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So war's: Von Größe, Grütze und dem Spalt dazwischen

Lacrimosa live in Köln

Believe it or not: Lacrimosa-Berichterstattung auf intro.de. Marschrichtung vorprogrammiert? Nicht ganz. Bei ihrem Auftritt in Köln zieht die Band mit dem Harlekin auf wundersame Weise ihren Kopf aus der Schlinge. Tja. Und das, wo doch eigentlich für jeden Geschmack eine Fliege in der Suppe schwamm. Sorry, Zielgruppe – ich habe versagt.
Geschrieben am
24.02.16, Köln, Live Music Hall

Auf intro.de von Lacrimosa zu lesen ist, wie in der Wendy über einen Autosport-Artikel zu stolpern. Oder im Handelsblatt über Entwässerungsdragée-Anzeigen. Vom Schreiben reden wir gar nicht erst. Dennoch hat es sich so ergeben, dass an diesem diesigen Mittwoch ein junger Intro-Autor loszog, die Grenzen zu strapazieren und dem Popanz auf den Zahn zu fühlen. Ordentlich auf Contra gebürstet und wild entschlossen, sich auf nichts von diesem ganzen uncoolen Gruftischlager-Quatsch einzulassen – erst recht nicht auf Emotionen, Atmosphäre und andere Tricksereien. Abzufertigen, ja, vielleicht sogar zu vernichten. Und während man noch hin- und herüberlegt, wo man anfängt zu sägen, tut die Band das Beste, was sie hätte tun können und lässt einen am ausgestreckten Arm der Professionalität verhungern, während vom Backdrop der bleistiftgezeichnete Harlekin, seines Zeichens Bandmaskottchen und Artwork-Protagonist, mit einer Spur von Trotz in den Gesichtszügen die Szenerie beäugt.

Von den vielen Arten, Lacrimosa zu begegnen – unbedingte Verehrung, restlose Geringschätzung und resignierte Belustigung, um einmal die wichtigsten drei zu nennen –, ist kaum mehr eine übrig. Warum? Es gibt einfach Bands, die sind wie alte, verkapselte Fetische, die man nicht ablegen kann. Mit denen man ringt, und gegen die man dann zähneknirschend klein beigeben – Wolff-Sprech: »die Schwingen in die Glut werfen« – muss. Weil sie das, was sie machen, einfach verdammt gut machen. Lacrimosa sind so eine Band. Auf dem Tour-Termin in Köln treffen hartgesottene »Lacrimaniacs« mit Tilo-Tattoo auf solche, die insgeheim nie aufgehört haben, den Kram zu hören. Hinzu kommt ein kleinerer Prozentsatz vermutlich Schaulustiger aller Altersklassen, deren Anwesenheit man sich anders nicht erklären kann, sollte man mit Klischeevorstellungen angereist sein. Macht unter dem Strich eine zu zwei Dritteln gefüllte Live Music Hall, durchfurcht von zahleichen möglichen Fluchtpfaden. Puh!
Apropos großzügig: Bandchef Tilo Wolff war noch nie ein großer Freund des Subtilen und ist auch nach einem Vierteljahrhundert Bandgeschichte keiner. Partituren für 60-köpfige Orchester schüttelt er sich scheinbar aus dem Handgelenk (profane Bandmusik sowieso), schustert aber dann Texte zusammen, die für ein bandeigenes Bullshit-Bingo reichen würden. Dabei geht er auf in seiner Rolle als gestenreicher Gothrock-Heiland, der mit seinen Armen das tut, was andere in seiner Position für gewöhnlich nicht mal mit den Beinen leisten. Wirklich wahr: Wolff ist ein Charismatiker, das Publikum hängt durch alle pathostriefenden Plattitüden an seinen Lippen, und wenn mal einer aus der Reihe tanzt – das passiert exakt ein Mal –, ermahnt der Zirkusdirektor ihn süffisant zum Zuhören. Der Orchesterbombast kommt heute aus der Konserve, der Gesang mal taufrisch, mal totenfahl aus der Kehle. Abwechselnd keift Tilo Wolff wie ein Dämon, röchelt wie Spongebob und säuselt wie ein junger Gott. Nichts, was sich nicht mit einem Schuss Bühnenpräsenz wieder korrigieren ließe. Und davon setzt der Mann heute Abend Unmengen frei. Sein Charisma, ja, sein ganzes Auftreten schluckt die Befremdlichkeiten und macht auch Zweifler zunehmend schmerzfrei. Da ist es dann auch fast schon fad, wenn zwischendurch Anne Nurmi ans Mikro tritt, einfach nur solide, unprätentiöse Musik macht und das Schlammcatchen zwischen Grütze und Grandezza ein paar Minuten Pause hat.

Bis plötzlich ein unsichtbarer Kinderchor losplärrt. Die vermeintliche Goth-Meute winkt und klatscht. Dann: malmende Metalriffs und Marschrhythmen, gefolgt von schleppenden Synthies und schwülstiger Holperpoesie aus den frühen Jahren der Bandgeschichte. Nicht ganz zufällig ballt sich die loyalste Gefolgschaft tausende Kilometer entfernt vom deutschsprachigen Raum, in Russland, Süd- und Mittelamerika. Dort schützt einen zuverlässig die Sprachbarriere vor lyrischen Massenkarambolagen; die vielen titelgebenden Kelche gehen am Hörer vorüber, der Ernst festigt sein Regiment. Man muss dieses Gothic-Metal-Chanson-Varieté aber gar nicht einmal ernst nehmen, um an einem Abend wie diesem Unterhaltung zu erfahren. Lacrimosa – eine Scheißband? Nicht eine Sekunde während dieser zweieinhalb Stunden. Nur vielleicht ein klitzekleines bisschen peinlich als Bekenntnis. Um es mit einem der vielen wunderlichen Songtitel auszudrücken: Irgendein Arsch ist immer unterwegs. Gerade der will ich heute nicht sein. Und damit zurück in die Redaktion – ich muss die dritte Zugabe sehen.