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Ich will ich sein

Lana Del Rey

Lana Del Rey kam mit Hits wie »Summertime Sadness« aus dem Nichts und wirkte 2012 wie eine Ikone aus Hollywoods goldenen Zeiten. Als Zeichnerin der eigenen Kunstfigur erntete die vormals unbekannte Elizabeth Grant mit dem neuen Namen nicht nur Lob. Auch Kritik an ihrem Imagewechsel wurde laut. Jetzt ist ihr zweites Album »Ultraviolence« fertig, die Künstlerin mit dem Prozess ihrer Selbstverwirklichung im Reinen. Emanuel Bergmann traf in Hollywood auf eine entspannte Lana Del Rey, die offen über die Zusammenarbeit mit Dan Auerbach, ihre Liebe zu Marilyn Monroe, die Angst vor Haien und das Reizthema Schönheits-OPs plauderte.
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Lana Del Rey sitzt auf dem Balkon ihres Bungalows im Sunset Marquis Hotel in West Hollywood. Versonnen zieht sie an einer Zigarette, genießt die Aprilsonne an diesem glamourösen Ort. Das Sunset Marquis ist – wie das nahe gelegene Chateau Marmont – ein Rock’n’Roll-Hotel. Hier haben sich einige der größten Stars der Musikwelt geliebt und gezankt, wenn sie nicht gerade ein paar neue Songs aufnahmen. Das Sunset Marquis verfügt über ein unterirdisches Tonstudio. Solche Hotels sind ein recht neuer Luxus für sie, im Underground kennt Lana Del Rey sich eher aus. Ihre ersten Songs schrieb sie im Trailer Park und hatte sich mit dem ausbleibenden Erfolg abgefunden. Das Album »Born To Die« katapultierte sie überraschend in die Charts, vor allem in Europa wurde sie zum Star. Die mittlerweile 27-Jährige ist gebürtige New Yorkerin, doch ihr Herz schlägt für die offenen Weiten der Westküste. So wie sie auch für Leinwand-Ikonen schwärmt, wie nur Kalifornien sie hervorbringt. Lana Del Rey mag die großen Gesten, in den Songs ihres neuen Albums »Ultraviolence« haucht sie wie eine echte Hollywood-Diva. Ihre Hauptthemen sind weiterhin die Liebe und der Tod. Trotzdem fraglich, ob das amerikanische Publikum sie jemals so lieben wird, wie ihre europäischen Fans es tun. Während des folgenden Gesprächs auf dem Balkon wirkt Lana Del Rey nicht wie ein unnahbarer Star, sondern entspannt und geerdet, freundlich und nachdenklich. Kurz vor dem Interview trat sie zum ersten Mal beim Coachella auf. Ein bisschen wirkt es so, als könne sie ihren eigenen Erfolg dort noch nicht ganz fassen.

Wie war dein Auftritt auf dem Coachella?

Echt irre. Ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, dass das Coachella uns jemals einladen würde. Und dann stehen da über 50.000 Leute vor der Bühne. Für mich war das ein umwerfender Moment, unser bislang größter Auftritt in Amerika. Ich habe mir dort auch selbst einige Konzerte angesehen. Ich stehe total auf Matt Bellamy von Muse, also bin ich am Samstag zu deren Gig. Und ich habe Lemmy und Motörhead vom Bühnenrand aus gesehen, als Gast war Slash mit auf der Bühne. Abgefahren.

 

Warst du besonders gespannt, wie die neuen Songs vom Album »Ultraviolence« ankommen würden? 

