×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Michael Mayer im Interview

Kompakt

Im Online-Interview spricht der Kompakt-Chef über die Club-Krise in Köln, die Schwierigkeit des Begrifs "Techno" und über seine Pläne 2007.
Geschrieben am
"Für 2007 prophezeie ich ein großes Label-Sterben."

Michael Mayer hat ein turbulentes Jahr hinter sich. Der DJ und Mitbetreiber des Kölner Kompakt-Labels musste nicht nur mit ansehen, wie die Krise in der Musikbranche erstmals auf den lange Zeit als resistent geltenden Techno-Markt übergesprungen ist, sondern mit dem Ende der legendären Total Confusion-Veranstaltungen löste sich auch ein sehr persönlicher Anker in Köln. So negativ seine Prognosen für die Zukunft auch ausfallen mögen, die herbeiersehnte Pause scheint ihm neuen Tatendrang eingehaucht zu haben. Mit einer guten Nachricht für Kölner Club-Gänger.


Kompakt als Label ist mittlerweile weltweit ein Begriff unter Anhängern elektronischer Musik. Es soll aber Leute vor eurer Haustüre geben, die nie von Euch gehört haben. Wie würdest Du ihnen Kompakt erklären?
Michael Mayer: Kompakt ist in erster Linie eine Plattenfirma, die sich der elektronischen Musik verschrieben hat. Vor allem den Spielarten Ambient, Minimal Techno, aber auch anderer Musik mit gerader Bassdrum. Darüber hinaus gibt es eine Vertriebsstruktur, die internationaler Umschlagplatz eben dieser Musik ist. Dazu kommt der Plattenladen plus MP3-Webshop und unsere Künstleragentur. Ich vergleiche es immer gerne mit einem Bauernhof, in dem alles selbst hergestellt wird und wo der Verbraucher dann direkt den Schinken oder die grünen Bohnen kaufen kann - direkt vom Erzeuger.

Wie würdest Du den Stil von Kompakt-Veröffentlichungen beschreiben?
Strenge Vorgaben, wie eine Platte auszusehen hat, gibt es bei uns nicht. Schau Dir zum Beispiel Minus (das Label von Richie Hawtin, die Red.) an, die verfolgen ein sehr strenges inhaltliches Konzept. Wenn du dir da alle Platten nacheinander anhörst, dann weißt du, was gemeint ist.

Das bedeutet, verglichen mit Minus sind eure Veröffentlichungen zugänglicher?
Wir verschränken uns da nicht, auch wenn es mitunter mehr in die poppige Ecke geht. Als Richie Hawtin 1988 Sachen von Cabaret Voltaire (eine Industrial-Band aus Sheffield, die Red.) gehört hat, liefen bei uns die Pet Shop Boys. Wir hatten da nie Angst vor Kitsch oder irgendwelchen pompösen Sachen.

Fällt das oftmals negativ konnotierte Wort "Techno", verziehen viele Menschen das Gesicht, winken ab oder fühlen sich erinnert an üble Mittneunziger-Scheiben im Stile von Marusha. Wie entgegnest Du diesen Menschen?
Gar nicht. Schon damals, 1992 oder `93, habe ich mit meinem Selbstverständnis gesagt: "Ich lege Techno auf." Zwar wurde das, was im Radio lief, auch als Techno bezeichnet, doch schlussendlich hatte das denkbar wenig damit zu tun. Techno ist ein ungemein weiter Begriff, der sich aus enorm vielen Genres zusammensetzt. Obwohl wir beide Techno auflegen, ist das bei mir alles andere als das, was zum Beispiel ein Jeff Mills macht. Es hat ständig eine Weiterentwicklung stattgefunden, eine stetige Abstrahierung des ursprünglichen Techno-Begriffs.

Neben deiner Tätigkeit im Label bist Du auch als DJ weltweit unterwegs. Heute New York, morgen Rio und übermorgen Sydney. Ein Segen oder mittlerweile mehr ein Fluch?
Mit der Zeit wird man wählerischer. Ich muss jetzt nicht mehr jedes Wochenende nach Castrop-Rauxel. Das hab ich oft genug gemacht. Aber man erspielt sich mit der Zeit feste Orte, an die man einfach gerne zurückkommt. In gewisser Weise baut man sich ein Publikum auf. Momentan verspüre ich aber mehr und mehr das Bedürfnis zuhause zu sein, mehr in Köln zu machen. Nach dem Ende von Total Confusion im Sommer merke ich gerade, dass die Stadt immer mehr wegbricht. Zum einen die sozialen Kontakte, zum anderen musikalisch gesehen. Köln hatte schon einmal eine dunkle Phase erlebt, als hier vor etwa zehn Jahren kaum mehr Clubs existierten und sich alles nur in Bars abgespielt hat.Nach dem Ende der Total Confusion-Reihe hat man richtig gemerkt, wie Köln in ein Loch gefallen ist. Fühlt Ihr euch nicht ein wenig verantwortlich für Kölns Techno-Gemeinde?
Klar. Wir haben uns jahrelang verantwortlich gefühlt. Und die Zeit haben wir richtig genossen, man hat sich eine richtig große Familie aufgebaut. Als wir aufgehört haben, war das Geschrei groß. Aber ich glaube, viele haben verstanden, dass man nach acht Jahren wöchentlicher Präsenz einfach mal einen Schritt zurücktreten muss. Es wurde viel gemeckert, dass der Nachwuchs zu kurz käme. Der Nachwuchs hat jetzt allen Platz, den er braucht. Rückblickend glaube ich, dass die Pause wichtig war. Auch für Aksel (Schaufler, der unter dem Synonym Superpitcher auflegt), Tobias (Thomas, ebenfalls Kompakt-DJ) und mich zur Selbstfindung. Wo stehe ich eigentlich? Was will ich eigentlich genau machen? Diese Fragen gingen einem damals durch den Kopf. Heute sind wir alle sind wieder heiß darauf, weiterzumachen. Aber nicht einfach weiterzumachen, sondern etwas Neues zu machen und zu hoffen, das es etwas Tolles wird.

Das heißt, Köln kann sich wieder auf eine regelmäßige Total Confusion freuen?
Es wird auf jeden Fall wieder monatlich Total Confusion-Parties geben. Nicht mehr wie früher im Studio 672, sondern jetzt in der Hohenzollernbrücke. Das ist definitiv nicht die endgültige Lösung, aber meines Erachtens momentan einfach der beste Raum, den wir bekommen können.

Da bietet Köln zu Zeit auch nicht sonderlich viele Alternativen.
Na ja, in Köln ist es schwierig. Das war schon immer so, was Clubs anbelangt. Es gibt zwar Diskotheken ohne Ende, aber die sind meistens in den falschen Händen. Die Hohenzollernbrücke wiederum ist angenehm weit draußen, zwar noch auf der richtigen Rheinseite, aber halt nicht mehr im Belgischen Viertel. Morgens scheint sogar Tageslicht rein.

Stimmt, denkt man an die ganzen Kölner Kellerclubs ist das echt ein Novum.
Ja. Wir bauen außerdem noch eine schöne Anlage und neues Licht rein. Es wird auf jeden Fall anders aussehen als wie bei bisherigen Parties in der Brücke. Trotzdem: die Brücke bleibt erstmal ein Exil, bis sich ein anderer Club findet.

Im Oktober erschien "Immer 2", der Nachfolger zu deiner gleichnamigen ersten Mix-CD 2004. Mit "Fabric 13: Michael Mayer" (von DJs und Autoren im Magazin GROOVE unter die 50 wichtigsten Compilations gewählt, die Red.) gab es von Dir zwischen diesen beiden Veröffentlichungen eine Mix-CD auf dem Londoner Label Fabric. Wie genau ist dieser Ausflug rückblickend einzuordnen?
Als ich mich an den Fabric-Mix machte, hatte ich die Möglichkeit, mich gewissermaßen an ein anderes Publikum zu wenden. Das soll nicht bedeuten, dass ich das Alte vergraulen wollte. Es war eine sehr gute Gelegenheit, andere Künstler und Labels, die ich sehr gerne mag und die quasi aus meiner Nachbarschaft stammen, einem größeren Kreis zugänglich zu machen. Labels wie Firm oder Musik Krause kannte damals ja kaum jemand. Als die Fabric auf mich zukam, hatte ich die Chance, abseits eines Minimal-Mixes auch alternative Pop-Ansätze zu verbraten.Hört man sich den Fabric-Mix oder "Today" von Superpitcher an, beides gewissermaßen Aushängeschilder des kompakt`schen Sounds, fällt schnell die sich durchziehende melancholische, nachdenkliche Stimmung auf. Ein Spiegel eures Charakters?
Es ist auf jeden Fall sehr melancholisch und manchmal auch traurig. Wir machen nun mal kein Happy-House. Ich glaube, Aksel und Tobias würden das genauso unterschreiben. Die Musik ist melancholischer, sehnsüchtiger. Das war auch immer wichtig für unser Label und unsere Parties. Wir wollten unter die Oberfläche kommen, fernab von diesem üblichen Club-Tralala eines Funky Chicken Club. Es war und ist uns immer wichtig gewesen, menschliche Qualitäten herauszukitzeln, die einen an emotional extremere Orte führen können. Ich hatte immer den Eindruck, die Total Confusion-Gänger haben dies sehr geschätzt. Sich einfach lebensnah im Club zu bewegen, nicht einfach zugebrettert zu werden, fernab von jeglicher Zwangseuphorie, das war wichtig. Man ist halt nicht immer gut drauf.

2006 geht dem Ende zu. Welche Bilder hast Du spontan vor Augen?
Ganz klar das Total Confusion-Ende. Die letzten beiden Parties, das war schon sehr emotional und nicht ganz einfach.
Dazu natürlich die Geburtsstunde von SuperMayer, dem gemeinsamen Projekt von Aksel und mir, dass in den nächsten Monaten Priorität haben wird. Ansonsten war das Jahr gezeichnet von sehr vielen Krisengesprächen. Die ganze Branche war ziemlich in Aufruhr, zum ersten Mal auch der Techno-Markt.

Wie seid ihr damit zurechtgekommen?
Auch an uns ging das alles nicht spurlos vorbei. Aber ich denke, wir haben das Schiff ganz gut durch die stürmische See gesteuert. Leider ist es nach wie vor so, dass die jüngeren Leute kein Geld für Musik ausgegeben wollen. Das wird eine extreme Lücke reißen, viele Labels werden einfach nicht weitermachen können. Das wird nächstes Jahr noch viel schlimmer werden. Ich prophezeie ein großes Label-Sterben. Die Vielseitigkeit und große Auswahl, die es jetzt noch gibt, wird es so im nächsten Jahr wohl nicht mehr geben. Viele Labels werden es sich in nächster Zeit nicht mehr leisten können, Platten zu pressen. Heruntergeladene Musik und jene auf Tonträgern stehen in einem absoluten Missverhältnis.

Das überrascht, besonders weil das Vinyl nach wie vor als Werkzeug für DJs essentiell ist.
Ja, aber neben den DJs gab es früher auch Leute, die Platten einfach für sich gekauft haben. Die werden schlagartig weniger. Wenn du dir anschaust, was jetzt so im Internet abgeht, das ist schon krass. Da stellen die so genannten Supporter von toller Musik einfach die neusten Alben zum Download bereit, ohne es ansatzweise zu kommentieren. Frei nach dem Motto: "Guck mal, was ich schon hab." Letztens haben irgendwelche Typen das komplette Masterband vom neuem LCD Soundsystem-Album, von dem die ersten Promos erst im März 2007 verschickt werden sollten, aus dem Studio gestohlen und ins Netz gestellt. Toll! Was sind das für Menschen, die so etwas machen?

Wolfgang Voigt sagte einmal, dass man "mit Techno in Würde altern darf." Du bist jetzt 35. Wo siehst Du dich selber in zehn oder fünfzehn Jahren? Immer noch hinter den Turntables?
Es hieß mal, Techno sei der Rock'n'Roll der Neunziger. Von dem her könnte ich mir gut vorstellen, der Keith Richards des Minimal zu werden.Welches Kriterium erachtest Du aus der Sicht eines DJs als wichtiger: Musikauswahl oder Mix-Technik?
Es ist immer die Auswahl. Als ich 1992 zum ersten Mal Sven Väth gesehen habe, dachte ich: "Oh Gott, der kann ja gar nicht mixen". Aber nach einer halben Stunde war klar: die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt und im Raum brennt nichts mehr an.

Dein letztes reguläres Album "Touch" liegt zwei Jahre zurück. Gibt es irgendwelche Ambitionen auf einen Nachfolger oder beschränkt sich momentan alles auf das SuperMayer-Projekt?
Ja, das wird erstmal einige Zeit in Anspruch nehmen. Es wird sicher einen Remix hier und da geben, aber ein neues Mayer-Album gibt es erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Stadtflucht Berlin: Viele Künstler aus Köln sind dem Ruf der Hauptstadt gefolgt. Was hältst Du von dem ganzen Hype?
Generell halte ich diesen Fokus auf Berlin für nicht gesund. In der FAZ stand mal eine schöne Parabel: um den natürlichen Fortbestand der Menschheit zu sichern, sollte ein natürliches Ungleichgewicht bestehen. 90 Prozent Menschen und nur 10 Prozent Vampire. In Berlin steht das Verhältnis komplett auf dem Kopf. Es ging einfach alles viel zu schnell für die Stadt. Das tut mir besonders leid für die ganzen Künstler, die seit je her dort leben und nun durch diese Zuflucht förmlich erdrückt werden.

Stichwort Silvester: musst Du arbeiten oder feierst Du privat mit deinen Freunden?
Ich muss arbeiten. In Mexiko City…