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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Horror statt Hummer

Lady Gaga im Gespräch

Ob mit Hummer auf dem Kopf, als Kunsthaarmonster oder im Fleischkleid – für viele war es am Ende quasi egal, wie ihre Musik so klingt. Nach Jahren als exzentrische Kunstfigur setzt Lady Gaga ihren Fokus auf »Joanne« auf Songwriting, Handwerk und Authentizität. Ob das aufgeht und wie es dazu kam, verrät uns Katja Peglow, die sich in Berlin zu Lady Gaga auf die Couch setzen durfte. 
Geschrieben am
Berlin im September: Es ist einer der letzten heißen Tage des Jahres und Lady Gaga wirkt zum ersten Mal entspannt. Gerade hat sie auf der Jahrestagung ihrer Plattenfirma Universal in der Berliner Mercedes-Benz Arena »Perfect Illusion«, die erstaunlich rockige erste Single ihres kommenden Albums »Joanne«, vor lauter steifen Anzugträgern vorgestellt und dafür Standing Ovations geerntet. Knapp 15 Minuten dauerte die Präsentation mit anschließendem Interview, geführt vom Universal-Chef Frank Briegmann höchstpersönlich. Zum Abschied bekam Lady Gaga einen Schlüsselanhänger geschenkt, der ihrem aktuellem Lieblingsgefährt nachempfunden ist (ein alter Mercedes Benz W123, falls hier irgendein Auto-Crack mitliest). Mit diesem Erbstück von ihrem verstorbenen Großvater wurde sie schon häufiger auf den Straßen New Yorks von Paparazzi geblitzt.  

Für das kurze Intermezzo in Berlin hat sie extra ihre Reisepläne umgeworfen und ist am Vortag mit dem Privatjet inklusive elfköpfiger Entourage angereist. Später soll es weiter nach London gehen, doch davor muss die 30-Jährige noch die letzten Interviews des Tages absolvieren. Ich habe den Slot am Ende erwischt und langsam macht sich leichte Nervosität breit – schließlich ist das heute schon mein zweiter Versuch, die schwer beschäftigte Pop-Ikone in Berlin zum Gespräch zu erwischen. Der Vormittagstermin im eleganten Hotel Waldorf Astoria war aus Zeitgründen kurzfristig geplatzt: Das ehrgeizige Unterfangen der Künstlerin, sich zu Beginn des Pressemarathons nach jedem Interview für ihre Gesprächspartner neu in Schale zu werfen, hat den minutiös austarierten Zeitplan der deutschen Promoterinnen ordentlich aus den Fugen gebracht.
In der Mercedes-Benz Arena bleibt es dann gegen Nachmittag zum Glück beim letzten Outfit-Wechsel des Tages: Ultraknappe schwarze Shorts und eine lässige Leopardenbluse, in der die Sängerin noch eben schnell ihre in der prallen Hitze wartenden Fans begrüßt. Ganz schön normal für eine Style-Ikone, die weltweit für ihre extrem ausgefallenen Looks gefeiert wird und angeblich ihren ersten Manager im Yeti-Kostüm gefeuert haben soll. In den katakombenartigen Gängen der Arena herrscht derweil geschäftiges Treiben. Ein Backstage-Raum muss noch für die letzten Pressetermine hergerichtet werden. In der Zwischenzeit bekomme ich von ihrem Manager endlich die ersten Songs vom neuen Album vorgespielt, bevor ich in die heiligen Hallen geführt werde.

Zigarette mit Quietschgeräuschen


Um kurz nach vier darf ich endlich neben Stefani Germanotta, wie Lady Gaga mit bürgerlichem Namen heißt, auf einem viel zu großen, roten Ledersofa Platz nehmen, dessen nervige Quietschgeräusche hinterher viel zu laut auf meiner Aufnahme zu hören sein werden. Die 30-Jährige ist trotz der mehrstündigen Verspätung gut gelaunt. Sie wirkt tiefentspannt, konzentriert und höflich: »Stört es dich, wenn ich mir eine Zigarette anzünde?« Nö. Dann kann es ja endlich losgehen:

Du hast dir für dein neues Soloalbum drei Jahre Zeit gelassen. Fühlst du dich nach den geteilten Reaktionen auf dein letztes Album »Artpop« unter Druck gesetzt – oder bist du einfach nur froh, wieder zurück zu sein?

