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Kraftklub über das neue Album »In Schwarz«

Ekstase in Karl-Marx-Stadt! Afterhour nach dem Kosmonaut Festival! Jan Kummer, einer der Kraftklub-Brüder, legt im hiesigen Kultclub Atomino auf. Aber Moment, die Brüder heißen doch Felix und Till. Dann ist der DJ? Genau: Ihr Vater, der zusammen mit Mutti Kummer und der Band AG Geige in der DDR ein Underground-Star war. Quasi die Ost-Buddenbrooks des Punk. Linus Volkmann erzählt das Märchen von Kraftklubs Album »In Schwarz«. Foto: Christoph Voy
Geschrieben am
Dieser Satz, ausgesprochen in einem Hinterhof von Berlin-Kreuzberg, bleibt nicht ohne Konsequenzen: Kraftklub-Bassist Till Brummer entleert von einem Stockwerk über dem Geschehen einen Eimer eiskaltes Wasser über denjenigen, der das gerade vor einer Kamera verlautbart hat. Über mich ... Wie hatte es so weit kommen können? Das Interview zu dem neuen Album der fünf Chemnitzer vorhin lief doch noch so gut. Wir müssen die Geschichte wohl noch mal ein wenig zurückdrehen.
Zwei Monate vor dem Eimer-Wasser-Moment besuchen wir Max (Schlagzeug), Karl (Gitarre), Steffen (Gitarre), Felix (Gesang) und eben bereits erwähnten Till im Studio. Ey, wir wären ja bescheuert, wenn nicht! Denn die Einschätzung, dass eine neue Kraftklub-Platte nach dem Mega-Erfolg des Vorgängers (»Mit K«) von breitem Interesse sein würde, scheint visionsbefreiter, als beim Pferderennen Sekunden vor Schluss auf den Führenden zu wetten.

Klar, »In Schwarz« (so der Titel des neuen Albums) wird »ein Thema«, klar, jenes zieht diesmal vorhersagbar und nicht überraschend auf die Eins. Spannender ist aber: Wie geht die Band mit dieser Bürde um? Werden Felix Brummer und seine Boys wirken wie Frodo, der Ringträger? Gehetzt, verwirrt, und zum Schluss muss sie dann ein Bediensteter noch eigenhändig nach Mordor (lies: Mainstream) tragen, auf dass sie dort in den Flammen verschlungen werden?

Gehetzt fällt an diesem Frühlingstag 2014 schon mal aus. Schließlich hat die Band sich für die Arbeit an »In Schwarz« über ein Jahr Zeit und Studio genommen. Mit Unterbrechungen, versteht sich. Dennoch: Ganz so easy ist es nicht, die neuen, teils noch nicht finalen Stücke zu teilen. Und dann auch noch mit den Lauchs vom Intro.
 
Wobei das Nervöse, das im Studio von Philipp Hoppen genau wie die vorsommerliche Schwüle zu greifen ist, die Vögel nur sympathischer macht. Kraftklub schenken leicht linkisch den für dieses Date offensichtlich im Vorfeld ausbaldowerten Wodka aus. Wir lehnen ab. Es ist Mittag, es ist heiß, wir sind dehydriert und labil. Das »Nein danke!« hebt die Stimmung natürlich mitnichten. Nüchternheit ist Verrat. Doch wie soll Intro je einen verdammten LEAD-Award gewinnen, wenn die Reporter bei jeder Listening-Session voll sind? Die Platte muss auch ohne Rausch funktionieren. Die Spannung steigt.
Dass es bei Kraftklub übrigens nur bei Schnaps und Bier bleibt, machen sie gern unmissverständlich klar: 

Felix: Der Song »Zwei Dosen Sprite« handelt von diesen VIP-Drecks-Roter-Teppich-Partys als auch von ganz banal beschissenen Festen. Man findet sich auf Veranstaltungen wieder, bei denen man denkt: »Mein Gott, was sind das alles für Idioten? Und warum sind plötzlich mein Freundeskreis, mein Umfeld die einzigen Leute, die nicht auf Toilette koksen? Wie ist das gekommen, dass es voll normal ist, dass alle ziehen?« Man selbst ist dann mit Bier der Außenseiter.
Steffen Israel: Der komische Besoffene. 
Felix: Ja, der komische Besoffski, der nicht voll klar ist – und der nicht die ganze Zeit labert ohne Punkt und Komma. 