Klar, ich habe ja auch ein wenig gebraucht, um sie zu schreiben. In den letzten zwei Jahren wurde ich oft gefragt: »Was machst du als Nächstes?« Meine Standardantwort lautete: »Weiß ich noch nicht.« Aber im November letzten Jahres kristallisierten sich endlich ein paar Melodien heraus, für die ich die richtigen Worte zu finden schien. Also nistete ich mich in den Electric Lady Studios an der Lower East Side von New York ein. Besitzer Lee Foster ist seit zehn Jahren ein Freund von mir. Ich fragte ihn, ob ich ein wenig herumspielen könne, und er meinte nur: »Klar.« Ganze drei Wochen lang hatte ich das Studio für mich allein, ab und an schaute Rick Nowles vorbei. Ich dachte schon, dass ich fertig sei, da lernte ich Dan Auerbach von The Black Keys kennen.

 

Dan Auerbach hat die Fertigstellung des Albums entscheidend beeinflusst? 

Ja. Wir trafen uns in einem Club, schauten einander an und wussten gleich: »Hey, wir sollten ein Album zusammen machen.« Was total ungewöhnlich für mich ist. Ich arbeite seit drei Jahren mit denselben Leuten zusammen und hatte nicht vor, jemand Neues an Bord zu holen. Aber Dan hat eine gewisse Spontaneität. Er ist ein sehr positiver Mensch. Nur eine Woche nach dem Treffen im Club flog ich nach Nashville. Er lud seine Kumpels aus Brooklyn ein, und zusammen nahmen wir uns die 13 Demos vor, die ich in den Electric Lady Studios produziert hatte. Ich war mit der Band im selben Raum. Ich wollte diesmal nicht in ein goldenes Neumann-Mikro singen, wie Sinatra es benutzte. Ich wollte stattdessen ein Mikro, an dem ich mich festhalten konnte, am besten mit Kabel. Wir kauften ein bluesiges Shure SM-58 und nahmen das Album in sechs Wochen auf.

 

Die beiden Versionen deiner Single »West Coast« sind auch wirklich sehr unterschiedlich. Was hat der jeweilige Einfluss der Produzenten Dan Auerbach und Rick Nowles damit zu tun?

Rick Nowles ist so was wie mein bester Freund, was die Musik angeht. Er ist sehr präzise, und ich improvisiere gern. Wenn er ein paar Akkorde anschlägt, kann ich dazu 20 Minuten freestyle singen, bis sich eine Form abzeichnet. Er ist jedes Mal verblüfft, wenn ein Song daraus entsteht. Erst konnte ich mich mit »West Coast« nicht anfreunden, mir war der Song zu strukturiert. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain. Sehr traditionell. Eigentlich sollte das Stück gar nicht auf das Album, aber Dan Auerbach hat sich daran festgebissen. Die Band in Nashville hörte sich die New Yorker Demo-Version drei Mal an und legte einfach los. Die Akkorde wurden nicht verändert, aber es kam ein gewisses Feuer dazu, was den Sound angeht. Ich wollte dieses Feuer.

 

Ist der Albumtitel »Ultraviolence« eine Anspielung auf den Roman »Uhrwerk Orange« oder auf dessen Verfilmung von Stanley Kubrick?

Mir gefiel das Wort. Ich habe vor einiger Zeit einen 30-minütigen Kurzfilm gemacht, »Tropico«, der nicht so gut ankam. Das Wort »Tropico« hat auf Spanisch keine besondere Bedeutung, es heißt einfach nur »tropisch«. Bei manchen Wörtern gefällt mir einfach der Klang. Wie bei »Ultraviolence«. Es hat all die Elemente, die ich wollte: Schönheit, Härte, Weiblichkeit, das Aufeinanderprallen des Maskulinen und des Femininen. Es ist echt ein Luxuswort. Aber davon abgesehen bin ich auch totaler Kubrick-Fan.

 

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit dem Interview.

Immer wieder tauchen in deiner Musik und deinen Videos Filmidole wie Marilyn Monroe oder John Wayne auf. Woher kommt diese Faszination?