Paradoxerweise verspüre ich dieses Mal weniger Druck, eben weil ich länger weg war und mir für die neue Platte mehr Zeit gelassen habe. Ich habe mir deutlich mehr Freiheiten genommen und mit einer ganzen Reihe von tollen Leuten zusammengearbeitet, die ich musikalisch sehr schätze.  

Einer davon ist Mark Ronson, mit dem du bereits 2009 zusammengearbeitet hast. Er hat einen Track des Rappers Wale produziert, bei dem du Gastsängerin warst. Habt ihr euch dort kennengelernt?
Ja, da habe ich Mark das erste Mal getroffen, obwohl wir uns eigentlich schon deutlich länger kennen. Wir sind beide auf der Upper West Side in derselben Nachbarschaft aufgewachsen und zur Schule gegangen (Anm. d. Red.: er in die Collegiate School, sie in den Convent Of The Sacred Heart, eine katholische Mädchenschule). Natürlich kannte ich ihn damals noch nicht so richtig, er ist schließlich zehn Jahre älter als ich. Als wir uns dann nach so langer Zeit durch Wale im Studio wieder begegnet sind, war die Freude groß. Seitdem wollte ich unbedingt wieder mit ihm zusammenarbeiten.
Wie muss man sich die Zusammenarbeit denn genau vorstellen?
Ganz klassisch. Ich habe vor zwei Jahren angefangen, die ersten Songs für mein neues Album am Piano oder der Gitarre zu schreiben. Ich wollte alles möglichst simpel halten. Mit den Entwürfen bin ich dann zu Mark ins Studio gegangen. Dort haben wir wochenlang an den Arrangements gefeilt, bis wir beide mit dem Ergebnis zufrieden waren. Es war ein gemeinschaftlicher Prozess, alles lief ziemlich organisch ab. Ich würde die Zusammenarbeit mit Mark als eine kreative Wiedergeburt für mich bezeichnen.
    

Viel Gefühl und wenig Masterplan 

Eine solche Wiedergeburt hatte Lady Gaga nach »Artpop« auch nötig. Das bei Fans und Kritikern durchgefallene dritte Konzeptalbum ist eher wegen seines inhaltsleeren Kunstgequatsches (»My Artpop can mean anything!«) als wegen einprägsamer Hits in Erinnerung geblieben. Anders als auf ihren ersten beiden Alben, die um relativ simple Konzepte wie Ruhm (»The Fame«) und Toleranz (»Born This Way«) kreisten, hat sich das Mother Monster an dem überambitionierten und überproduzierten Dancefloor-Nachfolger verhoben. Dass ihr neues Album nun eine komplett andere musikalische Richtung einschlagen würde, zeichnete sich bereits an den im Vorfeld geposteten Work-in-Progress-Bildern ab, die im Netz kursierten und den Popstar in ungewohnten Posen bei den Albumaufnahmen zeigten: Gaga an der Gitarre, Gaga am Schlagzeug und Gaga an der Schreibmaschine, auf der sie die Songtexte zum neuen Album tippte.
Es gab also keinen Masterplan, bevor ihr ins Studio gegangen seid?
Nein, zum Glück nicht. Ich wollte kein weiteres massenkompatibles Pop-Album aufnehmen – was immer das auch heißen mag – sondern eins, das auch Leute anspricht, die sich bisher noch nicht mit mir als Person oder mit meiner Musik identifizieren konnten. Mir ging es diesmal weniger darum, ein besonderes Image zu erfüllen. Ich will, dass die Leute die neue Platte einfach hören und denken: »Wow, die hat ja dieselben Probleme wie ich!«  

Geht es darum auch in deiner ersten Single »Perfect Illusion«?

Genau, es geht darum, dass wir im digitalen Zeitalter ständig denken, diese perfekte Illusion von uns kreieren zu müssen, obwohl wir sie in der Realität gar nicht aufrecht erhalten können. Wir setzen uns immerzu diesen ganzen gefakten Scheinwelten aus und sind im Grunde doch alle nur auf der Suche nach funktionierenden menschlichen Beziehungen.  

Ich bin vorhin deinem Vater auf dem Flur begegnet, als er gerade von einem Spaziergang an der Berliner Mauer zurückkam. Begleitet er dich häufig auf solchen Reisen?

