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»Ich warte auf Momente, in denen etwas schief läuft«

Lapalux im Gespräch

Mit seiner psychedelisch verspulten Idee von Instrumental-HipHop und R’n’B passte Stuart Howard alias Lapalux von Beginn an perfekt zu der zur Label gewordenen Talentschmiede von Flying Lotus: Brainfeeder. Während die sich mittlerweile diversen Stilrichtungen geöffnet hat, macht Howard mit seinem jüngsten Album eine ähnliche Entwicklung durch, wie der Chef selbst. Heißt: Abstraktion und Experimentierfreude als fortwährendes Motiv. Was all das mit der ungewissen Reise ins Jenseits zu tun hat, erklärte uns der Londoner Produzent im Gespräch über sein neues Album »Ruinism«.
Geschrieben am

Interview:
Philip Fassing

Stuart, auf »Ruinism« verzichtest du erstmals gänzlich auf Klänge aus dem Computer, das Ergebnis ist dein mit Abstand organischstes Werk. Woher dieser Sinneswandel?
Die Herangehensweise ist in erster Linie der Idee geschuldet, mich ein wenig einzuschränken und das Musizieren zu einer etwas natürlicheren Erfahrung zu machen. Die Limitierung durch analoge Hardware funktioniert bei mir extrem gut, wenn ich einfach nur erste Ideen festhalten möchte. Für »Ruinism« habe ich diese Ideen dann wieder gesampelt und mit verschiedenen Effekten verändert oder gar zerstört, um sie wie ein Puzzle zu etwas Neuem zusammenzusetzen.  

Wie haben sich dadurch deine Arbeitsabläufe im Studio geändert?
Die Umstellung hat meiner Kreativität wirklich neues Leben eingehaucht. Alleine die Tatsache, wie unkompliziert sich mit Drumcomputer und Keyboard etwas zustande bringen lässt, ohne auf einen Bildschirm zu starren – fantastisch. Ich wollte mich deutlicher auf die emotionale Wirkung von Klängen konzentrieren und mich nicht mehr so sehr auf Kosten der Kreativität in deren technischen Aspekten verlieren.  

Die Gegensätze von analoger und digitaler Musikproduktion werden ja fast schon mit religiösem Eifer diskutiert. Wo stehst du in dieser Debatte?
Ich bin da absolut kein Purist. Wenn du ein gutes Ohr hast und genug experimentierst, kannst du alles gut klingen lassen. Trotzdem glaube ich, dass manche Eigenheiten von analogem Equipment nur sehr schwer nachzuahmen sind. Ich habe für die Arbeit an »Ruinism« zum Beispiel eine RYTM Drum Machine verwendet, die über eine sehr charakteristische Synthesizer-Engine und einen recht ungewöhnlichen Verzerrungs-Schaltkreis verfügt. So etwas habe ich bei Software noch nie gehört. Das gleiche gilt für den Korg Polysix, den ich hin und wieder verwendet habe: Der Sound bringt eine Tiefe und einen Charakter mit sich, der mit anderen Mitteln nur sehr schwer zu erreichen wäre. Bei meinen beiden Alben davor veränderte ich bestimmte Klänge über Kassettenaufnahmen, auch das ist sehr schwer zu emulieren. Ich warte auf Momente, in denen etwas schief läuft – etwa wenn das Band anfängt zu übersteuern oder sich verheddert und einen seltsamen Sound ausspuckt.  

Imperfektion scheint ohnehin ein sehr bestimmendes und fortlaufendes Motiv in deiner Musik zu sein. Woher kommt dieses Faible für kaputte und dissonante Texturen?
Das ist für mich im Grunde das Interessanteste am Musik machen: Tonale Stimmungen in seltsame Bereiche zu bringen. Wenn ich Sachen höre, die nicht so passen, wie sie sollten, dann probiere ich das sogar noch zu akzentuieren und damit weiter zu arbeiten. Ich finde es aufregend, wenn sich die Dinge ein wenig falsch und entrückt entwickeln. Es ist einfach eine gewisse Faszination, Klänge miteinander zu kombinieren, die eigentlich nicht richtig passen und eben gewissermaßen passend gemacht werden müssen.
Du hast zuletzt Musik für die Kunstperformance »Depart« geschrieben, die auf einem Londoner Friedhof aufgeführt wurde. Wie hängt das Album mit diesem Projekt zusammen?
Ich habe für »Ruinism« einige Ideen aus diesem Projekt noch einmal aufgegriffen und neu interpretiert. Es war wirklich interessant, mit den Performern daran zu arbeiten und zu sehen, wie sie auf meine Kreationen reagieren. Musik zu erschaffen, die der Idee entsprechend sollte, zu sterben und eine Reise ins Ungewisse anzutreten, hat mich sehr inspiriert. Davon steckt viel in dem Album drin.

Wie kam es überhaupt zu dieser Zusammenarbeit?
Die Organisatoren hinter »Depart« hatten mich vor einigen Jahren schon mal damit beauftragt, Musik für eine Kunstperformance zu schreiben. Damals ging es um »Absent«, was in der Shoreditch Town Hall aufgeführt wurde. Ich habe mich wirklich gefreut, dass sie mich im vergangenen Jahr noch einmal für »Depart« angeheuert haben. Ich liebe es einfach, in diesem Bereich zu arbeiten. Von einer visuellen Idee auszugehen birgt für mich die größtmöglichste Inspiration.

Hast du zuvor schon mal für Film, Theater oder Kunst komponiert?
Nein, »Absent« war meine erste Arbeit dieser Art. Einen Filmsoundtrack habe ich bisher nicht geschrieben, das möchte ich aber unbedingt noch einmal irgendwann machen. 

Wie unterscheidet sich die Arbeit für eine Performance von deiner üblichen Arbeitsweise?
Ich habe dort sehr eng mit der Regie zusammengearbeitet, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was eigentlich gefragt ist. Zugleich bringe ich aber auch eine Menge eigene Ideen ein und produziere viele Entwürfe, um meinen persönlichen Gestaltungsraum abzustecken. Davon abgesehen habe ich sowohl bei »Depart« als auch bei »Absent« gewisse Briefings bekommen, in den die Emotionen, Stimmungen und Handlungen der Permormer dokumentiert wurden, was wirklich eine sehr große Hilfe war.  

Spielst du die neuen Sachen schon live?
Ja, es passiert häufig, dass ich auf der Bühne bereits mit Material experimentiere, an dem ich gerade arbeite – alleine um sehen, wie es in diesem Kontext funktioniert. In letzter Zeit ist da weitaus mehr Hardware im Spiel als sonst. Ich fordere mich so gewissermaßen selbst heraus, um möglichst flexibel und experimentell zu bleiben und bestimmte Dinge spontan in Echtzeit verändern oder anpassen kann.

Klingt, als wäre ziemlich viel Bewegung in deinem Live-Set-Up?
Ja, absolut. Ich habe in all den Jahren ein Gefühl dafür bekommen, was ich bei einem Gig hören und sehen möchte. Diese Ansprüche stelle ich auch an mich selbst und probiere dementsprechend das Beste dabei herauszuholen und möglichst unterhaltsam und abwechslungsreich zu bleiben.

Lapalux

Ruinism

Release: 30.06.2017

℗ 2017 Brainfeeder