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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kräuterschnaps & Spiele

Deichkind

Nix mehr mit »Arbeit nervt!« – Arbeit ist jetzt das neue Heroin! Jedenfalls, wenn es um das hardest working Kind im Showbusiness geht: Deichkind. Das denkt sich nicht nur dauernd neue Provokationen aus, es ist vor allem scharf darauf, diese bei uns allen auszuprobieren. Martin Riemann erzählten die Hamburger alles über ihre neue Show. Und Mustafah Abdulaziz begleitete die Band für unsere Fotostrecke exklusiv durch ihren Alltag.
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Echtes Entertainment ist wie Krieg. Man braucht Disziplin, Munition und minutiöse Planung. Ach ja, und man muss natürlich mindestens leicht größenwahnsinnig sein, um es wirklich durchzuziehen. Die Show, das Happening, den epileptischen Anfall. Irgendwo dazwischen bewegen sich Deichkind. Dass man für jede Tour ein neues Album braucht, ist für Philipp, Porky und Ferris eine fast ärgerliche Grundbedingung. So sind Anfang Dezember, als ich die drei treffe, zwar schon alle Tourdaten gebucht, das kommende Album »Befehl von ganz unten« ist aber noch gar nicht fertig, und es gibt nur Zweidrittel des Materials zu hören. Ungemastert, versteht sich.

Ist aber sowieso egal. Die Musik beziehungsweise das Album interessiere laut Porky, der immerhin hauptsächlich für den Sound verantwortlich ist, doch ohnehin niemanden. Dass das jemand hören wolle, kann er sich nicht vorstellen – und ich glaube es ihm fast. Nur fast, da seine Kollegen und er die untergeordnete Rolle ihrer Tracks einfach zu häufig betonen. Das geht so weit, dass Deichkind vor dem Interview extra einen Coach bemüht haben, der ihnen eingeschärft hat, nur über die Show zu reden und ja nicht über die Musik. Ihre Stärke ist das Geheimnisvolle, das Fragwürdige. Deswegen klingen ihre Alben immer nach multipler Persönlichkeitsstörung – so viele verschiedene Stimmen, bei denen man nie weiß, ob sie das Falsche oder das Richtige predigen. Soll man jetzt alles hinschmeißen und nur noch saufen? Oder soll man sich »hochbücken«, wie es in »Bück dich hoch«, Deichkinds neuster Volte gegen den Leistungsdruck, empfohlen wird? Zu dem Song wird trotz Coaching allerdings sogar von gleich zwei Mitgliedern der Band eine Entstehungsgeschichte geliefert.

Philipp: »Bück dich hoch« ist durch unseren Hinter-der-Bühne-Spruch »Fick dich hoch!« entstanden. Das sagen wir natürlich sonst nicht, nur hinter der Bühne.

Ferris: Da haben wir uns in einen Kreis gestellt und immer geschrieen [anschwellend]: »Fick dich hoch! Fick dich hoch! Fick dich hoch! Fick dich hoch! Fick dich hoch! Gib Schnaps, Alter!« Und dann haben wir einen getrunken, und die Show ging los.

P: Und dann habe ich gedacht, da müsste man eigentlich einen Song draus machen. Aber »Fick dich hoch« fand ich dann doch irgendwie zu eklig.

F: Daraus wurde dann »Push dich hoch!«

P: Das ging dann erst so: »Schmeiß die Gläser vollgetankt an die Wand. Push dich hoch!« Das war irgendwie doof. Wir haben eh schon zu viele Saufsongs. Auf dem neuen Album gibt es ja noch »Roll das Fass rein«, das ist auf der Promo-CD aber noch gar nicht drauf.

So viel dazu. »Bück dich hoch« ist typisch Deichkind: simpel, catchy und inhaltlich unantastbar stulle. Genau das, was man braucht, um das Publikum in orgiastische Hemmungslosigkeit zu versetzen. Womit wir bei der neuen Bühnen-Show wären, die mir von den dreien anhand eines eigens dafür angefertigten Modells präsentiert wird. Frühere Deichkind-Gigs mögen spektakulär gewesen sein, doch was dem zugeknallten Fan in Zukunft geboten wird, ist höchstens noch mit Naturkatastrophen, Sodom und Gomorrha vergleichbar. Einundzwanzig, zum Teil riesige säulenartige Elemente, sogenannte Omnipods, fahren synchron zur Musik auf der Bühne herum. Die Dinger sind teilweise verspiegelt, teilweise dienen sie als Projektionsfläche für unerhörte Videogeschmacklosigkeiten. Während die verkleideten, zum Playback singenden Jungs von Deichkind auf ihnen herumbalancieren und das Publikum mittels eines viereinhalb Meter hohen Plexiglastanks mit Kräuterschnaps abgefüllt wird. Zusätzlich überreizen sie visuell durch mit astronomischer Geschwindigkeit drehende, LED-besetzte Rotorblätter. Viel Fantasie ist nicht erforderlich, um sich vorzustellen, was das für eine Show-Bescherung wird. Und dafür geben Deichkind ihre volle Arbeitskraft. »Wir sind auch echt Briketts, ey«, erläutert Porky. »Wir könnten eine ruhige Kugel schieben und sagen, wir haben erst mal genug Kohle verdient und machen jetzt ein paar Jahre gar nix. Stattdessen wird das Geld wieder verfeuert, damit der Wahnsinn weitergeht und wir unseren Thrill haben.« Diese Entscheidung fällt ihm nicht unbedingt schwer, da seiner Ansicht nach Geld doch ohnehin nichts mehr wert sei. »Und ohne Arbeit«, fügt Philipp hinzu, ist doch auch »alles irgendwie langweilig«.

Nehmt das, werte Deichkind-Fans! Wenn auch sklavische Unterwerfung unter die Wertschöpfungskette an Lächerlichkeit eigentlich kaum zu überbieten ist – Füße hochlegen und die Seele im Gulli baumeln lassen ist ebenfalls nicht gerade clever. Man darf einfach nicht alles glauben, was einem diese Herren so zubrüllen, während man Schnaps aus einem Schlauch saugt. Obwohl, fuck it, der Gedanke ist einfach zu verführerisch.