×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wie ein Bu-Bu-Bu-Bu-Bumerang

Kreisky

Auf ihrem vierten Album »Blick auf die Alpen« fährt die Wiener Band Kreisky dem modernen Leben wieder mit dem besonders scharfen Messer unter die Haut. Punk, Postpunk und Noise-Rock untermalen ihre mit österreichischem Zungenschlag in die Welt geschimpften Geschichten aufs Lauteste. Philipp L’heritier sprach mit Kreisky über Lebensgefühlnerven und nervige Musik.
Geschrieben am

Kreisky kokettieren mit dem Klischee: Unser Gespräch haben Sänger und Texter und gelegentlicher Orgler Franz Adrian Wenzl, Drummer Klaus Mitter und Gitarrist Martin Max Offenhuber im altehrwürdigen Wiener Café Jelinek anberaumt. Im Jelinek findet man die oft strapazierte Wiener Melange-Seligkeit, vergilbte Tapeten und Vorhänge, dezent schlecht gelauntes Personal, leisen Mief und den Charme des Verbrauchten. Bloß rauchen darf man auch hier nicht mehr. Kreisky – eine sehr österreichische Band?

»Ich selbst würde überhaupt nicht sagen, dass wir eine typisch österreichische Band sind oder dass Österreich für uns ein Thema ist«, sagt Wenzl, »unser Thema ist ganz klar: Menschen. Automatisch sind das österreichische Menschen. Das Kolorit wollen wir nicht verleugnen. Und in Wien hat das wahrscheinlich schon auch eine starke Tradition, so aus der höfischen Kultur kommend. Wien, Kaiserstadt über Jahrhunderte, da haben sich Formen herausgebildet, des Buckelns nach oben und des Tretens nach unten. Oder die Tradition der in schöne Worte verkleideten Beleidigung.«

 

Grant

 

Wenn von diesen österreichischen Menschen oder der Band Kreisky die Rede ist, dann fällt meist auch das Wort »Grant«: Der Autor Thomas Grasberger hat den Gemütszustand des Grants ein bisschen zu liebevoll den »Blues des Südens« genannt. Eher schon handelt es sich um eine Art Verdruss, eine Miselsucht, einen milderen Zorn: »Wir sind Antipoden zum Melancholie-seligen Deutschpop der Mitte-Nuller-Jahre. Es war uns wichtig, dass man die Identifikation mit dem Publikum auf einem anderen Weg erreicht als im gemeinsamen Schunkeln. Es soll ein bisschen wehtun und Stiche geben. Was aber oft übersehen wird: Der Grant ist ja nur die Oberfläche. Das Wichtige ist die Motivation dahinter. Warum stellt sich jemand hin und schimpft in eine Richtung? Was brodelt darunter? Diese Motivation muss sich der Hörer selbst mit den Liedern zusammenbauen.«

 

Das Zusammenbauen dürfte vielen Hörern auf ihrem vierten Album »Blick auf die Alpen« leichter fallen. Noiserock der Schule Touch And Go, Postpunk, Post-Hardcore und nervöse Hibbeligkeit im Sinne der Goldenen Zitronen sind nach wie vor gut herauszuhören, dieses Mal haben sich Kreisky aber der Idee von eingängigen Popsongs angenähert. Die Orgel ist wichtiger geworden, die Arrangements sind ausgefeilter. Auch Wenzls Texte funktionieren weniger wie eine geballte Faust, mehr als schleichendes Gift. Wenzl betreibt ausgefuchste Perspektiv-Verwirrungen, die Sprecherpositionen bleiben oft unklar. Der »Blick auf die Alpen« verfolgt nicht den Zweck einer Analyse, es geht um die Abbildung eines vielschichtigen Panoramas – mit all seinen komischen Bewohnern in kleinen Geschichten und Bildern. Mit Kreisky kann man traurige Ärzte-Witze, schwer nachzuvollziehende Anekdoten über Rinderhälften und das gut abgegraste Sujet »Medien-Kritik« in witzig verklausuliertem Dreh erleben.

 

»Uns geht es nicht darum zu sagen: ›Wir erklären euch jetzt, wie die Zustände sind oder wie sie zu verstehen sind!‹ Nein, wir stellen Material zur Verfügung, das man sich anhören kann. In den Texten wird nicht so wahnsinnig viel gewertet. Es geht um das Leben und wie man es darstellt«, erklärt Wenzl. Und Klaus Mitter ergänzt: »Wir lassen viel offen. Nichts ist schrecklicher – im Englischen wie im Deutschen – als eine gewisse Textfokussiertheit. Wenn der Text alles zu 100 Prozent durchkaut und man nicht selbst die letzten Puzzlesteine reindrücken muss, ist es für uns zu wenig. Wenn man Casper, um nur ein Beispiel zu nennen, hört, klingt das so vorformatiert, dass es keinen Interpretationsspielraum mehr gibt. So konkret, wie in seinen Liedern Lebensgefühlnerven genommen und rausgezogen werden, scheint es keinen Platz mehr für Individualismus zu geben, den die Musik aber immer wieder gerne betont.«

 

Medien-Punks

 

Wer die Guten sind und wer die Bösen, das ist freilich nicht immer so einfach zu benennen – in der Welt nicht und auch in den Texten von Kreisky nicht. So versäumt das Quartett es nicht, mit Argwohn auf sich selbst zurückzuschielen. Wenzl: »Ich schreibe und singe nicht nur Geschichten über irgendwelche Figuren. Es geht auch um mich. Ich habe selbst eine Unzahl schlechter Eigenschaften, die ich mal besser, mal schlechter kaschiere. In unserem Stück ›Wir Unterhaltenen‹ geht es auch um Medienmenschen, ›Medien-Punks‹, die vorgeben, Autoritäten zu sein, die die Kanäle aber mit eventuell gar nicht so hochwertigen Inhalten füllen. Gleichzeitig sitzen wir jetzt den ganzen Tag hier und geben Interviews – mit der Behauptung, dass das etwas wert sein könnte. Das ist eigentlich dieselbe Hybris. Die Kritik ist schon auch immer gegen uns selbst gerichtet, die funktioniert so wie ein Bumerang.«

 

Selbst wenn die Gesamtbedeutung bei Kreisky ausdrücklich erst in der Aufschlüsselung des jeweiligen Hörers komplett wird, kommt die Band nicht ganz ohne extrem starke, absolute – und, ja, doch, »österreichische« – Statements aus. Aus einem Bandnamen Assoziationen herzuleiten ist ein gruseliges Unterfangen, aber wenn man sich nach dem einstigen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky benennt, schreibt man sich doch bei vollem Bewusstsein Attitude und Provo-Haltung in den Kampfnamen ein, oder nicht? Wenzl: »Das Wort hat einfach gut geklungen. Der Favorit unseres Bassisten Gregor war bei der Gründung lange Zeit der Name ›Erdarsch‹ – er war sehr überzeugt davon. Irgendwann stand Kreisky im Raum. Harte Konsonanten, hört mit einem y auf – das ist auch süß.« Mitter: »Der Name schneidet Österreich ideologisch nach wie vor in zwei Hälften. Und das finden wir wichtig. Nichts ist schlimmer als ein indifferentes Publikum. Lieber haben wir eine Hälfte, die sagt: ›Das war geil!‹, und die andere, die sagt: ›Das war eigentlich scheiße.‹«

 

Kreisky sind eine Band, in der Höflichkeit und Haltung, Witz, gutes Benehmen, eine ziemlich anstrengende Zappeligkeit und Rebellion ausreichend Platz haben. Und auch in der finalen Selbstbeschreibung von Franz Adrian Wenzl und Klaus Mitter klingt das Widersprüchliche einleuchtend und klar: »›Nervig‹ beschreibt das Klangbild schon ganz gut. Gitarren und Gesang in dieser Intensität sind schon etwas, was man nicht den ganzen Tag hören kann. Wir sind aber eigentlich ganz umgänglich. Da kannst du jeden Veranstalter fragen. Wir sind ganz lieb. Völlig allürenfrei. Absolute nice guys.«

 

Kreisky »Blick auf die Alpen« (Buback / Indigo / VÖ 21.03.14) Am 24.04. in Wien