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Nicht mein Lied

Kraftklub im Gespräch

Kraftklub machen auch auf ihrem dritten Album »Keine Nacht für Niemand« vieles richtig. Die Kunst des cleveren Hits haben sie nicht verlernt. Stören kann und darf man sich allerdings an dem vorab veröffentlichten »Dein Lied«, das Daniel Koch und das gesamte Redaktionsteam gelinde gesagt verstörte. Eine spannende Ausgangslage für ein Gespräch, dem sich die gesamte Band stellte.
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Wie beginne ich dieses Gespräch? Rede ich über die elf Songs, von denen ich acht richtig, richtig gut und drei ganz okay finde, oder spreche ich gleich über »Dein Lied«, das ich richtig, richtig tragisch und scheiße und schlimm finde – auch wenn ich der Band glaube, dass sie keine Hymne für Chauvi-Schweine schreiben wollte. Ich entscheide mich für die diplomatische Variante. Denn obwohl das Redaktionsteam viel über den besagten Song diskutiert hat und mir eine entsetzte Autorin gar schrieb, ob wir »die etwa wieder aufs Cover nehmen« wollen, sind Kraftklub eine Band, mit der Intro viel erlebt hat – und zwar bis dato ausschließlich Positives. Und sie sind eine Band, bei der ich nicht unbedingt erwartet hätte, dass wir uns mal so missverstehen würden. Was umgekehrt ebenso gilt, wie ich schnell merke. Aber genau deshalb sitzen wir ja nun in kompletter Besetzung zusammen – weil es eben beiden Parteien wichtig ist, den Blick der anderen zu verstehen.

Aber zunächst muss gesagt werden: »Keine Nacht für Niemand« ist mehr als dieser eine Song. Es ist ein typisches Kraftklub-Album, auf dem Felix Brummer wieder viele mal sehr schlaue und mal sehr witzige Dinge singt. Wie der Titel schon erahnen lässt, gibt es viele Zitate und Anspielungen auf deutschsprachige Musikgeschichte, die eher amüsant als anbiedernd wirken – inklusive Gastauftritte von Sven Regener und Farin Urlaub. Versucht sich hier eine junge Band zu verorten? »Das kann wohl stimmen«, überlegt Felix, »aber nicht so, dass wir uns in eine Reihe stellen wollen und uns als Nachfolger einer dieser großen Bands sehen.« Steffen Israel ergänzt: »Es ist eher so, dass wir zu ihnen aufschauen und uns freuen, wenn sie mit uns zusammenarbeiten wollen.« Und Felix führt zu Ende: »Vielleicht ist es eine Mischung aus Emanzipation von diesen Vorbildern und zugleich ein Konzentrat aus der Musik, die uns in den letzten 15 Jahren geprägt hat.«

Dass es überhaupt schon wieder ein neues Album gibt, hat die Band genauso überrascht wie Fans, Management und Label. »Eigentlich hatten wir uns in eine Pause mit unbestimmter Länge verabschiedet«, erzählt Felix’ Bruder Till. »Und kaum war es so weit, da hatten wir schon wieder Bock, was Neues zu machen.« Diesen Bock hört man vor allem dem besten Song der Platte an: »Fenster« – die Single, die leider erst nach »Dein Lied« veröffentlicht wurde – ist eine mit breitem Grinsen vorgetragene politische Nummer, bei der man sich im Kopf eines Wutbürgers wähnt, jedenfalls bis zum Refrain. In dem bittet Farin Urlaub dann: »Spring aus dem Fenster für mich!« Das hat Haltung, macht Spaß und ist ein verdammter Hit.
Plant man Stücke wie dieses? Diskutiert man vorher, ob man es bringen kann, AfD-Wähler zu bitten, aus dem Fenster zu springen? »Es wird auf jeden Fall viel über die Texte diskutiert«, sagt Felix, »aber erst, wenn ich sie quasi angeboten habe. Wir haben uns auch nicht vorgenommen, jetzt mal wieder was Politisches zu machen. Das wäre ja eine fürchterlich arrogante Haltung, weil man erstens automatisch denkt, man stehe auf der richtigen Seite, und sich zweitens so wichtig fühlt, dass man sich zur Lage der Nation äußern muss. Wir fanden den Twist einfach wahnsinnig lustig, und für mich war es eine faszinierende Figur und spannend, mich in so eine Perspektive zu schreiben.« Ob es Anfeindungen gab? »Hey«, lacht Felix, »wir wohnen in Chemnitz, klar gibt es Anfeindungen.« Till ergänzt: »Das Rumpöbeln findet eher im Netz statt. Jemandem auf die Fresse zu hauen oder auf der Straße hinterherzubrüllen scheint noch ‘ne höhere Hemmschwelle zu haben.«

Jetzt führt im Interview aber kein Weg mehr vorbei an »Dein Lied«. Ein Trennungsstück, das wie so oft in Felix’ Songwriting als Rollenprosa getextet ist. Der männliche Erzähler gibt sich aufgeräumt, singt für die Ex, die sich immer ein Lied von ihm gewünscht hat. Das bekommt sie nun. Der Twist ist ein ähnlicher Schockmoment wie bei »Fenster«. Zunächst seufzen Geigen in der Strophe: »Du hast doch ständig gesagt: ›Schreib mir mal ein Lied! / Einfach so, um mir zu zeigen / Wie sehr du mich liebst‹ / Na, dann dreh mal die Anlage auf / Geh raus auf den Balkon / Breit die Arme aus / Und sing zu deinem Song.« Pathos und Pomp. Und dann dieser Refrain: »Du verdammte Hure, das ist dein Lied / Dein Lied ganz allein.« Auch hier merkt man: Der krasse Bruch sollte lustig sein. Nur funktioniert der Witz leider nicht. Die Zeitung Die Welt schrieb so süffisant wie falsch: »Linke Feministinnen haben sich auf die Band Kraftklub eingeschossen, weil in ihrer Single ›Dein Lied‹ eine Frau als ›Hure‹ bezeichnet wird.« Aber genau das stimmt nicht, ist wie so oft das simpel gestrickte Lagerdenken, das Die Welt beim Thema Feminismus immer wieder auspackt. »Dein Lied« fanden alle Kraftklub-Fans in meinem Freundeskreis unsympathisch, gerade weil es die perfekte Feuerzeuge-raus-Hymne für Mario-Barth-Fans ist, gegen die man in »Songs Für Liam« noch angesungen hat. Und weil der Song auf perfide Weise funktioniert: Die Hemmschwelle, mitzugrölen und die hasserfüllte und weinerliche Sichtweise des Erzählers zu teilen, ist durch Melodie und Aufbau recht niedrig. Die Nummer reißt mit, wenn man das Hirn abschaltet. Halt auf doppeltem Boden oder einen Hauch von Ironie findet man höchstens in der Zeile: »Und, ja, es stimmt, dass ich vielleicht etwas konfliktscheu bin.«
Ich fand die Idee eines Rachesongs nicht unoriginell, und ich wollte, dass man in diese Wut, diesen Schmerz, diesen Hass eintauchen kann – deshalb auch diese härteste aller Beleidigungen, die natürlich weder reflektiert noch politisch korrekt ist. Aber das ist nicht die Realität – das ist Fiktion.
Fair enough: Kraftklub stellen sich dieser Diskussion. »Spannend ist es schon, dass ein Song solch eine Debatte auslöst und das Thema in den Fokus bringt«, sagt Felix. »Für uns war es schade, dass die Leute es sich da ein wenig einfach gemacht haben. Die bösen Rapper dürfen solche Worte benutzen, aber wenn sie von einer anders verorteten Band kommen, ist die Irritation groß. Das verstehen wir. Aber bei einigen klang es so, als dachten sie: ›Ah, okay, dann waren das schon immer Chauvi-Schweine und Sexisten, und wir haben es vorher bloß nicht gemerkt.‹ Und wer uns kennt, weiß eigentlich, dass wir so nicht sind. Der Gedanke, dass der Song Kunst sei, die sich in eine Perspektive hineinversetzt, kam vielen anscheinend nicht. Ich teile die Meinung dieses Typen nicht. Ich fand die Idee eines Rachesongs nicht unoriginell, und ich wollte, dass man in diese Wut, diesen Schmerz, diesen Hass eintauchen kann – deshalb auch diese härteste aller Beleidigungen, die natürlich weder reflektiert noch politisch korrekt ist. Aber das ist nicht die Realität – das ist Fiktion. Und trotzdem wirft man uns vor, wir würden das Wort ›Hure‹ salonfähig machen. Obwohl es eine bewusste Übertreibung war, die eigentlich zeigen sollte, wie daneben sie ist.« Und, so Till, »eigentlich hing sich die gesamte Diskussion anfangs an diesem einen Wort auf.«
Spannend wurde die Diskussion, als zum Beispiel das Kaput Mag aufzeigte, dass männlicher Trennungsschmerz in der Musik oft als Hass auf die Ex und Slutshaming kompensiert wird, während der weibliche Blick auf eine Trennung eher mit einem neu gewonnenen Freiheitsdrang verarbeitet wird. Felix bringt zu seiner Verteidigung einen letzten, auch nicht ganz falschen Punkt an: »Ich finde diesen beiläufigen Sexismus in einigen Rap- oder R’n’B-Songs viel schlimmer. Da gibt’s manchmal ›Lutsch meinen Schwanz‹- oder ›Die Schlampen können meinen Wagen waschen‹-Lines, die einem fast durchrutschen, weil sie so selbstverständlich gedroppt werden, da es in diesem Genre normales Vokabular zu sein scheint.«

An dieser Stelle hätten beide Seiten gern weiterdiskutiert, was der tighte Interviewplan jedoch leider nicht hergab. Trotzdem will Felix noch mal klarstellen: »Ich will gar nicht mitleidig argumentieren, ich verstehe die Reaktionen und möchte erfahren, wie sie zustanden kamen.« Es ist ihnen also schon aufgefallen, dass auch Partner, die wissen, wo Kraftklub stehen, irritiert waren. Am Ende bleibt die spannende Frage, ob man auf ihren Konzerten betrunkene Herren sehen wird, die ihren Freundinnen vergnügt »Du verdammte Hure« ins Gesicht singen. Dazu erklärt Felix: »Ein erster Vorwurf an uns war: ›Ihr habt teilweise ein junges Publikum, das werden die doch mitsingen!‹ Wir haben den Song noch nie live gespielt, und trotzdem war das eines der Hauptargumente der Kritik.« Also wird uns die »verdammte Hure« wohl doch erspart bleiben – zumindest live? Wir hoffen drauf.

Kraftklub

Keine Nacht für Niemand

Release: 02.06.2017

℗ 2017 Kraftklub, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH