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Im Studio: Metal ist der neue Indie

Kreator vs. Tomte vs. Muff Potter

Heavy Metal ist eigentlich gar keine Nische. Bekannte Indie-/Punk-Landesfürsten klatschen einen im Zusammenhang mit der aktuellen Kreator-Platte ab.
Geschrieben am
Eine Gewissheit in Rock wurde 2008 anhand der Veröffentlichungen von AC/DC und Metallica mal wieder deutlich sichtbar: Heavy Metal ist eigentlich gar keine Nische. Dafür sorgen neben der stabilen Szene vor allem die Millionen Normalos, die alle doch irgendwo Iron Maiden und Co. in ihrer Vita führen. Bei vielen geht es dabei noch weiter: Venom, Sodom, Rage, Kreator etc. Und nun klatschen einen im Zusammenhang mit der aktuellen Kreator-Platte auch bekannte Indie-/Punk-Landesfürsten ab. Linus Volkmann (Text), Thomas Venker und Felix Scharlau holten sich die ganze Story ab.

Thees Uhlmann von Tomte und Muff Potters Nagel fiel in ihrer ohnehin gern besetzten Rolle als universelle Super-Fans ein herrliches Post-Dorf-Jungs-Highlight in den Schoß.

Sie durften Gast- bzw. sogar Duett-Singen mit Mille Petrozza - im Rahmen der Aufnahmen zum neuen Kreator-Album "Hordes Of Chaos". Produziert wurde dieses beim Berliner Indie-Must-Have Moses Schneider. Zudem ließ Kreator-Mastermind Mille im Vorfeld zu den neuen Texten verlauten, einiges zitiere Ton Steine Scherben, einiges Tocotronic. Ach ja, eine Bad-Religion-Coverversion fiel auch an. Hey, was für einen Indie-Erlebnispark wollen die krassen Essener Thrash-Meerschweinchen denn noch für uns aufstellen? Ist ja total irre! Aber ist sowas denn bei der vernagelten Kernzielgruppe überhaupt erlaubt? Und wie kam es zu all diesen Brückenschlägen? Wir haben vier Teilnehmer dieser Herzblatt-Folge getrennt voneinander befragt. Also Thees, Nagel und Moses am Stück und später Mille.

Awakening Of The Gods
Thees: Bei mir ging es in den Achtzigern los, AC/DC, Iron Maiden und dann Slayer, Metallica und Kreator. Dann habe ich in der Rock Hard ein Bild gesehen, wo Mille ein Bad-Religion-T-Shirt anhatte - und nur über dieses Shirt habe ich dann selbst Bad Religion kennengelernt. Das war so die Kreator-Zeit mit "Flag Of Hate" und "Extreme Aggression" - bevor ich mit Hardcore und Punk zu tun hatte, war das mein Kontakt mit extremer Musik.
Meine Eltern haben sich damals echt beschwert - und das hat mich einfach total angemacht. Dieses Harte, Brachiale und Milles Art, dass er nie verschämt zugab "Hmm, ist auch so bisschen politisch", sondern nur: "Ja, es ist Metal, es ist politisch, ich hasse Nazis, die Welt ist scheiße, destroy!" Das war für mich Dynamit damals auf dem Dorf. Ich habe das meinen Kumpels vorgespielt und die meisten "Ich höre da gar keine Melodie". Und ich sie so angeschrieen: "Natürlich ist da eine!" Und dann schön mit den drei Kings Of Violence, die es auch kapiert hatten, Kassettenrekorder geschnappt, durch Hemmoor gelaufen, und Kreator dröhnte aus den Boxen.

Video: Iron Maiden - "22 Acacia Avenue" (live in Dortmund, 1983)



Nagel: Vor Punk war ich wie alle Dorfjungs Metalfan und bei meinen ersten drei, vier Konzerten, die ich besuchte, habe ich so Berichte in mein Schulheft geschrieben. Acht Jahre später habe ich das dann noch mal in meinem Fanzine "Wasted Paper" abgedruckt. Da wird auch ein Gig im PC 69 in Bielefeld beschrieben, wo ich Danzig sah. Am Ende kommt eine Aufzählung, welche berühmten Persönlichkeiten ich getroffen habe - und wie weit die von mir entfernt standen. Zum Beispiel "Götz Kühnemund: drei Meter", oder "Glen Danzig: 30 Zentimeter", weil der sich so einmal in die Menge gebeugt hatte. Und da findet sich auch "Mille: ein Meter". Ist schon ein Held gewesen für mich.







Hast du ihm die Geschichte auch erzählt, als du ihn kennengelernt hast?
Nagel: Natürlich! Das war wohl auf Thees' Geburtstag.
Thees: Mille: zwei Zentimeter!
Nagel: Und ich war natürlich geschmeichelt, weil er kannte meine Band und meinte, "Du hast doch auch ein Buch geschrieben, das wollte ich mir längst besorgt haben". Irre! Und dann hat sich das mit dem Slime-Coversong ergeben, also dass er mir anbot, "Alle gegen alle" mit ihm zu singen. Und ich musste mich echt beherrschen, nicht an alle aus meinem Handy sofort eine SMS zu schicken. Ich meine, ich sing' einen Slime-Song mit Mille von Kreator - das bringt im Prinzip meine ganze Adoleszenz auf den Punkt. Kann man sich doch mal freuen.
Mille: Tomte, das war mir nur vom Namen her vertraut. Und dann hat Thees wirklich immer bei ihren Konzerten im Ruhrpott verlautbart, er gebe dem was aus, der ihn endlich mal mit Mille zusammenbrächte. Na, und bei dieser Vehemenz, da wollte ich mich jetzt auch nicht so ewig bitten lassen. Zum Glück, denn dadurch hat sich eine Freundschaft ergeben. Wenn ich in Berlin bin, rufe ich ihn immer an. Und wir gehen was trinken, cooler Typ einfach. Nagel kenne ich auch über ihn, seine Musik kannte ich allerdings schon vorher.

Video: Mille Petrozza (Kreator) im Kinderkanal (Part 1)




Moses: Also ich hatte mit Metal nichts zu tun. Ich kannte auch nichts von Kreator - bis zwei Tage, bevor es losging. Metal, das ist doch meistens so grunz und röchel oder eben Ariengesang. Was mich allerdings an Metal schon immer so aus dem Augenwinkel interessierte, war das sportive Element - möglichst viele Noten in möglichst kurzer Zeit zu spielen. Als mich Mille dann anrief, habe ich ihm gleich gesagt, dass es vermutlich ein Fehler ist, weil ich mich mit dem Sound überhaupt nicht auskenne und anders aufnehme.

Blind Faith
Mille, warst du schockiert, als Moses Schneider meinte, er kennt keine einzige Kreator-Platte?
Nee, das habe ich auch gar nicht erwartet. Es sollte ja bewusst jemand sein, der das eben nicht schon sein Leben lang begleitet. Und was ich über Moses gelesen hatte, hat mich beeindruckt. Es geht nicht um ein Genre, es geht darum, ob ein Produzent unabhängig vom geschmäcklerischen Hintergrund in der Lage ist, die Stärken und Schwächen einer Band einzufangen - und das Essentielle, das Einmalige herauszukitzeln.
Moses: Metal entsteht am Rechner. Arbeitet mit Triggersounds und Sequenzer-Software. Das bedeutet, dass es letztlich um das Zusammenfügen von fünf fehlerfreien Soundinformationen geht. Daher klingen Metalbands fast alle gleich gut. Aber dann kann ich auch ein Notenblatt nehmen und das einscannen und von einem Midi-Keyboard einspielen lassen. Ich nehme Bands dagegen live auf. Und trotzdem oder gerade deshalb ließ Mille sich nicht von dem Experiment abbringen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir noch in England bei einer Metalkoryphäe zum Mischen waren und auch das Mastern von jemand aus dem Metier besorgt wurde. So sage ich aus meiner Sicht, man hätte zwar 5:0 gewinnen können, aber es ist im Ergebnis ein 2:0 geworden. Was ja immer noch super ist. Und ich bin auch erleichtert, dass man mit meiner Aufnahmeweise eben zum Schluss eine Metalplatte in der Hand hält - und keinen Indie. Die alten Platten habe ich erst später gehört und stellte dann schon fest, dass die vom Ende der Achtziger im Gegensatz zu den späteren immer auch noch so diese Schweißtropfen besaßen. Das ist auf den neuen Aufnahmen jetzt wieder so. Insofern schließt sich da ein Kreis.








Behind The Mirror
Moses: Was mich beim Metal allerdings immer wundert, ist, dass wenn die große Melodie kommt, dann kommt auch immer das noch größere Echo. Das verstehe ich nicht! Und das konnten wir zum Glück abstellen. Also bestimmte Genreklischees, die einfach auch keinen Sinn machen für die Härte - und die man als Außenstehender natürlich leichter über Bord werfen kann.
Nagel: Das war auch das erste, was mir Mille zu den Aufnahmen erzählte: "Moses hat uns alle Delays weggenommen!"

Und die kamen im Mix dann auch nicht wieder?
Moses: Nee, wir haben aber lange gekämpft. Die Typen, die das in England gemischt haben, kamen ja gerade aus der Slipknot-Produktion raus, meine Arbeitsweise war denen total fremd. Als ich dem einen sagte, wir arbeiten ohne Trigger, hat der herzlich gelacht. Der dachte nämlich, das sei ein Witz. Er hat noch Tage später immer bei mir am Rechner die Ordner für die Trigger gesucht, weil er es noch nicht glauben konnte.

Leave This World Behind
Mille, in der Metalpresse konnte man lesen, dass du auf den Texten zur neuen Platte sogar Tocotronic zitierst. Was ist denn da los?
Mille: Ich suche immer nach Inspirationen. Daher sammele ich stets Sätze, die mir interessant erscheinen, und bastele mir daraus mitunter ganze Lyrics. Aktuell gibt es zum Beispiel die umgewandelte Zeile von R.E.M., die im Original "This one goes out to the one I love" heißt - bei mir natürlich dann aber mit "hate" auftaucht. Und bei Tocotronic gibt es ja dieses "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse" [aus dem Stück "Freiburg", auf der allerersten Platte]. Daraus habe ich gemacht: "You don't know how much I hate you". Auffällig ist sicher auch, wie sehr der Track "Destroy What Destroys You" an Ton Steine Scherben angelehnt ist [also "Macht kaputt, was euch kaputt macht"].

Video: Kreator - "Pleasure To Kill" (Live @ Wacken, 2005)



Coma Of Souls

Wie weit muss man aber bei aller Lust an Veränderung auch immer bedenken, dass man mit dem Metalpublikum eine Klientel bedient, die sich mitunter sehr vehement gegen Einflüsse von außen abschottet?
Mille: Wir sind ja jetzt nicht zu einer Independent-Band mutiert. Die Songs, die wir geschrieben haben, sind vollkommen Kreator. Und die Stücke machen 80 Prozent eines Albums aus - wenn die scheiße sind, kannst du dir zusammenproduzieren lassen, was du willst. Mit einer tollen Produktion kannst du nur noch die 20 Prozent zum Maximum rausholen. Und das ist sehr schwer. Dass uns das gelungen ist, liegt sicher an der Herangehensweise. Aber da den Hörer keine Kehrtwende im Songwriting und auch im Klang erwartet, machen wir uns keine Akzeptanzsorgen.

Du glaubst also nicht, dass viele allein durch das Wissen darum, welche Indie-Checker an der Platte beteiligt waren, Ressentiments gegen das Album aufbauen?
Mille: Ach … Also wenn das allein schon wen abschreckt, kann ich dem auch nicht mehr helfen.
Thees: Ich glaube auch gar nicht, dass sich Metal gegen Indie abgrenzt. Letztens war ich im K17 in Berlin auf einem Gorgoth-Konzert. Da sprach mich einer an [imitiert schweren sächsischen Dialekt]: "Hey, du bist doch der Tomte-Sänger! Wenn ich das meiner Tochter erzähle - die flippt aus!" Die Welt im Metal grenzt sich meiner Meinung nach nämlich nur von denen ab, die sie lächerlich machen wollen. Manches funktioniert in der Metalszene sicher einfacher, aber es ist trotzdem genauso reich - und leidenschaftlich. Vielleicht sogar leidenschaftlicher als das, was sich so zwischen Klaxons und Why? tut. Was mir deshalb bei der Sache hier auch so wichtig ist, dass das nicht rüberkommt wie die ironische Betrachtung von Metal in so einem Schlaukopf-Magazin. Drei Tage vor der Geburt meiner Tochter war ich noch auf dem Kreator-Konzert in der Markthalle in Hamburg. Und ein Auftritt von denen schlägt für mich immer noch jedes Bright-Eyes-Konzert oder das letzte von Modest Mouse, das ich gesehen habe. Ich finde es realer, es bockt mich mehr an.