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Im Interview: Kontrollverlust

Ladyhawke

Ladyhawke ist vielleicht das ideale Bindeglied zwischen Robyn, Lily Allen und Little Boots. Jürgen Dobelmann traf die Neuseeländerin.
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Auch wenn sie mit bald dreißig nicht wie allerorts vermutet die nächste Youngsterin ist, die mit poppig-smart produzierten Eighties-Sounds die New Raves aufwühlt, so ist Ladyhawke vielleicht gerade deswegen das ideale Bindeglied zwischen Robyn, Lily Allen und Little Boots. Jürgen Dobelmann traf die Neuseeländerin.

Alle wissen alles. Hat ja auch was Gutes. Im Falle Ladyhawke sorgte die netzbedingte rasante Verbreitung persönlicher Informationen allerdings dafür, dass sich Phillipa "Pip" Brown, wie sie bürgerlich heißt, seit vergangenem Herbst in jedem Interview zu dem bei ihr diagnostizierten "Asperger Syndrom" äußern muss (was sie hasst), anstatt über ihre Musik zu sprechen (was sie viel lieber täte).

Zugegeben: Wüsste man nichts über ihre "leichte Form des Autismus", so würde man Pip ganz einfach nur für eine sensible, sympathisch-zurückhaltende Sängerin aus Neuseeland halten, die wie jede Künstlernatur ihre drolligen Marotten hat. Man würde sich schlichtweg überhaupt keine Gedanken machen, warum ihre Live-Auftritte vergleichsweise kurz sind und sie oft - obgleich nachdrücklich herbeigeklatscht - keine Zugaben spielt.



Warum sie weder Artikel noch Reviews über ihre Musik liest und auch schon mal in Tränen ausbricht, wenn sie eine böse MySpace-Nachricht bekommt. Und warum sie mit einem Topteam qualifizierter Hit-Produzenten zusammenarbeitet, die Chartspositionen ihrer Veröffentlichungen aber mangels Eigeninteresse eher zufällig von Journalisten erfährt. Doch seit sie ihre Krankheitsgeschichte vor einem halben Jahr einer britischen Zeitung anvertraute, erscheinen manche Gepflogenheiten der Endzwanzigerin in einem anderen Licht. Oder?

"Mir tut es oft leid, dass ich die Leute bei Konzerten etwas enttäusche", gibt sich Pip zerknirscht, "aber manchmal kann ich einfach nicht mehr zurück auf die Bühne." Klar. In unserer unerbittlichen Value-for-money-Welt, in der Konzertgängern stets das Grundbedürfnis eingeredet wird, eine musikalische Abendveranstaltung unter einer Netto-Spielzeit von 120 Minuten (vielen Dank, Bruce Springsteen) wäre fast ein Grund für eine Eintrittsgeld-Rückerstattung, ist ein Headline-Set von knapp einer Stunde eher die Seltenheit. Doch wenn Pip als Ladyhawke auf der Bühne steht und mit entrückter Hazel-O'Connor-Mimik, Little-Steven-Bandana und Duran-Duran-ca.-1984'esker Backing-Band ihre Hits unter das junge Hipster-Folk bröselt, kann man die allgemeine (Pop-) Glückseligkeit fast mit den Händen greifen. Hooklines, Hooklines, Hooklines. Dass es da manch einem die Laune verhagelt, wenn sie sich vermeintlich verfrüht auf Nimmerwiedersehen Backstage verkrümelt, ist nicht weiter verwunderlich.





Entzugserscheinungen eben. "Stimmt. Mein größtes Talent ist wohl mein Gespür für Melodien, meine Pop-Sensibility", erläutert Pip. Angesichts einer solchen Aussage wundert es kaum, dass die Idee, mit Pascal Gabriel (Dido, Kylie Minogue, New Order etc.) und Hannah Robinson (Geri Helliwell, Sugababes, No Angels, Sophie Ellis-Bextor etc.) namhafte Hitmacher zu verpflichten, nicht auf dem Mist der blonden Wahl-Londonerin gewachsen ist. Im Gegenteil: Zunächst war Pip alles andere als angetan von dem Vorschlag, sie wollte allein im Team musizieren.

"Mein Verlag wünschte, dass ich mit erfahrenen Leuten arbeite. Als sie mich mit Hannah Robinson zusammenbrachten, war ich stinksauer", erinnert sie sich. "Ich hatte das Gefühl, mich zum Idioten zu machen. Ich werde nie wieder mit ihr arbeiten! Nicht, weil sie nicht nett wäre - ganz im Gegenteil, sie ist wunderbar -, aber ich brauche diese Hilfe nicht." Viel besser lief es dagegen mit Pascal Gabriel. Mit dem Belgier verbindet die Sängerin und Vielfach-Instrumentalistin mittlerweile fast schon eine Freundschaft. Eine weitere Zusammenarbeit beim nächsten Album scheint sicher.  Welchen Anteil der Endvierziger an der Authentizität des smarten Eighties-Sounds von Ladyhawke hat, bleibt weitgehend ungeklärt.



Dass die junge Musikerin die Epoche qua ihres Alters lediglich vom Hörensagen kennen kann, bestreitet sie derweil vehement: "Ich war großer Fan von Madonna und Michael Jackson - ich war völlig besessen von 'Bad', als die Platte 1987 erschien!" erinnert sie sich. Die Verwirrung hinsichtlich ihres Alters kann sie allerdings durchaus nachzuvollziehen: "Ich bin 1979 geboren, habe die Achtziger als Heranwachsende erlebt", erklärt sie. "Aber da ich in jedem Interview etwas anderes erzähle, wie alt ich bin, kann man da schon mal durcheinanderkommen."

Wer nun auf die Idee kommen könnte, ein Job hinter den Kulissen des Musikbusiness, etwa als Songwriter/Produzent für andere, könnte für die ca. 29-Jährige angesichts ihres scheuen Naturells und ihrer umfangreichen Krankenakte (ihre Medikamenten-Unverträglichkeit hatte u. a. bereits ein Koma zur Folge) eine Option sein, liegt gründlich falsch. Schon die Vorstellung, jemand könnte eines ihrer Stücke ruinieren, ist ihr ein Gräuel - auch wenn dadurch ihre persönliche Hitbilanz (plus Bankkonto) ordentlich aufgehübscht werden könnte. "Vielleicht sind meine Songs einfach nicht gut genug für die Top Ten", grübelt sie. "Oder aber: Mein Image ist nicht mainstreamtauglich genug." Neidisch auf den Yellow-Press-Appeal etwa von Kollegin Lily Allen ist sie trotzdem nicht: "Himmel, nein! Wie sie will ich ganz bestimmt nicht sein!" Ob ihre Songs Tophit-tauglich sind oder nicht, könnte sich jedoch alsbald herausstellen. Angeblich hat US-Superstar Christina Aguilera ihren Song "My Delirium" gecovert, ko-produziert von Ladytron.