Zu John Wayne habe ich keine besondere Verbindung. Aber jemand wie Marilyn ... Es kann sein, dass sie mir etwas anderes bedeutet als den meisten Leuten. Ich habe viel über Marilyn gelesen und fühle mich zu ihr und ihrer Persönlichkeit stark hingezogen. Sie war eine sehr nette, sensible, ruhige Person, das finde ich sympathisch. Für ihre Schauspielkunst und für ihren Gesang hat sie alles gegeben, aber gleichzeitig war sie sehr fürsorglich. So sehe ich mich auch.

 

Sie hat sich selbst neu erfunden. Aus Norma Jean wurde Marilyn. Bei dir war es ähnlich, du bist auch deine eigene Schöpfung. Wie kam es zu dem Entschluss, dass aus Elizabeth Grant Lana Del Rey werden sollte?

Als ich jung war, fragte ich mich oft, ob ich eines Tages den Mut aufbringen würde, meinen Namen zu ändern und zum »Creative Director« meines eigenen Lebens zu werden. Ob ich mir wohl das Leben erschaffen könne, von dem ich träumte. Ich stand vor einer beängstigenden Aufgabe. Meine Familie ist sehr traditionell, für mich war es ein riskantes Ziel. Aber mit der Zeit wurde es für mich schmerzhaft, ein falsches Leben zu führen. Die einzige Chance war, eine richtige Sängerin zu werden, selbst wenn es mit der Karriere nicht klappt. Es hat ja auch sieben Jahre lang nicht geklappt, aber das war okay. 

 

Wie kamst du auf den Künstlernamen Lana Del Rey?

Mein damaliger Freund kam aus Delray Beach in Florida. Dort gibt es viele Leute, die früher mit Alkohol- oder Drogensucht zu kämpfen hatten. Eine recht exotische Community. Das fand ich toll. Und ich mochte die sanften »a«-Klänge in Lana, wie in »Allah« oder in »Paradies«.

 

Du hast dich also bewusst verändert. Wer oder was ist dein wahres Selbst?

Mein wahres Selbst ist immer die Person, die ich jetzt bin. Wenn du zur Welt kommst, dann sucht jemand deinen Namen und deinen Wohnort, in gewisser Hinsicht auch deinen Beruf für dich aus. Früher wurde ich nicht als der Mensch gesehen, der ich bin. Ich bin einerseits traditionell, andererseits habe ich auch viel Fantasie und Kreativität in mir. Es ist eine Menge Arbeit erforderlich, um dir eine audiovisuelle Welt zu erschaffen, in der du leben kannst. Das ist nicht leicht, denn du lebst immer auch in der realen Welt.

 

Benötigst du viel Selbstdisziplin, um Lana Del Rey zu sein? 

Nein, Selbstdisziplin ist nicht der richtige Ausdruck, eher das Gegenteil ist der Fall. Man muss loslassen können.

 

Du bist jetzt sehr erfolgreich. Damit geht ein gewisses Image einher. Ist es schwer, im Zeitalter von Social Media das eigene Image zu kontrollieren?

Ja. Ich habe sieben Jahre lang unbemerkt im Underground der Lower East Side gelebt und gearbeitet. Da konnte ich in Ruhe schreiben und habe das sehr genossen. Wenn ich den Leuten meine Songs vorspielte, kam null Reaktion darauf. Aber ich dachte mir: »Okay, das ist also mein Weg. Ich tue das, was ich liebe, es wird bloß keiner wahrnehmen.« Ich musste mich mit den Konsequenzen, auch in finanzieller Hinsicht, abfinden. Dann kam ich vor drei Jahren ins Rampenlicht, als Fearne Cotton einen Song von mir im Radio spielte. Menschen, für die ich vorher uninteressant war, wurden aufmerksam. Und schnell hieß es: »Früher war sie dies, jetzt ist sie das.« Sie hatten den Prozess meiner Veränderung ja nicht mitbekommen. Es ist eine Frage des Timings. Man befindet sich täglich an einem anderen Punkt seines eigenen Lebens. Der Moment, in dem dich die Menschen wahrnehmen, ist der Moment, in dem du für sie zu existieren beginnst. Aber mein Leben fand schon vor dem Erfolg statt.

 

Früher war die Kultur der Stars in Hollywood von der Aura des Geheimnisvollen bestimmt. Heute gibt es zahllose Promis, die ihr Privatleben hemmungslos preisgeben. Macht dir das manchmal Angst? 

Ja. In meiner Familie ist man eher reserviert. Wenn man Probleme hat, bespricht man sie unter sich. Man würde niemals mit seinen Sorgen nach außen gehen, das wäre schlimm. 

 

Glaubst du, dass man in Europa mit Ruhm und Celebrity-Kultur anders umgeht als in den USA? 

Nein. Aber ich denke, dass in Europa außergewöhnliche Künstler eher akzeptiert werden. Wir sind vor dem Coachella in den USA so gut wie nicht aufgetreten, in Portugal, Deutschland oder Tschechien spielten wir aber große Konzerte. Die europäische Mentalität ist anders, es gibt mehr Mut zur Analyse. Die Auffassung von Kunst und das Verständnis für Künstler sind weiter gefasst. In Amerika ist der Markt für Popmusik übersättigt, man wird schnell abgewiesen. Die Leute interessieren sich nur für die Charts. Aber das ändert sich auch langsam.

 

Sowohl für Europa als auch die USA gilt allerdings, dass Schönheit und Jugend vergöttert werden. 

Nicht nur in unserer Kultur. Eine schöne Frau ist etwas Archetypisches, das war schon zu Zeiten des alten Ägyptens so.

 

... aber plastische Chirurgie ist negativ besetzt. Warum? 

Das hat eben mit den Archetypen zu tun. Ich habe eine Riesenangst vor Spinnen. Keine Ahnung, warum. Ich gehe auch nicht zu weit ins Meer, aus Angst vor Haien. Ich habe noch nie einen Hai gesehen, aber der Gedanke lässt mich nicht los. Das ist etwas Archetypisches. Es hat mit dem Überlebenstrieb zu tun. Wenn du glaubst, dass ein anderer mit unlauteren Mitteln einen Vorteil gewonnen hat, dann findest du das unfair. Obwohl wir uns alle sehr zivilisiert geben, geht es immer noch ums Überleben. Und leider ist es heutzutage so, dass wir Überleben oft mit Ruhm gleichsetzen. Es ist nicht wie früher, als es noch um Leben und Tod ging. Im Westen geht es uns gut, wir leiden keine Not, im Gegenteil, wir sind übersättigt. Wer seine 15 Minuten Ruhm bekommt, hat im Spiel des Lebens gewonnen. 

 

Von Stars wird erwartet, dass sie perfekt sind?

Ich bin oft niedergeschlagen, weil ich anders ticke. Mir geht es darum, durch Worte einen Zauber zu erschaffen, oder darum, dass wir uns in meiner Familie gut verstehen, obwohl wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Ich musste mich in den letzten Jahren von einigen Leuten distanzieren, weil mir klar wurde, dass sie andere Ziele verfolgen als ich. Ich will mich selbst in etwas Greifbarem verankern, es geht mir um echte Beziehungen. Aber ich kann die Missgunst anderer Menschen gut verstehen. Ich bin auch eifersüchtig auf andere Frauen, wenn ich glaube, dass man mir meinen Platz in einem musikalischen Genre streitig macht.

 

Noch eine letzte Frage zu Hollywood: Kannst du dir vorstellen, als Schauspielerin in einer großen Filmproduktion mitzuwirken?

Ich weiß es nicht. Aber ich stehe gerne hinter der Kamera, drehe und schneide mein eigenes Material. Ich fühle mich vor einem Kameraobjektiv tatsächlich wohler als vor 50.000 Menschen.

 

Lana Del Rey »Ultraviolence« (Interscope / Universal / VÖ 02.06.14)

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