×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Heavy Metal auf dem Lande

Knock-Out-Festival

Helloween, Gamma Ray, Axxis: Das Line-Up des Knock-Out-Festivals konnte nur mit viel Fantasie als zeitgemäß bezeichnet werden.
Geschrieben am
12.01.08, Karlsruhe, Europahalle.

Metal boomt. Jeder, der etwas anderes behauptet lügt. Während die deutschen Album-Charts regelmäßig von Acts wie Within Temptation, Nightwish, Blind Guardian oder Tobias Sammets sogenannter "Metal-Oper" Avantasia angeführt oder doch zumindest aufgewirbelt werden, erlebt auch die erste und zweite Melodic-Fraktion um die 80er-Bravo-Posterboys Helloween (mit Torso-Bandbesetzung von gerade mal noch zwei Urmitgliedern) sowie das Kai-Hansen-Spin-Off Gamma Ray eine Art dritten Frühling. Der ist dem nicht unklugen Prinzip geschuldet, die stilistisch wie personell verwandten Acts gleich mal auf eine gemeinsame Tour zu schicken: Allein kann man größere Hallen sowieso nicht füllen, im Package gelingt das spielend und man kann die vorweggenomme Reunion durch Gastauftritte schon mal anteasen. Letztendlich kommen die Leute ja doch wieder nur wegen 'Dr. Stein', der Happy-Metal-Blaupause der Hamburger Kürbisköpfe.

Die Karlsruher Europahalle fasst knapp 9.000 Leute und ist mit 5.000 Leuten bei einem Eintrittspreis von 40,-€ ordentlich gefüllt. Neben der Helloween-Gamma-Ray-Doppelspitze hat man mit den Ruhrpöttlern Axxis nochmal ganz tief in die Schmuck- bzw. Mottenkiste gegriffen, die Briten Paradise Lost und eingangs erwähnte Within Temptation komplettieren das nostalgische Billing, das durch die zahlreich anwesenden Kuttenträger den Zeitgeist optisch eindrucksvoll weitestgehend ausblendet.

Die holländischen Pathos-Metaller Epica haben die meisten verpasst, ihr Auftritt gegen 17 Uhr kommt gemessen an der Schlange bei den 1-Liter-Bierkrügen etwas verfrüht. Axxis sorgen dann für das erste Ausrufezeichen: Zeitgemäß düster, überraschend brachial, latent chauvinistisch und flankiert von weiblichen Backing-Vocals lassen die gesetzten Herren kurzzeitig vergessen, dass Textzeilen wie "When the moon falls down to earth, danger in the universe" zumindest meine Englischlehrerin in der Sexta verzweifeln ließen. Immerhin: "Fire" reimt sich heute abend erstaunlich oft auf "Desire". Die Mischung kommt an! Als potenzielle Lachnummer des Billings mit einer Art kindlichen Vorfreude erwartet, räumen Axxis überraschend ab. Darauf einen Schluck aus dem Biereimer.

Dann: Gamma Ray. Sänger und Gitarrist Kai Hansen war in den erfolgreichen "Keeper-Jahren" mal bei Helloween und gilt in der Szene trotz zuletzt mediokrer Alben immer noch als eine Art Alterspräsident. Das Set der Hamburger glänzt vor allem durch Geschwindigkeit und die Nichtbeachtung der eingangs erwähnten Erwartungshaltung, hier bitteschön nur auf die alten Kracher abgeilen zu können. 'Ride The Sky' ist der erwartbare Höhepunkt, mit etwas Wohlwollen und naturgemäß bei deratigen Events ausgeblendeter Objektivität muss man Hansen und Co. aber einen guten Gig bezeugen.

Paradise Lost nehmen im Anschluss ihre offensichtliche Deplatzierung im eher, äh, traditionell anmutenden Line-Up mit trockenem Humor: Der atmosphärische Goth-Metal der Briten will nicht richtig zünden, Ansagen wie "You're all waiting for Helloween, eh? I can tell by your miserable faces" überzeugen zumindest durch ihren Fatalismus.

Dann also Helloween. Die gelten angesichts ihrer offensiv als Brückenschlag zur Vergangenheit konzipierten Keeper-Fortsetzung von 2006 zwar ebenfalls nicht mehr als hundertprozentig zurechnungsfähig, im Gegensatz zu Gamma Ray aber lässt sich mit dem guten Namen und der ständigen Rückbesinnung auf alte, bessere Zeiten zumindest im osteuropäischen und südamerikanischen Ausland noch ein beachtlicher Sack Penunzen einfahren. Ihr angenehm von jenem Realismus beeinflusstes Set weiß die Gegenwart nahezu komplett zu ignorieren und die Belohnung dazu folgt auf dem Fuße: Die Halle liegt den Kürbissen zu Füßen. Kein Wunder, die Band covert sich konsequent selbst. Der Opener 'Halloween', die Klassiker 'March Of Time', 'Eagle Fly Free', 'Dr. Stein' und die als Überraschung getarnten Zugaben (zusammen mit Kai Hansen!) 'I Want Out' und 'Future World' holen die Leute da ab, wo sie zuletzt stehengeblieben sind: Mitten in den Achtzigern. "Meine komplette Jugend zieht da gerade an mir vorbei!" brüllt mir meine Begleitung noch ins Ohr. Ich nicke stumm und selig, während die Masse kühn behauptet: "We all live in Future World!". Lassen wir sie in dem Glauben.