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Lars Rudolph

Backen mit...

Der von der Musik kommende Quereinsteiger Lars Rudolph besitzt genügend Kraft, um all den weggedämmerten Kunden des kargen Detlev-Buck-Cinemas wieder hochzuhelfen.
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Moritz Bleibtreu, Til Schweiger, Veronica Ferres - die Gesichter des Todes, pardon, des deutschen Films sind ja ziemlich überschaubar. Dabei besitzt allein der von der Musik kommende Quereinsteiger Lars Rudolph genügend Kraft, um all den weggedämmerten Kunden des kargen Detlev-Buck-Cinemas wieder hochzuhelfen - plus Shantys mit seiner Band Mariahilff und plus einen Kuchen für seine vielen Töchter.

Die Frage sei natürlich erlaubt: Lars Who-dolph? Kommt einem ja schon bekannt vor, der Typ, auf jeden Fall. Das Gesicht darf man getrost für markant halten inklusive der proto-irren bis irgendwie sexy Grimassen. Und richtig, man kann sogar wetten: Sie haben Lars Rudolph garantiert schon mal im Film gesehen. Oder kennen Sie tatsächlich weder "Lola rennt", "Der Krieger und die Kaiserin" (2x Tykwer), "Die Unberührbare" (Oskar Roehler), "Der Wixxer" (Kalkofe), "Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können" (totaler Mist) noch "Mein Führer" (Daniel Levy)? Na also. In Amerika besitzt die Figur des Nebendarstellers ja die weit Ehrfurcht gebietendere Bezeichnung des "Supporting Act". Und in einer vernünftigen Analogie ist Lars Rudolph dann so was wie der deutsche Steve Buscemi.

Für Musiknerds findet sich noch einiges mehr. In den Neunzigern ziemlich vom Kult geküsst: Ich Schwitze Nie - die Band von Lars Rudolph mit dem absolut unwiderstehlichen Namen. Nach deren letztem Album "Billige Flaggen" wurde es zum Jahrtausendwechsel allerdings still. Lars Rudolph hatte die Band irgendwie über die Zeit verloren, den unbedingten Willen zur Musik jedoch nie. So war es letztlich unabdingbar, dass das beliebte Rostkehlchen wieder von einer neuen Gruppenkonstellation aufgesammelt wurde: Mariahilff. Mit dabei auch Herman Hermann (Ex-Lassie-Singers, zuletzt bei Doktorella). Gemeinsam gibt es schräg genialischen Trinker-Folk, der am besten in eine Kneipe in Mos Eisley passen würde. Mit dieser Band erschien gerade das Album "Mariahilff". Na, wenn das kein Vorwand ist, den Künstler mal privat aufzusuchen. Stalking nach Absprache.


Lars Rudolph residiert in einem schönen Wohnviertel Berlins nahe Tempelhof. Er käme später rein, bescheiden kurz zuvor seine Sekundanten, weil er noch Pflaumen in den Hainen rund um sein Sommerhaus für den geplanten Kuchen pflücke. Wer wäre man, sich über diese terminliche Unbill zugunsten der Zutaten zu beschweren? Die Fotografin und ich setzen uns vor sein Haus auf den Bordstein. Für Berlin liegt relativ wenig Kot um uns herum. "Vornehm, vornehm!" denken wir. Dann werden wir hereingebeten. Lars Rudolph übersommert mit der Familie in besagtem Anwesen in der Uckermark, nahe dem Ort, in dem Angela Merkel geboren wurde - und das hier in Berlin, ja, das ist also die Stadtwohnung. Auch schon wieder geil. Wegen diverser schulpflichtiger Mitglieder von Rudolphs Familie bereiten sich aber alle auf die saisonale Rückkehr ins Urbane vor. Als Vorhut erstellt Lars mit uns heute einen Geburtstagskuchen. Eine seiner vielen Töchter hat nämlich tags darauf ihren Ehrentag. Ein unauffälliger Blick auf den Putz'n'Organisationsplan an der Anrichte in der Küche beweist: Lars besitzt circa ein halbes Dutzend Töchter. Er selbst versucht die Zahl herunterzuspielen. Schon klar.

