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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Das zwischen Ben und mir war wie eine Liebesbeziehung, die man zu spät beendet«

La Roux

Mit dem neuen Album »Trouble In Paradise« kehrt der androgyne Rotschopf Elly Jackson zurück. Ihr Elektropop ist wärmer geworden, verfeinert mit einer Funk-Note. Noch etwas ist anders: der zweite Teil von La Roux, Produzent Ben Langmaid, ist nicht mehr mit an Bord. Wir haben die 26-jährige in Köln getroffen und mit ihr über Stimmprobleme, Schubladendenken und musikalische Trennungen gesprochen.
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Das vorab veröffentlichte Video »Let Me Down Gently« zeigt eine ernste Elly Jackson, der schwarz erstaunlich gut steht und deren rote Powerwelle etwas weicher fällt als vor fünf Jahren. Songs wie »Sexotheque« und »Kiss And Not Tell« beweisen aber, dass La Roux immer noch eine sehr ironische Seite hat. Im Gespräch erzählt sie uns, warum sie immer einen Kontrast in ihrer Musik braucht, warum Mick Jagger und David Bowie nicht zusammenpassen, warum sie von New Order angerufen wurde und was sie zu ihrer tropisch angehauchten Platte inspiriert hat.

Dein neues Album klingt irgendwie runder, etwas funky und reifer. Aber dieses freche Element ist immer noch da. Was für Einflüsse schlagen sich auf dem Album nieder?

Total viele, für jeden Song wahrscheinlich mindestens vier. »Tropical Chancer« steht in der Italo-Disco-Tradition, ist aber auch beeinflusst von Grace Jones und Dub. Diese Luftigkeit der Vocals ist hingegen von anderer, seltsamer und karger Musik inspiriert. »Sexotheque« ist für meinen Toningenieur Ian Sherwin und mich von der Beschaffenheit her wie Sly & The Family Stone. Deren 1971er Platte »There’s A Riot Goin’ On« hat so eine seltsame Struktur, die klingt ein bisschen wie kleine Wassertropfen…plop plop plop - ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Wirklich schräg. Das ist Ians Lieblingsalbum, er hat ständig über die Textur dieses Sounds geredet, das hört man in »Sexotheque«. Der Song hat aber auch Calypso-Anklänge. Ich habe meine Katze nach dem Song auch »Calypso« genannt. In jedem Lied gibt es mehrere Dinge auf die wir uns beziehen.

 

Gibt es einen Menschen oder einen Ort, um den es in »Tropical Chancer« geht?

Ja, den Typen gibt es wirklich, ich kenne ihn seit meiner Kindheit. Er hat mir beigebracht, wie man angelt, auf einer karibischen Insel als ich acht Jahr alt war. Ich hab ihn später auf der gleichen Insel wiedergesehen und er war genau gleich, nur zehn Jahre älter. Er war immer ziemlich gerissen, hatte immer ein Auge auf die Touristen und wusste, wie man Leuten Geld aus der Tasche zieht. Er war sehr schlau und wusste wie man Dinge erreicht. Und als ich zurückkam, war er eine erwachsene Version davon. Er war noch krasser. Trotzdem ein super Typ, er hätte nie einer Fliege was zuleide getan. Solange sie ihm nichts tut. Er hat die heftigsten Sachen gemacht, einmal hat er eine Deutsche geheiratet damit er in Deutschland zur WM gehen konnte, danach hat sie ihn nie wieder gesehen. Nichts wird ihn stoppen, das ist ein windiger Typ. Ein »Tropical Chancer«.

 

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Du hast viele Veränderungen durchgemacht, persönlich wie musikalisch. Das neue Video »Let Me Down Gently« wirkt sehr ernst und »erwachsen«, passend zu dem Songtext über eine Trennung. Wie ist das Video entstanden? War das deine Idee?

Ich wollte eigentlich kein Video für den Song haben, weil er gar keine Single ist. Ich verstehe nicht mehr wie die Musikindustrie funktioniert, die machen einfach für jeden Kram ein Video. Aber mir gefällt dieses Video. Ich habe ziemlich eng mit dem Regisseur zusammengearbeitet, da ich wollte, dass das Video den Song richtig repräsentiert. Es passt visuell überhaupt nicht zum Rest des Albums, du hast ja das Cover gesehen. Aber der Song selbst passt eben auch nicht so richtig. Ich konnte diese Frechheit, die den Rest des Albums durchzieht, nicht in diesen Song bringen. Dieses Lied nimmt sich einfach zu ernst. Es ist sehr gefühlvoll, traurig und dunkel, und außerdem unverfälscht. Ich wollte ein Video, das irgendwie das Organische in der Musik einfängt. Ich gebe zu, dass das Video nicht zum Album passt, aber es passt wunderbar zu diesem Song.

 

Die Frage hast du sicher schon hundert Mal gehört, aber wie ist diese Trennung von deiner musikalisch zweiten Hälfte Ben Langmaid passiert? Inwiefern hat das »Trouble In Paradise« beeinflusst?

