinge springen lässt. Und das, bloß weil sie einen straighten Beat mit der Gitarre kreuzen. Verflucht sei die Epigonen-Epidemie!

Ein eingefleischter Individualist wie James Murphy verabscheut Posen, Stillstand und Epigonen. Wenn er sich mal wieder mit seinem Kumpel und Geschäftspartner Trevor Jackson oder den Jungs von Black Strobe in irgendeinem hippen europäischen Club in die Arme läuft, verdrehen die Jungs die Augen: »Hey, guess it’s another post punk party?!« Der Mitbegründer von DFA, dem New Yorker Label sowie Production-Unit, das mit ›House Of Jealous Lovers‹ den Theme-Song des Genres ablieferte und mit The Rapture die Posterboys gleich mit dazu, sieht’s trotzdem gelassen: »Ich hab das ja bei The Rapture beobachtet und all die anderen Bands gesehen, die danach kamen. Das scheint immer so zu laufen, was sonst hat Bowie gemacht? Er kam nach Lou Reed, Marc Bolan, Bryan Ferry und Iggy Pop! Er war der ultimative Vampir, und Vampire haben immer Rockgeschichte geschrieben.« Auf die Frage, in welcher Rolle er sich dann selbst sehe, knabbert er erst einmal noch an einem Croissant, um danach gesättigt und überlegt sein Credo zu formulieren: »Ich weiß, was mein Job ist, aber ich überlege gerade, wer das vorher schon mal gemacht hat – also, als ich klein war, war ich ziemlich kräftig, aber ich war trotzdem nett, und mein Job war es, die Schläger zu verwamsen. Falls also jemand auf der Schule die Kleinen geärgert hat, dann hab ich ihn dafür verkloppt. Mein Vater hat mich immer ›Midnight Avenger‹ genannt. Ich schätze, das ist mein Job: noch größer und kräftiger werden, um es den Bösen zu zeigen.«

Murphy ist nach Berlin gekommen, um über sein stilprägendes Label DFA, seine Band LCD Soundsystem und deren Album sowie den Vertriebsdeal mit dem Emi-Musikkonzern (zum Auftakt wurde gleich eine dekadente Triple-CD-Compilation in den Markt gedrückt) zu reden. Und wie er so spricht, entsteht der Eindruck, dass der kauzige Mittdreißiger selbst noch nicht glauben kann, was da seit 2002 passiert ist. Damals haben er und sein Partner Tim Goldsworthy mit zwei Singles – besagte The-Rapture-Platte sowie ›Losing My Edge‹ von seiner eigenen Band LCD Soundsystem – maßgeblich dazu beigetragen, dass inzwischen fast die Hälfte aller Club-Gassenhauer unter Zuhilfenahme echter Drum-Samples, Basslinien und Gitarrenriffs entsteht. Ohne LCD Soundsystem gäbe es wohl weder Simian vs Justice noch Whitey, und Soulwax und Felix Da Housecat würden sich wahrscheinlich ganz anders anhören. James Murphy hat eine Vision von gut produzierten, einfachen und gleichzeitig vielschichtigen Songs: »Musik kann nur so tiefgründig sein wie du selbst. Ich mag Musik, die auf mehreren Ebenen funktioniert, zu der man tanzen kann, über die man nachdenken und über die man streiten kann. Ich finde, dass eine Menge dieser Dance-Hybriden keine richtigen Dance-Songs sind – das ist zwar ›Dancy Rock‹, aber wenn niemand dazu in einer Disco tanzt, ist es für’n Arsch. Oder nehmen wir Dance-Musik, die ironisch sein will, hinter der aber in Wirklichkeit überhaupt nichts steckt. Weißt du etwa derart: ›Hey, wir sind cool und machen uns über die anderen armen Idioten lustig. Wow, sind wir ironisch, haha, wir sind White Trash, zwinkerzwinker!‹«

Für so was ist der Mann nicht nur zu alt, sondern auch zu clever. Seine funky Tracks strotzen vor hintergründigem Witz, Charme und spitzbübischen Seitenhieben auf die Populärkultur. Wann gab es das letzte Pop-Album, das sowohl tanzbar und schräg, tiefgründig und lustig, warmherzig und böse, ironisch und leidenschaftlich, wehmütig und abgehangen rund war? Zumindest nicht, solange Pop ausschließlich pickelfreien Hochglanz-Berufsjugendlichen vorbehalten war. Und nun kommt es von einem stämmigen, stark behaarten Kerl, der ausnahmsweise mal nicht einen auf ruhig macht und kurz vor seiner Midlifecrisis die Akustik-Klampfe rausholt, sondern doch lieber die Tüte Ecstasy und dazu eine Menge Einflüsse von Prince über deutsches Elektro-Gefiepse bis hin zu The Fall mit einbringt. Und obendrein trotzdem auf dem Teppich bleibt: »Es ist strange, so viele Leute kommen an und meinen: ›Das ist so geil: Du arbeitest nur für dich. Du musst so glücklich sein. Du hast dein eigenes Label, und du kannst machen, was du willst.‹ Und ich denk dann so: ›Glücklich? Ich bin 34 Jahre alt und bringe gerade mein erstes Album raus?! Ich bin mein ganzes Leben lang ein ums andere Mal auf die Fresse gefallen, du hingegen hast einen sicheren Job, du hast dreimal mehr Geld als ich!‹ Ich habe in meinem Leben Entscheidungen getroffen, die es mir unmöglich machen, einen anderen Weg zu gehen.«

Wie MacGyver zu seinen besten Zeiten lieber über geschlossene Tore kletterte, als sich der offen stehenden Gartenpforte zu bedienen, so wurschtelt sich James Murphy seit Kindestagen durch seine Karriere als Produzent: »Ich hab als Jugendlicher damit angefangen, weil es einfach niemanden gab, mit dem ich in einer Band spielen konnte, also habe ich mir von meinem Ersparten einen Vierspur-Recorder geholt und Equipment aus der Schule geklaut. Als ich 17 war, bin ich zum ersten Mal in ein Aufnahmestudio gegangen, und es ging total schief, der Typ wollte mir immer was über Klangparameter erzählen, und ich dachte nur: ›Was für ein Scheiß.‹ Schließlich hat sich mein kleiner Recorder besser angehört, und das gab mir das Selbstvertrauen, es auf meine Weise zu machen.«

Black Strobe
... sind die beiden Franzosen Arnaud Rebotini und Ivan Smagghe. Ihre Tracks kann man nach ungefähr fünf Sekunden als Black-Strobe-Songs identifizieren. Nicht nur deswegen sind sie vergleichbar mit AC/DC, sondern auch wegen der verdammten Chefrocker-Qualitäten aller ihrer Elektro-Bretter! Daft Punk könn’ nach Hause gehen!

MacGyver
»MacGyver (Richard Dean Anderson) ist Meister der Improvisation. Er kann sich z. B. mit gewöhnlichen Haushaltsutensilien aus gefährlichen Situationen befreien. Alles, was er bei sich trägt, ist ein Schweizer Armeemesser und gelegentlich eine Rolle Klebeband.« link