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Konzertveranstalter:

Popkomm-Absage

Berthold Seliger rechnet in einem Kommentar mit der Popkomm ab...
Geschrieben am
Berthold Seliger von der Berthold Seliger Konzertagentur in Berlin gab nun einen Kommentar anlässlich der nicht stattfindenden Popkomm ab. Sein Fazit:  "Die Popkomm war überflüssig, und sie wird immer überflüssig sein."

In der Berliner Zeitung fuhr der Konzertveranstalter fort: "Egal, ob sie in Köln oder Berlin stattfindet, egal, welcher Regierungschef die Tonträgerindustrie unterstützt, egal, wer jetzt Krokodilstränen weint. Die Sachlage ist einfach: die Tourneeveranstalter, Agenten und Festivalbetreiber gehen nach London zur ILMC, die Tonträgerfirmen und Verlage gehen, solange das Geld reicht, noch zur Midem nach Cannes, und wer Neues entdecken will, geht zur Womex oder nach Austin/Texas zur SXSW".

So sei die Absage der Popkomm für ihn nur "logisch". Seiner Meinung nach sei die Popkomm eine "teure Bauchnabelschau mit Dauerparty", die man nun auf Grund der aktuellen Entwicklung der Tonträgerindustrie einfach nicht mehr zahlen könne. Auch den eigentlichen Grund für die Popkomm-Absage von Dieter Gorny hält er schlichtweg für Schwachsinn: "Keine Rede davon, dass die Branche bei der Entwicklung digitaler Tonträger alles verschlafen hat - von der Erweiterung der Vertriebswege bis zur Erneuerung des Urheberrechts. Außerdem weist selbst der Bundesverband Musikindustrie in seinem Jahreswirtschaftsbericht darauf hin, dass illegale Downloads und der Absatz von CD-Rohlingen stark rückläufig sind: Von 2003 bis 2007 hat sich die Zahl illegaler Downloads von 602 auf 312 Millionen fast halbiert, obwohl es drei mal so viele DSL-Zugänge gibt, heißt es dort. Die Tonträgerkonzerne erwirtschaften längst mehr als jeden fünften Euro im Internet, 2007 weltweit 3,7 Milliarden Dollar, wobei der Umsatz allein von 2007 auf 2008 um ein Drittel stieg".

Aber Gorny bekam auch weiterhin sein Fett weg. Angesprochen auf Raubkopiererei sagte Seliger weiter: "Gornys Konzept ist es, der Politik seine Forderungen stetig einzuhämmern: Der tausendfach verbreitete Unsinn wird schon irgendwann hängenbleiben. Unter diesem Motto unternahmen Gorny & Co. schon Kriminalisierungsversuche der Kunden durch ihre fragwürdige 'Copy kills music'-Kampagne und forderten scharfe Gesetze zur Diebstahl-Abwehr im Internet. Vorbild ist die Netzsperre für einzelne Musik-Piraten in Frankreich - ein Gesetz, das dort gerade vom Verfassungsgericht kassiert wurde, weil es gegen das Grundrecht auf Informationsfreiheit verstößt."

Laut Seliger hat die Musikindustrie inzwischen ihre Daseinsberechtigung verloren, da sie nie daran interessiert war, neue Vertriebswege zu entdecken, somit gehöre die Zukunft "den ehrenwerten Independent-Firmen, bei denen Musikliebhaber arbeiten, und die genau deshalb und wegen ihres Vertrauensverhältnisses zu ihren Künstlern auch überleben werden, wenn auch mit verändertem Geschäftsmodell." Dass inzwischen nur noch Raufereien wegen Urheberrechten liefen, sei auch logisch. "Die wenigsten Künstler haben etwas von der GEMA".

Weiter heißt es: "Musik aber gab es schon vor der Gründung von Plattenfirmen und der GEMA, und Musik wird es auch nach dem Untergang der Tonträgerindustrie geben", bekräftigt Bertold Seliger. "Es ist in der Menschheitsgeschichte eine anerkannte Kunstform, Werke nachzuahmen, zu kopieren und weiterzuentwickeln. Warum sollte die Politik ausgerechnet in Zeiten der Digitalisierung einer relativ kleinen Industriesparte die Legitimität eines anachronistischen Systems verschaffen?"