Die Trennung hat mich sehr beeinflusst. Ansonsten hätte ich das Album wohl nicht fertig gestellt. Ich versuche immer zu tun, was richtig für die Musik ist, die ich machen will. Es hat bedeutet, dass ich als Künstler frei bin, dass ich mit Ian arbeiten kann, der meine Ideen verstanden hat. Das zwischen Ben und mir war wie eine Liebesbeziehung, die man zu spät beendet. Wir haben zu lange darauf gedrängt, dass es funktioniert, obwohl wir wussten dass etwas nicht stimmt und wir uns in verschiedene Richtungen entwickeln. Er hat angefangen, mit Leuten von »X-Factor« oder »The Voice« zu arbeiten, und ich habe nach unserem Erfolg einfach nicht verstanden, warum er das will. Es gab viele Konflikte und wir haben trotzdem versucht, Songs zu schreiben. Vieles davon war immer noch gut, aber das was ich dann ohne ihn gemacht habe war eben auch gut, so wie »Silent Partner« oder »Cruel Sexuality«. Ich habe gemerkt dass es einfach falsch wäre, weiter mit ihm zu arbeiten. Wir haben es zu doll versucht und das führte dazu, dass wir uns nicht mehr leiden konnten. Diese Trennung beruhte aber auf Gegenseitigkeit. Er ist mitten in der Nacht abgehauen.

 

Du hattest Schwierigkeiten mit deiner Stimme. Was genau ist passiert?

Das war 2010. Ich war auf Tour in Los Angeles, und bekam plötzlich Halsschmerzen. Normalerweise wäre ich zum Arzt gegangen und hätte mich auskuriert, aber wir waren mitten in der Tour und das ging einfach nicht. Ich musste dennoch ein paar Shows absagen, und manche Leute wurden dann sehr gemein, damit kann ich nicht gut umgehen. Der Druck und die fiesen Kommentare online gingen mir schon ziemlich an die Nieren. Irgendwie verlor ich dann die Kontrolle und auch mein Selbstbewusstsein, ich dachte meine Stimme würde nie wiederkommen, ich wurde sehr angespannt und ängstlich. Dadurch hat sich ein Muskel in meinem Hals verschlossen, ich konnte nicht mehr hoch singen. Es hat ungefähr zwei Jahre und einiges an Therapie gebraucht, bis das wieder alles funktioniert hat.

 

Hört man deshalb weniger von deinem typischen Falsett auf dem neuen Album?

Ja, das ist sicher einer der Gründe. Aber beim Songwriting achtet man auch darauf, welche Tonart zu einem Song passt. »Cruel Sexuality« fängt in meiner mittleren Lage an, aber damit es dann richtig hochgehen kann, muss ich sehr hoch singen, das mag ich einfach. Ich habe den Refrain in anderen Tonlagen ausprobiert und das klang einfach nicht so gut. Es gibt also auch musikalische Gründe. Aber bei vielen Aufnahmen hat sich mein Hals wieder verkrampft, dann habe ich Angst bekommen und es ging einfach nichts mehr. Der Gesang auf diesem Album war schon eine Herausforderung für mich. Jeder wird mal heiser, aber das war einfach etwas anderes. Ich glaube es hilft schon, sich einfach der Probleme bewusst zu sein, die zu so etwas führen können. Ich bin jetzt besser vorbereitet auf so was. Ich kenne gute Übungen mit denen man den Kehlkopf massieren kann. Wenn es ganz schlimm ist meditiere ich oder stelle mich über den Wasserkocher und atme den Dampf ein. Das sieht zwar komisch aus, aber hilft wirklich sehr. Außerdem ist es gut für die Haut. Ich habe viel Energie investiert, damit so etwas Vernichtendes nicht noch mal passiert.

 

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Ich mag es, dass deine Texte oft so ernst sind, aber super zu deinen eingängigen, tanzbaren Melodien passen. Wie viel davon ist Absicht?

Es ist keine Absicht, es ist aber auch nicht unabsichtlich. Ich mag die Gegenüberstellung von diesen sehnsüchtigen Melodien wie »Sexotheque« mit ernsteren Texten. Wenn es in dem Song um etwas Fröhliches ginge, wäre das einfach gay. Das wäre fröhlich plus fröhlich, niemand will das. Deshalb mag ich auch »Let Me Down Gently«, das kombiniert traurig mit sexy. Man braucht einfach diesen Kontrast. So hat ein Song etwas Faszinierendes, etwas Interessantes.

 

Das gleiche trifft ja auch auf »Uptight Downtown« zu, da geht’s um die London Riots von 2011?

Es geht nicht um das Negative der London Riots, eigentlich geht es auch gar nicht um die London Riots. Nur diese kleine Zeile »When did all these people decide to change their shoes« bezieht sich darauf, weil so viele Leute damals Sneakers geklaut haben. Es ist auch eigentlich eine Frage, warum alle plötzlich entschieden haben dass sie nicht zufrieden sind, und auf so ineffektive Art und Weise demonstriert haben. Ich glaube nicht, dass irgendjemand in London stolz auf diese Tage ist. Meine Generation hat sich aufgelehnt, aber wusste nicht wirklich warum. Ich bin in Brixton aufgewachsen, wo in den 80ern die anderen Aufstände waren und ich hatte so viel davon gehört. Deshalb kam es mir komisch vor, nicht darüber zu schreiben, wie anders diese Aufstände 2011 waren. Sie wurden fast zu einem schlechten Witz, aber natürlich nicht für die Leute in deren Läden eingebrochen wurde oder die verletzt wurden. Ich wollte das alles in positive Energie verwandeln. Ich kam einen Tag nach den Aufständen nach Brixton, und überall lag dieser Müll. Es sah aus wie nach einer Art Karneval, nur mit mehr Glassplittern und ausgebrannten Autos. Ein schräger Vergleich. Ich musste mich irgendwie dazu äußern. Ich hatte auch vorher schon den Songtitel.

 

Und der Titel »Sexotheque«, woher kommt der?

Das war ein Club in Montréal. Ich bin noch nie drin gewesen aber er scheint ziemlich grotesk zu sein. Ich glaube es ist einfach ein schäbiger Sexclub. Ich bin mit meinem Tourmanager daran vorbeigelaufen und er sagte »Was für ein toller Albumtitel«! Mein Label fand das aber nicht so cool, dann musste eben ein Song her. Das Wort »Sexotheque« umfasst so viele Dinge die ich mag. Immerhin ist die Hälfte des Wortes »Discotheque« drin. Die beiden Wörter zu mischen fand ich einfach lustig. So ein tolles Wort. So etwas Schäbiges, das aber so okay klingt, nach dem Motto »Sexotheque! Kommt in die Sexotheque, hier ist es spaßig«. Es ist voller Sexarbeiter und wahrscheinlich ziemlich dunkel und schrecklich. Ich werde wohl niemals dahingehen. Aber ich musste diesen Song schreiben. Ich habe mit den Zeilen »He wants to know what it feels like to mess around« angefangen, dann wurde es nach und nach zu einem Lied über einen Sexsüchtigen. Der Titel hat dann super gepasst.

 

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Du wirst mit New Order ein paar Gigs in den USA spielen, wie hat sich das ergeben?

Die haben uns einfach gefragt. »Wollt ihr…« - Ja! Das war eine schnelle Antwort. Ich kann’s kaum erwarten, damit geht für mich ein Traum in Erfüllung. Das wird mein Highlight dieses Jahr.

 

Gibt es noch jemandem, mit dem du gerne arbeiten würdest?

Nicht wirklich. Ich glaube nicht, dass Kollaborationen der Musik besonders gut tun. Es funktioniert toll wenn Künstler und Produzent zusammenarbeiten, aber zwei Künstler… ich habe selten erlebt, dass das gut funktioniert. Ich hatte viel Spaß bei »Hot Mess« mit Chromeo, das sind tolle, intelligente Typen und gute Songwriter. Es hat einfach gepasst. Aber wenn man sich einfach irgendwen herauspickt, wird das im Studio bestimmt keine gute Dynamik geben. Man muss sich nur mal »Dancing In The Street« von David Bowie und Mick Jagger anschauen. Da sind ganz schlimme Vibes am Werk.

 

Du spielst gerne mit deiner Androgynität, manche deiner Songs präsentieren eine andere Frau als Objekt deiner Zuneigung. Sind die Zweideutigkeiten in den Texten zu Stücken wie »Tigerlily«, »Quicksand« und »Cruel Sexuality« Absicht?

Ja, auf jeden Fall. Ich mag es, Leute vor Rätsel zu stellen. Es macht mehr Spaß, als einfach zu sagen was los ist. Das ist ja das Spannende an Androgynität. Es ist natürlich auch eine künstlerische Entscheidung, ich bin einfach frech und äußere mich nicht dazu. Ich glaube außerdem, wenn man die Art und Weise wie Leute Sexualität und sexuelle Orientierung sehen voranbringen will, sollte man sich keinen Namen geben. Selbst wenn ich A, B, oder C wäre, würde ich mich nicht so nennen. Das erschafft eine Schubladen-Atmosphäre. Ich finde es auch schwierig, wenn jemand sagt dass er hetero ist. Man ist einfach in einen Menschen verliebt. Wer ist diese Person?

 

Zum Schluss  - deine Jacke?

Die ist Vintage Moschino. Ich habe sie vor ein paar Wochen in einem Vintage-Laden gefunden - ich habe sie gesehen, gemocht und gekauft. Sie hat noch keine Geschichte. Ich habe sie beim Governor’s Ball getragen, aber das war jetzt nicht so erwähnenswert. Ich trage sie ständig. Es nervt mich: jedes Mal, wenn ich neue tolle Klamotten kaufe, werde ich fotografiert und denke mir dann »Toll, jetzt kann ich diese Jacke nicht mehr tragen«.  Aber ich werde diese trotzdem tragen. Man wird mich in nichts anderem mehr sehen, das ist einfach meine Jacke.