×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kein Style, keine Klasse, keine Farbe, kein Geschlecht

Lady Sovereign / Uffie / Bunny Rabbit

Alter Knabe HipHop, was wirst du gedehnt und gewendet. Das Genre, von außen immer noch gerne als Bastion schwarzer Männlichkeit konstruiert, um es irgendwie dingfest zu machen, fließt in alle Richtungen aus. Was heute unter Rap firmieren kann und möchte, hat keinen engen Stylekodex mehr, keine vorge
Geschrieben am

Alter Knabe HipHop, was wirst du gedehnt und gewendet. Das Genre, von außen immer noch gerne als Bastion schwarzer Männlichkeit konstruiert, um es irgendwie dingfest zu machen, fließt in alle Richtungen aus. Was heute unter Rap firmieren kann und möchte, hat keinen engen Stylekodex mehr, keine vorgegebene Klasse, keine festgelegte Farbe und kein Geschlecht. Zumindest, wenn es nach Lady Sovereign, Uffie und Bunny Rabbit geht.



Fast kaleidoskopartig blättern diese drei weiblichen Acts auf, wie weit HipHop sich von seiner Klischeevorstellung entfernen kann – und in wie viele verschiedene Richtungen. Um gleich noch einen obendrauf zu legen: Man kann sich gar nicht sicher sein, ob sich die vier Frauen überhaupt als HipHopperinnen begreifen. Uffie z. B., die in Frankreich lebende US-Bootybass-Sensation, fühlt sich weder als Sängerin noch als Rapperin. Das Duo Bunny Rabbit aus Brooklyn fährt einen avantgardistisch-vermurksten Dekonstrukto-Beat-Stil, der die (real existierende) freundschaftliche Nähe zu CocoRosie sichtbarer werden lässt als jede HipHop-Blaupause. Lady Sovereign, fast genauso jung wie die saujunge Uffie, aber statt als begüterte Ballerina als rotzige UK-Fußballette aufgewachsen, postuliert einfach nur keck: “Hey, ich bin die momentan am meisten diskutierte weibliche MC der Welt. Tut mir leid, aber ist so.” Wie sagt man in der verhassten Multikulturalismus-Debatte so schön: Es sind die Unterschiede, die uns verbinden. Oder sollte man einfach lieber konstatieren, dass die Fahrt an die Ränder wie stets den interessantesten Blick aufs Zentrum zeitigt? Wobei man sich fragt, ob man das Zentrum nach diesem Ausflug eigentlich noch so interessant findet.