Aber große Familie, schöne Lebensräume muss man sich auch erst mal leisten können. Keine Krise in der Supporting-Cast-Boheme? "Nee, ich bin da in der komfortablen Lage, dass immer wieder die Aufträge zu mir kommen. Ich mache auch viel in Richtung Hörspiele fürs Öffentlich-Rechtliche. Das lohnt sich." Da kann man dann eben auch mal wieder die eine kleine Filmproduktion gegenrechnen, oder natürlich die Band. Bei all der Macherei nicht zu vergessen natürlich auch: Theater. Lars war Teil des frühen Schlingensief-Ensembles, das u. a. 1994 "Kühnen 94 oder Bringt mir den Kopf von Adolf Hitler" auf die Bühne brachte, und arbeitet immer wieder mit dem Schweizer Ex-Intendanten des Züricher Schauspielhauses, Christoph Marthaler, zusammen.

Moritz Bleibtreu, Til Schweiger, Veronica Ferres - die Gesichter des Todes, pardon, des deutschen Films sind ja ziemlich überschaubar. Dabei besitzt allein der von der Musik kommende Quereinsteiger Lars Rudolph genügend Kraft, um all den weggedämmerten Kunden des kargen Detlev-Buck-Cinemas wieder hochzuhelfen - plus Shantys mit seiner Band Mariahilff und plus einen Kuchen für seine vielen Töchter.

Der Pflaumenkuchen sei ein altes Rezept seiner Mutter, erklärt Lars Rudolph, während er die aus dem Internet ausgedruckten Anweisungen für den Hefeteig betrachtet. Ist seine Mutter etwa Yahoo? Egal. Alles, was Lars macht, fixiert viel zu sehr, als dass man es in Frage stellen wollte. Wir lassen ihn die Zutaten für den Hefeteig zusammenschütten und lustvoll in einer riesigen Schüssel kneten. Absolut überzeugend. "Gell, das ziehst du nicht zum ersten Mal durch?" - "Na ja, das Rezept habe ich vorher noch nie gemacht ...", entschuldigt er sich. Wofür aber überhaupt? Dass man ihm alles abnimmt, weil er mitunter einfach gut darstellen kann? Da nicht für. Auch nicht dafür, dass sich trotz Hefe das Teigvolumen nicht recht vergrößern will. Lars turnt ein bisschen um die treulose Masse herum und beschließt, dass die Backshow trotzdem weitergehen muss. Profi! Bei all dem wirkt er übrigens gar nicht so klein und koboldhaft, wie es seine Rollen über die letzten fünfzehn Jahre suggerierten. Irgendwas zwischen groß und klein ist er.

Beim Pflaumen-Entsteinen, Teig-Quälen, Backblech-Fetten macht er dicke Backen und sieht aus wie Wolfgang Neuss auf Haschkuchen. Gefällt den vielen Töchtern sicher gut, an der Küchenlampe hängt sogar noch ein weiteres Kind. In Form von selbst gemalten bzw. gebastelten Dingen. Der darauf abgebildete Junge trägt Orange und ist offensichtlich nicht von hier. Lars Rudolph unterhält eine direkte Patenschaft mit einem kleinen Tibeter. Hey, wie schlecht soll man sich hier als selbstsüchtiger, kinderloser Medienpatient, der weder GEZ noch Soli zahlt, denn fühlen?

Aber keine Sorge, Lars Rudolph ist zwar zweifellos Familienmensch und Backdarsteller, kennt aber dennoch die Abgründe nicht nur aus Drehbüchern. Zum Film kam er eher zufällig in den frühen Neunzigern, vor allem, weil die Erkenntnis kam, das Leben als Musiker, das er davor führte, bringe ihn schlicht um in seiner Exzessivität. Die motivierten Drogenbekanntschaften jener Zeit sind dabei mittlerweile Geschichte.

Lars wickelt sich Geschirrhandtücher um, verbrennt sich trotzdem in einem unbeobachteten Moment die Finger und gibt dann aber den archaischen Uckermark-Pflaumenkuchen auf den fetten Wohnküchentisch. Dampf! Da wird das begünstigte Mädchen morgen aber staunen. Vor allem, wenn es unserer Zahnabdrücke in Daddy's Finest gewahr werden wird. Aber nein, ist ja doppelter Boden, Lars hat extra einen Schaukuchen gemacht, dazu lässt er Aphex Twin und Daft Punk laufen - von wegen Gitarren-Addict mit singender Säge. Der Kuchen ist prima, also zumindest für eine Quiche, aber bestimmt mag es die Familie Rudolph einfach nur nicht so zuckersüß. Dafür sind Lars' Rollen und Songs ja auch beredte Zeugen ...