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Spalter: »Keine Nacht für Niemand«

Kraftklub

Im Fall von »Keine Nacht für Niemand« lamentieren wir mal wieder über das schwierige dritte Album: Neuerfindung oder Abgesang? Klingt das nun unangepasst oder saturiert? Und was zum Teufel haben Kraftklubs und unsere Cliquen damit zu tun?
Geschrieben am


In jeder Gang gibt es einen Typen, der sich nicht weiter entwickelt, sondern lieber immer weiter aufdreht. Der irgendwie hängen geblieben ist und stets im Begriff, mit Edding Schwänze an Wände zu malen. So in etwa hört sich das dritte Mal Kraftklub an. Die immer gleichen Anspielungen, die vielfältigen popkulturellen Referenzen, das gegen Nazis moralhanseln und die verdammte Selbstironie. Kraftklub dafür und dennoch zu lieben war bisher immer einfach und ist jetzt etwas schwerer. Drei Jahre nach »In Schwarz« wollte eben etwas Neues ausprobiert werden. Die Unschuld ist futsch, die Hives sind tot und die Helden älter: Kraftklub bedienen sich bei Ol’ Dirty Bastard, Element Of Crime, Bronski Beat, DAF und vor allem bei Die Ärzte, um die gewohnt liebevoll geschriebenen Songs rund um die Themen Drogen, Existenzangst und Liebeskummer zu basteln. »Keine Nacht für Niemand« birgt mehr Melodien, Punk und Lyrics jenseits des bisherigen Schema K. Das gelingt mal gut (»Fenster« mit Farin Urlaub) und mal sehr schlecht (»Dein Lied«) und wirkt meistens etwas albern oder bemüht. Man wird bei ihren Konzerten wieder viel grölen können, aber vielleicht auch mal die Augen verdrehen und ein Bier Richtung Bühne verschütten.
Paula Irmschler
 
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Der Typ aus Paula Irmschlers Gang wird von seinen »Freunden« offensichtlich sträflich unterschätzt. Niemand scheint wirklich gemerkt zu haben, was er aus seinem Leben abseits von Schwanz-Tagging gemacht hat. Vielleicht, weil er damit nicht in sozialen Netzwerken hausieren gegangen ist? Kraftklub haben durchaus gemerkt, dass ihr Aufstieg so nicht ewig weitergehen wird. Dass es Zeit ist, den Hype auf ein substanzielles Fundament zu stellen. Und mit »Keine Nacht für Niemand« ist ihnen das gelungen. Ihr drittes Album ist weniger rotzig, dafür vollmundiger und deutlich vielseitiger geworden als die Vorgänger, stilistisch offenbart die Band ungeahnte Talente. Der Madchester-Rave von »Leben ruinieren« hätte sogar Primal Scream zur Ehre gereicht, und »Chemie Chemie Ya« ist das klarsichtigste Liebeslied über einen Drogen-Trip ever. Überhaupt Liebe: »Keine Nacht ...« ist in weiten Teilen auch ein Trennungsalbum, und abgesehen von der atemberaubend misslungenen, ungefiltert emotionalen Single »Dein Lied« haben Kraftklub auch diese hohe Hürde eines der klassischsten Motive des Pop gemeistert. Zum Ende hin gehen der Band bei ihrem stilistischen Forscherdrang die Pferde durch, die Verweise auf Rammstein und Depeche Mode in »Sklave« hätte es der nötigen Kohärenz zuliebe genauso wenig gebraucht wie die Anleihen an Deichkind und Bilderbuch in »Venus«. Aber auch das ist neu, fordernd und mutig, auch das macht die Popstars Kraftklub spannender als die meisten ihrer Standesgenossen. Und »Keine Nacht für Niemand« zu ihrem zumindest musikalisch bis dato besten Album.
Henrik Hamelmann

Kraftklub

Keine Nacht für Niemand

Release: 02.06.2017

℗ 2017 Kraftklub, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH