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Intro Intim Oktober in Berlin

Last Entertainer - still standing

In Berlin geht man ja bekanntlich erst aus, wenn die Leute in anderen Städten schon schlafen. Aus diesem Grund ist es umso erstaunlicher, dass beim Intro Intim die Leute schon Punkt acht vor der Tür Schlange stehen, um sich in das Venue des Abends, die Maria, zu quetschen. Der Strom reißt auch so
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In Berlin geht man ja bekanntlich erst aus, wenn die Leute in anderen Städten schon schlafen. Aus diesem Grund ist es umso erstaunlicher, dass beim Intro Intim die Leute schon Punkt acht vor der Tür Schlange stehen, um sich in das Venue des Abends, die Maria, zu quetschen.

Der Strom reißt auch so schnell nicht ab, so dass man nicht umhin kann sich zu fragen, ob es sich bei den beiden Berliner Bands des Abends, Gods of Blitz und Hund am Strand, um so liebenswerte Menschen handelt, dass alle ihre Freunde gekommen sind um sie zu unterstützen, oder ob sie einfach so gut sind, dass jeder extra früh kommt, um sie nicht zu verpassen. Bei Gods of Blitz zumindest traf letzteres zu (was nicht ausschließt, dass sie auch nette Menschen sind). Die Band besteht aus vier Jungs, die zwar unterschiedlicher nicht aussehen könnten, aber musikalisch umso tighter sind. Während der Sänger der Berliner Combo aussieht, als wäre er eine Mischung aus Kim Frank und Nikki Sixx, scheint der eine Gitarrist mit seinem langen wallendem Haar der norwegischen Black-Metal-Szene entflohen zu sein, und der andere wirkt, als wäre er gerade eben von seinem Job aus der Bank direkt zum Konzert gekommen, allerdings nicht ohne sich auf dem Weg in die Maria im Auto noch einmal die letzte The-Hives-Platte reinzuziehen. Genauso bunt zusammengewürfelt wie die Band ist auch ihr Sound: gepflegter Schweinerock mit 80er Jahre-Hitgarantie. Und mit diesem ungewöhnlichen Mix ist Gods of Blitz eine der deutschen Bands der Stunde, die man auf keinen Fall ungehört an sich vorbeiziehen lassen darf.

Als nächstes ist Hund am Strand am Start. Letztes Jahr noch vollkommen unbekannt, kann sich das Trio mit einem Mal über kreischende 16-Jährige in den vorderen Reihen des Publikums freuen. Die Band spielt mit drei Akkorden gegen die Schreihälse im Publikum an. Bei "Alle Jungen alle Mädchen", will das nicht mehr gelingen; da sind die Fans nicht mehr zu halten, es wird gehüpft, gekreischt und getanzt. Aus den hinteren Reihen wird mitgesungen und T-Shirts fliegen auf die Bühne. Hund am Strand ist von dem Szenario sichtlich überwältigt. Grund genug, das Stück gleich noch einmal zu spielen. Und wieder genau dieselbe Reaktion: Mädchen kreischen, T-Shirts fliegen, die eine oder andere ist fast den Tränen nahe. Hund am Strand zeigt sich beeindruckt und drückt zum Dank sogar ein bisschen länger als geplant auf die Hitmaschinerie.

Auch Bernd Begemann legt danach mit zwei Stunden ein Set aufs Parkett, das in seiner Länge fast an ein Bruce Springsteen-Konzert heranreicht. Wobei das nur eine der Parallelen ist, die sich zwischen dem Grand Seigneur des Singer/Songwritertums und dem "Born in the U.S.A."-Star finden lassen. Denn Begemann rockt auch genauso hart wie Bruce Springsteen, während er sich zickig wie Morrissey gibt: mit einem unterschwelligen Seitenhieb fordert er während eines Songs dazu auf, nicht immer nur "schrammeligen Indie-Rock" zu hören, sondern auch einmal so schönen Pop-Ausschweifungen wie dem Klavierspiel seines Keyboarders zu lauschen. Weiter erzählte der Wolfgang Niedecken aus Hamburg den ein oder anderen Schwank aus seinem Leben, klärt uns über die schwulen Webdesigner bei Intro auf, die versucht haben ihm Backstage Drogen zu vertickern, und verteidigt auch sonst heldenhaft seinen Ruf als größter deutscher Entertainer abseits von all den TV-Flachmaten. Auch bei den Tanzeinlagen lässt sich Begemann nicht lumpen und seine weiblichen Fans werden bei dem einen oder anderen gekonnten Hüftschwung ganz blass um die Nase. Der deutsche Elvis spielt zwei Stunden lang Hits wie "Bis du den Richtigen triffst, nimm mich", oder "Ich habe mich rasiert" und erklärt zwischen den Songs seine Sicht der Welt. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sich ein Hype-Label wie das Grand Hotel van Cleef darum geschlagen hat, ihn zu signen - Bernd Begemann macht das, was er macht eben schon seit 20 Jahren und deshalb können sich die derzeit großen "schrammeligen Indie-Bands" auch noch so einiges von ihm abschauen.

Nachts um drei kann man übrigens zufällig im nahe gelegenen Hotel mitbekommen, wie Herr Begemann sich einen Weckruf für halb neun Uhr morgens bestellt. Denn schließlich ist der Entertainer auf einer Mission und muss weiter, um auch dem Rest der Bundesrepublik seine Weisheiten näher zu bringen. Für Schlaf bleibt da nicht viel Zeit.