×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Ich spiele in meiner eigenen Liga«

Lana Del Rey im Gespräch

Auf ihrem fünften Album »Lust For Life« zelebriert Lana Del Rey Hedonismus statt Schwermut und feiert ihr Leben in Hollywood. Annette Walter hat mit der Femme fatale des Pop telefoniert und festgestellt, dass Lana Del Rey gerne auf Fragen antwortet, wie sie auch ihre Lieder schreibt: vage, aber immer auch ein wenig poetisch.
Geschrieben am
Wenn man zum Telefoninterview mit Lana Del Rey verabredet ist, stellt man sich vor, sie räkele sich vielleicht gerade am Pool ihrer Villa in den Hollywood Hills oder läge lasziv auf dem Bett, wie sie es vor einigen Jahren in unserer Selfie-Ausgabe tat. Es würde ziemlich gut zu der 31-jährigen Sängerin passen, die ihr Image so gut vermarktet wie wenige andere in ihrem Genre. Stattdessen erwischt man Lana Del Rey jedoch in ihrem Auto. »Ich finde, das ist ein guter Ort zum Telefonieren. Es ist so heiß heute«, seufzt sie. »Aber weißt du, ich bin von der East Coast, deshalb liebe ich die Wärme.«

L.A. beziehungsweise Hollywood und Lana – das war schon immer ein perfect match. Schon zu Beginn ihrer Karriere, die 2011 mit dem Clip zu »Video Games« einen Raketenstart hinlegte, inszeniert sich Lana Del Rey als laszive Femme fatale, die gerade einem Film noir entstiegen ist. Gleiches gilt für ihren Künstlernamen (eigentlich heißt sie Elizabeth Grant), ihren glamourösen Trademark-Look (Lidstrich, Schmollmund und Ronettes-Frisur) und ihre Biografie, die allein schon einen guten Filmplot abgeben würde: Alkoholismus und Entzug im Teenageralter, zeitweiliger Kontaktabbruch zu ihren Eltern und ein Leben, das sie vom Trailerpark in eine Villa in L.A. gebracht hat.

Lana Del Reys Wohnort L.A. ist nun auch indirekt das Thema ihres Albums »Lust For Life«. Sie selbst spricht vom »California Sound«. Der wird jedem gefallen, der bereits den Dream-Pop ihres letzten Albums »Honeymoon« mochte. Lyrisch geht es dieses Mal mehr um die Glorifizierung eines hedonistischen Lebensgefühls, es gibt weniger Dunkelheit und mehr Lebensfreude als in Del Reys Frühwerk. »Ich wünschte, ich wäre schon tot«, zitierte sie der Guardian, als vor drei Jahren ihr drittes Album »Ultraviolence« erschien – ein Statement, von dem sie sich später distanzierte. Im Song »Lust For Life« – der mit Iggy Pops Song bis auf den Titel so rein gar nichts zu tun hat – schäkert Del Rey nun mit dem R’n’B-Sänger Abel Makkonen Tesfaye (The Weeknd) – der neben Sean Lennon am Album mitgearbeitet hat – und sitzt im Video dazu auf dem Hollywood-Schild. In der ersten Single »Love«, die bereits millionenfach online angesehen wurde, kurven ausnahmslos hübsche junge Menschen im Cadillac oder auf dem Skateboard einen Strand entlang, sitzen scheinbar schlaftrunken-derangiert im Kino und erleben später gar eine Reise ins Weltall.
Was reizt sie so an Hollywood, dass sie diesen Ort ständig zitiert? »Auch wenn es nach einem Klischee klingt, ist diese Stadt für mich immer noch der Ort der Träume«, antwortet Del Rey. »Ich kenne viele Künstler, die hier leben und deshalb das Gefühl haben, es geschafft zu haben. Die Menschen können hier sein, was sie sein wollen.« Sie erzählt vom Beachwood Café am Fuße des Hollywood-Schildes, in dem sie immer mal gern vorbeischaut, »ein großartiger Ort«. Genau wie im vielzitierten Luxushotel und Celebrity-Hotspot Chateau Marmont, denn »man weiß nie, wen man dort trifft«.

Was bedeutet Liebe, von der sie am liebsten singt, für Del Rey selbst? »Gute Frage«, sagt sie, schwenkt aber sofort von der persönlichen auf die musikalische Ebene um. »Es geht mir bei dem Song nicht so sehr um die Verliebtheit oder verrückte Leidenschaft, sondern eher darum, liebevolle Gedanken und Gefühle zu haben.« Der Song klingt melancholisch, eben der typische Del-Rey-Sadcore-Sound. Kennt sie auch die traurige Seite der Liebe? »Ja, ich kenne diesen Teil«, sagt sie. Schweigen. Nun ja, mehr wird man nicht aus ihr herauskriegen. Ihr Selbstverständnis habe sich geändert: »Ich fühlte mich beim Schreiben des Albums ganz anderes als bei ›Born To Die‹. Damals fühlte ich mich wie ein ›rebel without a cause‹. Ich war tatsächlich in dieser ›Scheiß drauf!‹-Gefühlslage und hatte diesen ›Born To Die‹-Modus. Jetzt geht es mir mehr um das Genießen, die positiven Aspekte des Lebens, im Hier und Jetzt zu sein und mehr Freunde um mich zu haben. Und dennoch höre ich auf meiner neuen Platte selbst noch viel Ruhelosigkeit.« Erlebt sie sich dabei selbst als autonome weibliche Künstlerin, die frei entscheiden kann, was sie tut und was nicht? »Ich bin schon lange in meiner eigenen Liga. Meine Erfahrungen im Musikgeschäft waren immer gut.« 

Das enigmatische Image der mysteriösen Retro-Schönheit, das Lana Del Rey in ihren Videos abgibt, wirkt ganz anders als der legere All-American-Girl-Slang, den sie im Interview an den Tag legt. Auf viele Fragen antwortet sie erst einmal mit einem Kichern. Ihre Antworten sind ausweichend, konkret wird sie eher selten – was ja auch für ihre Songtexte gilt, die oft vage daherkommen und mehr wegen ihrer Stimme wirken als wegen des Inhalts. »You get ready, you get all dressed up to go nowhere in particular, back to work or the coffee shop. Doesn’t matter cause it’s enough to be young and in love«, singt sie in »Love«. Wie reflektiert sie sich selbst als Frau in der männerdominierten Musikindustrie? Hält sie sich für eine Feministin? Scheinbar die falsche Frage, denn Del Rey äußert sich weder dafür noch dagegen. »Ich hatte immer das Gefühl, stark sein zu müssen, aber ich fühlte mich nicht immer stark. Ich mache das Beste aus meinen Fähigkeiten. Ich unterstütze die Frauen in meinem Leben, und es gibt sehr viele Frauen in meinem Leben.« Hat sie eine Meinung zu Trump? Del Rey überlegt kurz. »Man wacht jeden Tag auf und liest etwas Neues und Verrücktes. Ich habe das Gefühl, dass alle ständig den Atem anhalten. Mir geht es genauso. Ich bin immer gespannt, was wir als Nächstes hören. Aber mein Job ist, Musik zu machen.«

Lana Del Rey

Lust for Life

Release: 21.07.2017

℗ 2017 Lana Del Rey, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH