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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Move Your Ass & Your Mind Will Follow

Knarf Rellöm Trinity

Das berüchtigte Politische im Pop hat damit zu tun, dass und wie man sich in einem als öffentlich deklarierten Raum bewegt. Vor allem in Deutschland (Home of the „Weltanschauung“) durfte natürlich nie so recht verstanden werden, dass das Poppolitische eben gerade nicht sprachlich behauptet werden mu
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Das berüchtigte Politische im Pop hat damit zu tun, dass und wie man sich in einem als öffentlich deklarierten Raum bewegt. Vor allem in Deutschland (Home of the „Weltanschauung“) durfte natürlich nie so recht verstanden werden, dass das Poppolitische eben gerade nicht sprachlich behauptet werden muss. Bzw. dass jedes Bekennen und Offenbaren es zurücktreibt in das, was der junge Diederichsen einmal „denen ihr Spiel“ genannt hat. Entsprechend entwickelte sich hierzulande die Tradition des Leitartikel-Pop (Politrock, Lindenberg, Deutschpunk, Nazirock usw.). Pop hingegen zu lesen als eine Politik der Bewegung verwebt das Cool-Geschmeidige der BeBop-Cats mit Elvis’ Hüftschwung und dem bekifften Schlurfen des Reggae zu einer Erzählung. Und die wiederum mit „LSD-Marsch“, Pogo, Disco, der Robotik der frühen New Wave, den Warehouse Partys usw. In der bleiernen Bewegungslosigkeit der Nachkriegsgesellschaften war diese Bewegungsfülle, ihre antidisziplinäre Zappligkeit und ihre programmatische Unruhe, an sich schon politisch als Sprache des Begehrens. Jedem und jeder verständlich, den oder die es anging. Das war als Pop noch ein generationsspezifisches Phänomen.

Heute wirkt das Insistieren auf Bewegung pour le Bewegung, wie es die neue Knarf-Rellöm-Platte in der alten Binsenweisheit ihres Titels betreibt, beinahe schon abgeschmackt. Denn davon sprechen auch – und zwar dauernd und leider nicht ohne dezidierte Kenntnisse der Popgeschichte – die Ruck-durch-DeutschlandistInnen, z. B. Ulf Poschardt, der das Pop-Bewegliche bei der letzte Wahl als Wahlkampfhelfer für die FDP einspannen wollte. Bewegung als solche ist heute eine zu stumpfe und zu vage Waffe geworden, noch dazu, seit die meisten Bewegungen eh nach Berlin-Mitte führen – in die Arme von Ulf Poschardt. Es besteht also expliziter (Er-) Klärungsbedarf. Und das heißt, dass das Poppolitische sich nun doch versprachlichen muss, um sich von jener „Partei der radikalen Mitte“, wie es im Eröffnungsstück heißt, abzusetzen, die längst eine große Meta-Koalition bis runter zur taz geworden ist. Eine gigantische Meta-FDP.
Knarf Rellöm Trinity wissen, dass es angesichts dessen nicht bloß reicht, die großen verschwitzten Momente der Popgeschichte zitativ aufzufahren. Was sie natürlich trotzdem lustvoll und kenntnisreich tun: Ausgiebig wird z. B. Sun Ra ins Spiel gebracht, für dessen Bewegungsdrang die Erde bereits in den 60ern zu klein geworden war und der hinaus wollte ins vermeintlich noch nicht von der weißen amerikanischen Mittelschicht kolonisierte All. Auch Dylans Antivermoosungs-Klassiker „Like A Rolling Stone“ wird gecovert. Und ansonsten wird kooperiert, erwähnt, zitiert, aufgezählt und untergebracht, was das Zeug hält. Und dabei explizit linke Geschichte sortiert – „der ganze linke Kokolores“ (bestimmte Parolen oder Che-Guevara-Merchandise) wird großzügig den Rechten angeboten. Sehr gut, dann muss sich später niemand damit aufhalten, rechte Übernahmen linker Ikonografie zu beweinen oder hämisch zu erzählen. Wodurch ja z. B. wieder massenhaft antideutsche Kapazitäten freigesetzt würden. Zusammen mit der aktuellen LP der Goldenen Zitronen formiert „Move Your Ass“ so etwas wie ein Neo-Politrock-Movement, das (und das als Unterschied zum traditionellen, sehr deutschen Politrock) auf eine Synthese impliziter (Stil) und expliziter (Word!) Poppolitik setzt. Dass es sich dabei um eine verzweifelte Rettung des Pop vor Ulf Poschardt handelt, bleibt zum Glück zwischen die Zeilen verpackt. Schau-zurück-im-Frust ist – jedenfalls für Knarf Rellöm – kein Thema. Davor bewahrt schon jene Überspanntheit und Albernheit, die seit jeher die dritte politische Größe von Pop bildete. Jenes euphorische „Here we come“, das Knarf Rellöm seit jeher perfekt beherrscht. „Move Your Ass“ ist – insbesondere als Auch-Konzeptalbum (das an das Bekloppte von Hippiekonzeptalben z. B. von Gong gemahnt) – die beste Rellöm-Platte so far. Und zwar, weil sie groovt, sich also bewegt, schüttelt, dem allen aber trotzdem nicht blind vertraut und deshalb sogar (anders als ihre Vorgängerin) über das identitäre Moment des Grooves (über das wir ein andermal sprechen müssen) hinausspringen kann. Dorthin, wo theoretisch alles neu verhandelt werden könnte.