Okay, okay. Aber jetzt stellt endlich diese Platte auch mal an. [Play] Der Opener »Unsere Fans« macht gleich deutlich, dass die Mittzwanziger sich nicht auf ihren Weizenbieren ausruhen wollen. Der unweigerliche Vorwurf des Sell-out ab einer gewissen Größe einer Rockband wird in dem Stück kurzerhand den eigenen Fans an die Pinnwand genagelt. Dieser Coup überflügelt das originalitätsferne, sonst übliche Erster-Song-Gebelle (»Wir sind zurück und wir sind die Geilsten!«) anderer Acts gleich mal um Längen. Kann man nicht anders sagen.

Felix: Seit wir die erste EP gemacht haben und irgendwo außerhalb von Chemnitz gespielt haben, gab es immer schon Leute, die gesagt haben: »Hey, jetzt habt ihr euch verkauft!« Ich fand das lustig, mit diesen Vorwürfen zu spielen. Alles gesammelt – und dann einfach das Gleiche unseren Fans vorgeworfen. Ist für uns auch nicht leicht, wenn die sich ständig verändern und auf einmal arrogant werden.

Haha, diese komischen Vögel. Also Kraftklub. Die Platte läuft derweil weiter, läuft durch. Nun, als Musikjournalisten besitzen wir nicht nur das absolute Gehör, sondern auch den bösen Willen. Dennoch lässt sich mit bloßem Ohr kein Makel finden an »In Schwarz«. Immerhin: Die textlich etwas arge Metapher, welche die Ex-Freundin mit einem Fahrrad vergleicht, auf dem jetzt ein Dieb (lies: Nebenbuhler) begeistert strampelt, die bringt uns zumindest zum Stirnrunzeln. Doch Kraftklub zweifeln ohnehin stark, ob es der Song aufs Album schaffen wird – wir haben einfach nichts in der Hand gegen die Typen. Wir müssen es anders versuchen.

In Chemnitz, es ist früher Frühling. Die Stadt war einem früher nie aufgefallen. Chemnitz, who the fuck is Chemnitz? Da hat einen Plauen oder, Gott bewahre, Würzburg noch mehr interessiert. Doch durch Kraftklub ist die Stadt plötzlich auf der Karte der Popkultur aufgetaucht. Ja, steht in diesem Jahrzehnt sinnbildlich für das Ende der Aufbruchstimmung hin nach Berlin. Chemnitz, der Stellvertreter für die provinzurbane Diaspora, für den Freiraum in kleinen Städten. Viel ist hier nicht. Aber was braucht man eigentlich? Es gibt ... immerhin eine Technische Uni, immerhin irgendeine Form von Leben, ein paar Läden.

Felix: Wir bleiben hier nicht aus Lokalpatriotismus oder aus Verpflichtung unseren Texten gegenüber. Sondern aus dem simplen positiven Grund, dass es uns hier wirklich gefällt. Es geht uns auf den Keks, wenn Leute sagen: »Ey, nice Kampagne, nices Image, aber ihr wohnt doch in Berlin?« Als ob man sich immer noch ständig dafür rechtfertigen müsste, in einer Stadt zu leben, die 200 Kilometer von Berlin entfernt ist. Wir mögen Berlin. Dort wohnen nicht nur Idioten. Aber es gibt diese abschreckenden Beispiele, Leute, die einfach dachten, dass mit ihnen automatisch eine Transformation in die absolute Coolness stattfindet – nur weil sie jetzt nach Friedrichshain gezogen sind.
Steffen: Wir haben natürlich den Luxus, dass wir viel unterwegs sind. Daher können wir gut sagen: In Chemnitz ist es schön. Aber ob man da jetzt wirklich bleiben muss, wenn man arbeiten und was erreichen will? Das ist unter anderen Umständen, glaube ich, schwieriger. Für mich ist es daher nachvollziehbarer, wenn wer wegziehen will.

Provinz-Dudes, Dorf-Girls, schaut auf diese Stadt, schaut auf Chemnitz. If you can make it there, you’ll make it möglicherweise anywhere.
 
Wir schauen uns alles mal an. Leerstand, Verfall, Möglichkeiten, Blüten. Seit einigen Jahren überwiegt der Zuzug junger Leute wieder, die Flüchtenden sind in der Minderzahl. Der Exitus der Nuller ist vorerst gestoppt. Die Innenstadt sieht gut aus, Strukturgelder sind sichtbar geflossen, und zentral steht der Kopf-Koloss von Karl Marx. In dieser Stadt, die 37 Jahre seinen Namen trug. Was wie eine Art Irrtum 1990 zurückgenommen wurde.
 
Ein paar Irrtümer weiter verlaufen wir uns endlich zum Atomino. Dem Club der Stadt. Den haben sich die Jugendlichen damals selbst aufgebaut (mehrere Umzüge inklusive). Dort erwartet uns also der (biologische) Macher hinter dem Erfolg. Der Sänger der subversiven DDR-Dada-Popband AG Geige, der Vater von Felix und Till. Wir erwarten einen weisen, gebrechlichen Greis, wie Peter Ustinov in dem Film »Flucht ins 23. Jahrhundert«. Doch Kummer senior ist noch keine 50, immer noch Clubbetreiber, Raucher auf Lunge, bildender Künstler und bewegt sich flinker als man selbst. Was sind denn da für Power-Gene in dieser Familie am Werk? So kann ja jeder in die Charts. Schiebung! Dennoch möchten wir es genauer wissen. 

Als deine Boys seinerzeit gesagt haben: »Hier, wir machen auch ‘ne Band!«, warst du da stolz – oder hast du gedacht: »Och, Kinder, Vati hat doch schon das Atomino aufgebaut, macht ihr doch mal lieber was Anständiges!«?
Jan: Die kommen aus ‘nem Künstlerhaushalt, die Hoffnung hat es nie gegeben, dass die im klassischen Sinne was Vernünftiges machen. Es war bloß die Frage, ob es gut wird – und ob sie zufrieden mit sich sind. Ansonsten war das ein schleichender Prozess. Die Neon Blocks haben sich schon als Schülerband zusammengefunden. Ich hab immer versucht, das zu unterstützen. Der Felix hatte Projekte eher in Richtung HipHop und Fanzines – das war manchmal anstrengend, da gab es hier Diskussionen über Texte und Herangehensweisen. War bestimmt für ihn auch nervig. Wenn der Vater Klempner und die Mutter Krankenschwester gewesen wären, dann hätten sie sich sicher weniger auseinandersetzen müssen ...

Auf der ersten Platte gibt es einen Song, der von dem Stigma der coolen Eltern handelt. Dort heißt es: »Unsre Eltern kiffen mehr als wir, wie soll man rebellier’n? / Egal, wo wir hinkommen, unsere Eltern waren schon hier.« Klingt in der Tat schwierig für das Selbstverständnis einer aufmüpfigen Band.
Jan: Das ist natürlich hart, konnten wir ihnen nicht ersparen. Felix saß früher als junger Teenager bei uns im Hof, und die Alten haben sich da Sachen erzählt ... Immerhin ist ein ganzes System zusammengestürzt – inklusive eines Repressionsapparats, der für unbesiegbar gehalten wurde. Wie kannst du es toppen, wenn von den Älteren jeder Zweite irgendwelche bizarren Zonen- und Knastgeschichten erzählt? Oder dass zugegebenermaßen in den 90er-Jahren alle Drogen eimerweise naiv konsumiert wurden, weil die eben 40 Jahre lang nicht erhältlich waren? Storys über Storys. Also, ich möchte auch nicht mit einem Weltkriegsveteranen und seinen Erlebnissen wettstreiten. Aber man kann es einfach nicht mit dem Heute vergleichen – und das machen wir auch nicht. Das ist jetzt ihre Zeit.


Wenige Monate später: erneut Familie Kummer. Am Abend vor dem Kosmonaut Festival schaue ich die DVD-Version der Doku »AG Geige – ein Amateurfilm« (www.aggeigefilm.de). Auch schon wieder geil. Einen Tag darauf findet sich die komplette Kummer-Dynastie inklusive ihrer jeweiligen Crews auf dicht bevölkerter Partywiese wieder, denn es geht zum zweiten Mal das Kraftklub-Open-Air über die Bühnen, das Kosmonaut Festival von Chemnitz. Ein Festival, das die Band zusammen mit ihrem Management und Booking auf dem ehemaligen splash!-Gelände aufgestellt hat. Die Kummer-Eltern flanieren durchs Backstage, die Besucher rätseln, wer wohl der secret Headliner am Abend werden wird (Fettes Brot). Auf ein paar provisorischen Leinwänden sieht man Brasilien, das sich im Elfmeterschießen gegen Chile müht. Und die Initiatoren, also Kraftklub selbst? Die wuseln durch die Kulissen, legen selbst Hand an, fahren eigenhändig Künstlershuttles, spielen ihr geliebtes Flunkyball auf dem Zeltplatz mit Fans.
 
Keine Pose, kein Image, kein Scheiß. Ihre Schlussfolgerung aus »Ich will nicht nach Berlin« ist so einfach wie bestechend: Muss man bei sich etwas Geiles aufstellen. Konjunkturprogramm: Flunkyball; Infrastrukturhilfe: Abfeiern. Kraftklub sind nicht gegen etwas angetreten, sondern für etwas. 

Felix: Im Prinzip wurden wir nur missverstanden. Es war immer der zentrale Punkt, dass man dieses ganze Gejammere weglässt. Es nervt noch viel mehr, wenn Leute sich immer beschweren. Wir wollten uns dagegen von Leuten, die einfach gute Partys und Konzerte machen, inspirieren lassen. Es gibt total viele Möglichkeiten. In unserem Umfeld machen alle irgendwelche lustigen Sachen. 


Kosmonaut ist vorüber, WM auch, Brasilien gleich mit, das Album »In Schwarz« wurde mit einer grellen Kampagne bereits ins Rennen um die Vorbestellungen geschickt. In Berlin-Kreuzberg treffen wir erneut auf die Jungs. Felix isst Fischbrötchen, die anderen trinken etwas, es ist heiß. Schon wieder ein schöner Tag.

Inwieweit handelt es sich bei der Platte um ein Konzeptalbum – mit dem Thema Beziehung? Also, dass jedes Stadium durchexerziert wird, vom Verliebt-Sein bis hin zum Alltag, bis zu Trennung und Frust. Wie wichtig ist euch dieser rote Faden?
Felix: In unserem Umfeld ist dahingehend sehr viel passiert. Gefühlt war 2012 das Jahr der Trennungen, und 2013 war das Jahr der Neuanfänge. So ist das dann gekommen. Ich hab nicht den Anspruch, dass alles aus meinem eigenen Leben interessant genug ist, um ein Album zu füllen. Die Chronologie, die sich daraus ergibt, ist Zufall – ich wollte einfach nicht zweimal einen Song drüber schreiben, wie es ist, wenn es vorbei ist. Es reicht zu jedem Aspekt einer.

Es gibt zudem durchaus politische Stücke, zum Beispiel das über Gentrification (»Meine Stadt zu laut«) oder »Der Schuss in die Luft«. War es euch wichtig, auch solche Themen in den Blickwinkel des Privaten reinzunehmen?
Felix: Ich vergleiche ein Album mit einem langen Gespräch an der Bar. Da ist es doch genauso, dass es einfach langweilig wird, auf die Dauer nur über Mädchen zu reden – auch wenn es ein wichtiges Thema ist.

Bei den Nicht-Love-Themen geht es mitunter hoch her. Ihr konstatiert nicht weniger als eine Meinungsverweigerung der eigenen Generation. Oder ist das zu weit interpretiert?
Felix: Nein, das stimmt schon. Ich tue mich allerdings schwer damit, über eine ganze Generation zu sprechen. Als ob ich der nicht selbst angehören würde. Aber gerade deshalb ist es uns umso wichtiger, sich dann trotzdem abzugrenzen. Davon, dass es generell auch wieder cool ist, sagen zu können, dass man stolz auf sein Land ist. Nicht unser Ding. Das muss auch nicht jeder so sehen wie wir, aber es war uns wichtig rauszuhauen, dass wir nicht so sind. 


Abgrenzen, aufbauen, abliefern. Kann es sein, dass die fünf Styler schon wieder alles richtig machen? Hätten wir sie seinerzeit im Studio nur mehr gedisst – als sie noch verwundbar waren. Oder wenigstens ihren Wodka geklaut, der uns auf dem hochpreisigen Saufparcours des Kosmonaut Festivals gute Dienste geleistet hätte.
 
Na, wartet bloß! Die Eins werdet ihr kriegen, neues Album und die stabile Haltung der Band sind auch unschlagbar, aber bei der im Hinterhof gefilmten Plattenkritik »Kurzer Prozess« zu »In Schwarz« bekommen sie doch mal einen mit!

Kamera läuft, blablabla ... »Fazit: Kraftklub klingen wie Frida Gold mit Gitarren!« Kaum sage ich es, hat Till auch schon den Eimer über mich geleert. Zu Recht. Das Phänomen Kraftklub ist charming, cool, smart und fast bestürzend positiv. Da wäre jeder Diss zu viel. Zumal »In Schwarz« wie einiges klingen mag, aber sicherlich nicht wie die niedere Dienstleistungsband Frida Gold – mit oder ohne Gitarren.

Kurzer Prozess
Die ganze vereimerte Kraftklub-Nummer sowie weitere Video-Reviews unter #Kurzer Prozess.

– Kraftklub »In Schwarz« (Vertigo / Universal / VÖ 12.09.14)