Meine Familie wird mir immer wichtiger, je älter ich werde. Und deswegen nehme ich sie so oft es geht mit. Vielleicht bin ich deshalb auch so entspannt, was die Rezeption der neuen Platte angeht. Mir reicht es schon, wenn mein Vater die neuen Songs mag.

Mom-Jeans statt Fleischkleid  

Auch wenn die rockige Comeback-Single »Perfect Illusion« mit Josh Homme an der Gitarre nicht ganz an die Klasse vergangener Hits anknüpfen konnte, so ist sie für Gagas aktuelle Inszenierung als Mensch aus Fleisch und Blut taktisch doch klug gewählt. Passend dazu verzichtet die im Gespräch erstaunlich reflektierte Amerikanerin derzeit auf allzu provokante Mode-Statements, sowohl auf als auch abseits der Bühne. An den Anblick von Gaga in ausgebeulten Mom-Jeans muss man sich nach all den Jahren mit Fleischkleid oder Vogelkäfig-Outfit wohl erst noch gewöhnen. In einem Interview mit der Sunday Times begründete Gaga ihren Sinneswandel ganz banal: »Du kannst nicht mit einer Horde von Jungs Musik machen, wenn sie die ganze Zeit nur auf den Hummer auf deinem Kopf starren«.  

Ich durfte vorhin in ein paar Songs reinhören …

Hat’s dir gefallen? Entschuldigung, dass ich dir einfach so ins Wort falle. Sorry, Darling!  

Kein Problem. Mir gefällt der weniger artifizielle Ansatz der Platte, dass du eine neue Seite von dir offenbarst und dich jetzt stärker als Songwriterin präsentierst. Gleichzeitig klingt alles aber trotzdem noch nach Pop. Also sehr modern und …

Wolltest du grade »frisch« sagen? [rückt dabei etwas näher heran]  

Naja, im Vergleich zu deinem Album mit Tony Bennett schon …

Haha, ich verstehe. Freut mich, dass es dir gefällt!  

Vor allem die eine sanfte Folk-Ballade ist bei mir hängengeblieben.
Meinst du »Joanne«?  

Ja, ich glaube so hieß der Song.

Mein Zweitname ist »Joanne«, weißt du? Den Namen habe ich von meiner Tante Joanne, die 1974 im Alter von 19 Jahren an Lupus gestorben ist. Sie war die ältere Schwester meines Vaters. Die neue Platte ist von ihr inspiriert, ihr gewidmet und heißt auch so.
Das wusste ich noch nicht. Würdest du sagen, dass »Joanne« dein bisher persönlichstes Album geworden ist?
Ich würde meine Alben alle als persönlich bezeichnen, aber das aktuelle vielleicht noch ein wenig mehr.  

Für mich klingt es ziemlich autobiografisch. Du singst zum ersten Mal in deinem Leben über deine Familie, oder?
Ich habe mir auf jeden Fall große Mühe gegeben, nicht mehr nur über mich selbst zu singen. [lacht]  

Du hast auch mit Kevin Parker von Tame Impala und Father John Misty zusammengearbeitet. Beides Namen, die man nicht unbedingt auf dem neuen Album eines globalen Popstars erwartet hätte. Wie kam es dazu?

Kevin habe ich über Mark kennengelernt und Father John Misty über John Janick von Interscope Records. Ich hatte einfach Lust, mit brillanten Musikern wie zum Beispiel Beck zusammenzuarbeiten, den ich übrigens auf einer Fashion-Show gestalkt habe! Die Leute haben ja immer die verrücktesten Vorstellungen von mir als Popstar und vergessen dabei oft, wo ich herkomme. Ich mache das Ganze schließlich schon eine ganze Weile und habe auch so angefangen: Nur ich am Klavier, irgendwo in einer dreckigen Bar in Downtown.

Joanne und die Männer

Ein cleverer Schachzug. Statt wie beim Vorgänger »Artpop« erneut auf eine aufgeblasene Marketingkampagne und teure Musikvideos zu setzen, promotet die Sängerin ihr neues, »erdigeres« Album lieber mit intimen Exklusivshows in kleinen Clubs. Wie zuletzt auf der von einem großen US-Bierhersteller gesponserten Dive-Bar-Tour durch die Vereinigten Staaten. Während der dreitägigen Kneipentour stellte die Künstlerin vor allem ihr country- und americanalastiges Material in den Mittelpunkt, wie beispielsweise die von Father John Misty mitkomponierte Läuterungsballade »Sinner’s Prayer«. Damit beweist sie, dass sie auch ohne knallige Showeffekte wie feuerspuckenden BHs das Publikum einzig mit ihrer stimmgewaltigen Performance fesseln kann. Wenn die gefeierte Tony-Bennett-Kollaboration »Cheek To Cheek« aus dem vorletzten Jahr zeigen sollte, was für eine talentierte Sängerin Lady Gaga ist, dann soll »Joanne« die Welt daran erinnern, was für eine begnadete Songwriterin noch immer in ihr steckt.
Du hast vorhin auf der Bühne gesagt, dass du dich durch die Arbeit am neuen Album endlich als weibliche Musikerin akzeptiert fühlst. Gleichzeitig waren an der Produktion von »Joanne« aber fast nur Männer beteiligt. Hast du keine Angst davor, dass deine kreative Beteiligung dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung gemindert wird?
Mir ist bewusst, dass man gerade weiblichen Popstars in dieser Hinsicht noch oft misstraut. Deshalb habe ich auf dem Album auch mit Florence Welch und der Country-Songwriterin Hillary Lindsey zusammengearbeitet. Die Wahrheit ist aber, dass das leider noch immer die traurige Realität ist, in der wir leben. Wir Frauen müssen uns immer mehr anstrengen, um respektiert oder gleich behandelt zu werden.

Erst Kunstblut, dann Studio

Neben der Musik erkämpft sich Lady Gaga aktuell auch noch auf einem anderen künstlerischen Feld Respekt: der Schauspielerei. Ihr TV-Debüt gab sie als aufsässiger Teenager bei den »Sopranos«. Aktuell gehört sie zum exzellenten Cast der nicht immer ganz so exzellenten US-Kultserie »American Horror Story« und machte dort zuletzt als blutrünstige Gräfin ihrem Spitznamen Mother Monster alle Ehre.  

Da wir uns langsam dem Ende nähern: Wie viel Spaß macht es dir, in einer Ryan-Murphy-Show (dem Erfinder von »American Horror Story«) mitzuwirken?

It’s a blast! Ich liebe Horrorfilme, ich mag Hitchcock. Grundsätzlich gilt: Ich arbeite unglaublich gerne mit kreativen Leuten zusammen und das ganze Team um Ryan ist erstklassig und hochprofessionell.  

Darfst du schon irgendwas über die neue Staffel verraten  – außer dass du wieder dabei sein wirst (Anm. d. Red.: Die 6. Staffel war zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht angelaufen)?

Meine Rolle ist viel unglamouröser und weniger raumgreifend als beim letzten Mal – also komplett anders angelegt. Ich bin diesmal nur in vier Folgen zu sehen. Es geht um die spurlos verschwundene Roanoke-Kolonie, die ersten Siedler Nordamerikas. Aber darf ich das überhaupt schon verraten, Nick …? [guckt fragend zu ihrem Manager]  

Wenn es um ein Embargo gehen sollte: Dieses Interview erscheint erst Ende Oktober …

Cool, dann kann ich dir ja wenigstens eine Szene von den Dreharbeiten zeigen. [holt ihr Handy raus und zeigt mir eine leicht verschwommene Aufnahme, in der die von ihr gespielte Figur ein noch pochendes Herz an Kathy Bates verfüttert]  

Beeindruckend! Ich glaube, ich darf dir nur noch eine Frage stellen: Du hast einem US-Interviewer gesagt, dass dein Mitwirken an der kommenden »American Horror Story«-Staffel dein neues Album kreativ beeinflussen wird. Darf ich fragen, wie du das gemeint hast?
Durch meine Schauspielerei kann ich – im Fall von »AHS« – eben auch eine extrem düstere Seite von mir ausleben. Sich solch extremen Rollen wie bei »AHS« hinzugeben, hat etwas ungemein Befreiendes, fast schon Kathartisches an sich. Nach so einem anstrengenden Drehtag voller Kunstblut gehe ich gestärkt in jede Aufnahmesession!    

Lady Gaga

Joanne (Deluxe)

Release: 21.10.2016

℗ 2016 Interscope Records