Lady Sovereign
– Unterschicht in Jogginhose

Und was heißt hier eigentlich Kern und Randbereich? Lady Sovereign, die 21-jährige Nordlondonerin, geborene Louise Harman, macht keine Witze, wenn sie ohne die Frauen gerne umgehängte Zwangsbescheidenheit feststellt, dass sie in diesem Moment ganz einfach der heiße Scheiß ist. Mehr im Zentrum des Geschehens formerly known as HipHop geht wohl kaum. Alle, die sich auch nur marginal für das Genre interessieren, sind in den letzten Monaten mindestens einmal über diese fantastische Aufstiegssaga gestolpert, die so gut zum HipHop passt und doch so völlig untypische Parameter aufweist: Als Schulabbrecherin vom sozial schwachen Chalkhill Estate in einem der weniger feinen Viertel von London zum Labelsigning bei Def Jam – als erste britische Künstlerin und auf persönliche Einladung von Jay-Z. Der Weg dahin war reichlich unglamourös. Nachdem sie aus der Schule geworfen worden war, weil es nach Meinung des Lehrkörpers doch “eh nichts mehr bringe”, wie sie heute noch wütend zu Protokoll gibt, MCte sie zu Hause, inspiriert von den HipHop-Platten ihrer Mutter (“Ich stehe heute immer noch total auf ‘Tramp’ von Salt N’ Pepa. Wenn ich Sampling nicht so blöd fände, würde ich das auf jeden Fall mal sampeln!”), und nahm bei Freunden Freestyles auf Kassetten auf. Parallel war sie im Internet in Sachen Eigenpromo aktiv, bevor es MySpace überhaupt gab (“I am the original internet artist!”), und zwar auf einer Art Vorläufer namens Facepick, und verkaufte Donuts auf dem Markt und doppelt verglaste Fenster am Telefon. Weil das Geld aus diesen Shitjobs nie für irgendwas reichte, klaute sie Klamotten, beschloss dann aber irgendwann, nie wieder neun Stunden oder gar mehr in einer Zelle hocken zu wollen. Als pädagogisches Ersatzprogramm wurde sie in einen Schauspiellehrgang geschickt, wo sie in einem Filmchen eine Rapperin mimen durfte.
Und jetzt? Sogar Missy Elliott herself war angetan und lieferte gleich ein Feature, und dann gab es noch einen Nummer-1-Hit auf MTV TRL, was vor ihr weder die Spice Girls noch Robbie Williams geschafft haben, wie sie selbst stolz vermerkt. Dabei ist Lady Sovereign, nach eigener Aussage “officially the biggest midget in the game”, mit ihrer halsbrecherisch schnell und näselnd gerappten Mischung aus Grime, UK-Garage und Cockney-Humor nicht unbedingt der klassische US-Chartbuster. Auch optisch gibt sie die Antithese zum US-amerikanischen HipHop-Erfolgsmodell: käseweiß, winzig, weiblich. Also eher Prince als Biggy, aber minus die sexy Klamotten. Denn von körperbetonten, überfemininen Fummeln hält die Lady nichts. “Ich bin nicht eine von diesen Frauen, die sich auf der Bühne in Boobtubes quetschen und zu Hause dann in baggy Jeans ins Auto steigen. Ich bin immer gleich, ob auf der Bühne oder zu Hause.” Und gleich heißt: mit ihrem zum Markenzeichen gewordenen seitlichen Pferdeschwanz mit den komplizierten Zöpfchen an der Schläfe, den sie schon seit ihrer Teenagerzeit trägt, und Unisex-Streetwear. Ihre Horrorvorstellung, die sie im Opener “9 To 5” ihres in den USA schon letztes Jahr veröffentlichten Debütalbums “Public Warning” skizziert, dürfte als grimmiger Alltag einigen Rapperinnen bekannt vorkommen: “So my label have decided to change my image [...] / I’m in FHM posing in a bikini next to a Lamborghini.” Lady Sovs Texte sind vollgeballert mit dem letzten Tabuthema der explicit Lyrics, die per Definition ja nichts mehr schocken dürfte. Aber sexuelle Divagationen in grafischem Detail haben längst ausprovoziert, es sind die Anspielungen auf den ungemachten, unzugerichteten weiblichen Körper, die noch zusammenzucken lassen: die “hairy armpits”, die “fehlenden” Boobs, die Besoffenheit, die Rülpser und die Kotze, über die Frauen sich normalerweise nicht öffentlich äußern, und vor allem nicht mit Lady Sovs fröhlicher Selbstverständlichkeit.
Bei unserem Interview sitzt Louise völlig entspannt im kahlen Meeting-Raum der Plattenfirma und verschwindet fast in ihrer nu-ravigen Sportswear. Anstatt präfabrizierte Antworten abzuspulen, wie man es bei ihrem Fame-Level nun wirklich erwarten und entschuldigen könnte, agiert die Lady eher wie eine entfernte, sehr nette und lustige Bekannte, die man interessant findet und endlich mal bei Freundinnen auf dem Sofa erwischt, um sie vorsichtig auszupressen.

Hast du denn wirklich Angst davor, dass du durch den Druck der Umstände so “glamourisiert” werden könntest, wie du es in “9 To 5” als Albtraum darstellst?
Niemand wird das mit mir machen. Keiner kann mir sagen, wie ich mich als Mensch, Person, Individuum anzuziehen habe. Ich werde niemals wieder ein Kleid tragen. Das letzte Mal habe ich vor 15 Jahren eins getragen! Noch nicht mal zur Hochzeit meiner Schwester hatte ich ein Kleid an, und da war ich immerhin Brautjungfer. Da sagst du nichts mehr, was? Ich habe Adidas angerufen und gesagt, ich will den schönsten weißen Trainingsanzug, den ihr habt. Und den habe ich bekommen. Als ich darin zum Altar geschritten bin und Blumen geworfen habe, habe ich mich wie eine Rebellin gefühlt!
Glaubst du, dass jetzt, wo alle schon so übersättigt sind von den perfekten, manipulierten Körpern in den sexy Outfits, die Leute geradezu auf dich gewartet haben?
Gut möglich. Aber denk mal daran, wie HipHop früher war, da war das alles noch kein Thema. TLC sind damals immer in baggy Klamotten aufgetreten, und die waren super erfolgreich!
Dann haben sie aber ihr Image geändert und sich auf einmal ganz sexy präsentiert.
Ja, stimmt, und das hat funktioniert, aber ihr altes Image hat auch funktioniert! Das zeigt doch nur, dass sich was geändert hat. Es müsste den Leuten doch klar sein, dass Frauen mehr sind als nur Titten und Ärsche. Die können z. B. nämlich nicht sprechen. [lacht]
In “Love Me Or Hate Me” geht es ja um das gespaltene Verhältnis, das die Öffentlichkeit und speziell die britische Öffentlichkeit mit dir zu haben scheint. An mancher Stelle wird argumentiert, das sei der Fall, weil man dich mit der “Chav Culture”, also der speziell englischen Prollkultur, assoziiert habe.
Die Leute haben ein Problem mit mir, auf das ich nicht genau den Finger legen kann. Ich bin gut, also sollten sie mich verdammt noch mal supporten. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und habe mich nach oben gearbeitet, aber das ist nichts, wofür ich mich schäme. Dass sie mich als Chav abstempeln, ist wahrscheinlich Eifersucht. “Kommt erst mal runter, calm down” ist alles, was ich denen sagen kann.

Uffie – Schülerin in Booty-Shorts

Erst mal runterkommen? Das wird für Uffie in der nächsten Zeit kaum laufen. Die in Paris lebende, erst 19-jährige Anna-Catherine Hartley aus Miami ist zwar nicht mit derselben Mainstream-Sichtbarkeit wie Lady Sovereign nach oben katapultiert worden, aber ihre Karriere im Clubsegment ist mindestens ebenso spektakulär. Mit nur vier Tracks auf zwei Maxis wurde Uffie bereits um den ganzen Globus gebookt, hat in Tokio auf ausdrücklichen Wunsch von Pharrell einen Auftritt mit ihm absolviert, und die Musik- und Style-Magazine überschlagen sich mit ihrer Aufmerksamkeit für die junge Amerikanerin. Geschadet hat dabei sicher nicht, dass ihr Pariser Label Ed Banger, mit dem sie freundschaftlich (und jetzt auch vertraglich) verbunden ist, seit sie vor drei Jahren – genau, mit 16 – ihren jetzigen Beatproducer und DJ Feadz für eine Party im Pariser Rex buchte, momentan mit seiner wilden Mischung aus HipHop, Bootybass, cheesy Zitaten und Hedonismus international explodiert. Und natürlich, dass diese vier Stücke mit ihrer Mischung aus sweetem Mädchengesang bzw. -rap und expliziten Texten (wie bei “Pop The Glock”) und fetten Electrobeats, die nicht nur in den Texten Miami evozieren (wie in “Hot Chick”), absolute Dancefloor-Filler sind. Live tritt die Fashion-bewusste Performerin gerne in kleinen Shorts auf und gibt anheizend und Arme schwingend die Rampensau. Im persönlichen Gespräch hat man eher das Gefühl, einer Schülerin gegenüberzusitzen, die wohlerzogen, aber unendlich gelangweilt die Fragen beantwortet, die die Lehrerin, als die man sich auf einmal fühlt, ihr stellt. Wie an einem Regenmantel tropfen alle Fragen an ihr ab; ihre Statements bestehen meist nur aus einer Silbe oder werden, mit Valley-Girl-artigen “likes” gespickt, so hastig runtergespult, dass man fast nichts versteht. Dieses Desinteresse kann man ihr bei ihrem monströsen, zehrenden Tourschedule – am Tag nach dem Interview geht es schon wieder in die USA und dann nach Japan – beim besten Willen nicht vorwerfen, und unsympathisch ist diese sehr stylishe junge Frau auch nicht. Aber in der direkten Begegnung seltsam leer.

Wie fühlt sich das an, mit nur ein paar Songs als nächstes großes Ding gehandelt zu werden?
Es ist supercool, aber auch eine Menge Druck. Es gibt so schnell einen Riesenhype, und wenn man dann die Leute mit dem ersten Album nicht komplett wegbläst, sitzt man ziemlich in der Scheiße.
Warst du von der Geschwindigkeit des Hypes schockiert?
Absolut. Zuerst war es nur ein Witz, ich hatte einfach Spaß mit meinen Freunden. Als es auf einmal so explodierte, war es echt schockierend. Ich habe es immer noch nicht ganz realisiert.
Hattest du überhaupt Zeit, die Situation zu reflektieren?
[wie aus der Pistole geschossen] Nein. [dann Schweigen]
Siehst du dich überhaupt als Rapperin?
Nicht so wirklich. Ich bin mit diesem Dirty-South/Miami-Bass-Ding aufgewachsen, das ist also wirklich wichtig für mich. Eine Sängerin bin ich auch nicht wirklich, eher so eine Mischung. Die Leute nennen es nur Rap, weil ich nicht richtig singe ...
Wärst du gerne mehr in den Produktionsprozess involviert?
Irgendwann auf jeden Fall. Es ist toll, die Sängerin zu sein, aber bei manchen Stücken hat man eine genaue Vorstellung im Kopf, wie sie klingen sollen. Wenn jemand anders produziert, klingt es nie 1:1 so, wie man sich das vorgestellt hat.
Wie gehst du mit diesen für Bootybass so typischen “nasty Lyrics” um, die du auch verwendest und die normalerweise immer aus männlicher Perspektive getextet sind?
Für meine Generation ist es völlig okay, über Sex zu sprechen. Es ist einfach lustig, so krass darüber zu reden. Natürlich, wenn man die Texte völlig ernst nimmt, könnte man schockiert sein, aber es ist nur Spaß. Ich bin auch keine Feministin oder so, aber ich habe kein Problem damit, als Mädchen wie ein Typ zu sagen: “Hey, let’s get laid tonight.” Es ist mir egal, ob die Leute damit ein Problem haben.

Bunny Rabbit – Pärchen mit Fantasien und Perversionen

Wo für Teenager Uffie der Terminus “lesbian” in ihrem Stück “In Charge” noch als exotische Zuschreibung firmiert, ist er für Bunny Rabbit und ihre Beatproduzentin Black Cracker schlicht Alltag. Die beiden Brooklynerinnen, die unter Bunnys MC-Namen als Duo auftreten, sind nicht nur musikalisch, sondern auch privat ein Pärchen. Sie sind die großen Unbekannten in diesem Panorama aus up and coming Stars, und mit ihren nebulös-abgedrehten Selbstbeschreibungen tun sie wenig, um zur Lüftung des Schleiers aus selbst gestrickter Asphalt- und Häschen-Mythologie beizutragen – ganz im Gegenteil. Außer der Querverbindung zu CocoRosie, für die Black Cracker bereits als Beatboxerin mit auf Tour war, und der ersten Platte “Lovers And Crypts” mit deren Mixtur aus Peaches- und Spoken-Word-inspirierten Raps, schläfrig-verschleppten Que(e)r-Instrumentierungen und sexuellen Bewusstseinsströmen über hausgroße Dildos und rammelnde Bunnys gibt es wenig harte Fakten. Dafür Antworten, die neue Fragen aufwerfen.

Seht ihr eure Musik als HipHop bzw. eine verrückte Version davon oder als etwas ganz anderes?

Die meiste Zeit fühlen wir uns wie Waisen, die nicht wissen, wer ihre Mamas und Papas sind. Wir sind ausgewachsen und mit gebrochenem Herzen geschlüpft und machen Songs wie Prismen, die aufgeschlagene Knie und dreckige Schnürsenkel reflektieren.
Erweist ihr mit euren bewusst versauten Texten den Konventionen des HipHop Reverenz, oder ist euer Umgang mit dieser Übersexualisierung auch zu einem Gutteil ironisch?
[Bunny:] Ich schöpfe nur aus meinen Träumen und Albträumen und schmutzigen Geheimnissen. Ich glaube nicht, dass ich eine Übersexualisierung reflektiere, ich glaube im Gegenteil, dass wir so untersexualisiert sind, dass diese Texte krass wirken mögen. Aber wir alle haben Fantasien und Perversionen. Ich bin nur ehrlich und zensiere meine Stimme nicht. Sex ist gefährlich, wenn man sich dafür schämt. Wenn man Sex von Rechtschaffenheit trennt, laufen wir alle mit einem scharlachroten Buchstaben herum. Und das bringt Bunny zum Weinen.