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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Pärchen mit Soul

Klotz & Dabeler

Riesenmaschine Berlin-Mitte. Trotz Gentrifizierung, trotz Katja Riemann, die keinen Steinwurf vom Café entfernt aus ihrem Wagen steigt, trotz allem sitzen wir hier in der Hood von Almut Klotz. In den 90ern hat sie mit den Lassie Singers und der Flittchenbar das erweckte Viertel popkulturell geprägt. Und auch unter den veränderten Voraussetzungen des Jetzt ist sie zusammen mit dem Hamburger-Schule-Pionier Reverend Dabeler immer noch eine Institution für smarten Hauptstadt-Pop. Thomas Venker und Linus Volkmann stellten Fragen, Katharina Poblotzki machte die Bilder.
Geschrieben am

In dem Song »Die Pärchenlüge« sangen 1991 die Lassie Singers: »Cocktails trinken, Kartoffelchips essen / Händchen halten und die Freunde vergessen / ... / Pärchen verpisst euch / Keiner vermisst euch.« Christiane Rösinger von jener zur Jahrtausendwende aufgelösten Band scheint der trauten Zweisamkeit unversöhnlicher denn je entgegenzustehen und kokettiert mit dem interessanten Expertinnentitel der »Paarkritikerin«. Ein Umstand, der von ihrem jüngsten Sachbuch »Liebe wird oft überbewertet« herrührt.

 

Und Almut Klotz, der andere Stützpfeiler, ach, Monolith der Lassie Singers? Die macht das genaue Gegenteil – und zwar gemeinsame Sache mit ihrem Partner, Lover, Ehemann. Sie schreibt Alben, gar Bücher mit Reverend Dabeler. Pärchenpower auf Champions-League-Level. Und das, wo wir Normalos uns aufgrund ihrer Ex-Band bis heute für öffentliche Küsse, belämmertes Händchenhalten und Petting im Kino zum Filmstart der aktuellsten Jennifer-Aniston-RomCom schämen. Ist das system of love von Klotz & Dabeler nicht also Verrat? Almut, Reverend, ihr Spalter!

»Wir haben tatsächlich, als die Platte fertig wurde, gemerkt, das sind schon alles so ›Liebeslieder‹ – und genau da erschien auch Christianes Buch. Und wir waren uns einig, das wird man jetzt als den Gegenentwurf lesen. Aber ich kann nur sagen: War überhaupt nicht in diese Richtung gedacht«, erklärt Almut. Reverend, der eigentlich Christian heißt, nickt. Bei allem unterhaltsamen Pärchenbashing ahnt man, dass es eine große Leistung darstellt, sich als Künstler auf einen Abweg vom Ich, vom vermeintlich unteilbaren eigenen Genie-Ego einzulassen.

 

Denn im Ernst, wie kann man sich lieben und achten – und dabei noch miteinander arbeiten, kreativ sein? Trotz Proberaumöde, Tourterror, Schreibblockaden ... Hey, fuck, daran sind doch selbst ABBA zerbrochen.

 

Die offizielle Klotz&Dabeler-Vita hat aber sogar hierfür eine Antwort parat. Almut sagt: »Es lief alles erst mal gar nicht bei uns – wir haben uns das erste Jahr in der Beziehung nur gestritten. Dann kamen wir auf die gute Idee: Wir könnten doch mal zusammen arbeiten. Das hat dann funktioniert, und seitdem läuft’s auch privat besser!« Das unter Rösinger und den Lassie Singers viel gesteinigte Pärchentum schnurrt richtiggehend, als sie ergänzt: »In Zeiten des Lebensabschnittsgefährten und ›Schatz, bitte nur noch auf dem Balkon rauchen‹ finde ich es bemerkenswert, wenn es wie bei dem Daliah-Lavi-Stück auf der Platte heißt: ›Ich geb mich dir hin, ohne Wenn und Aber – kannst treu sein, dann biste treu, kannst frei sein, dann biste frei.‹ Das ist doch toll!«

 

Die erste Single »Tausendschön« stellt eine weitere Coverversion auf dem Album »Lass die Lady rein« dar. Ursprünglich von der Band Zinoba. »Das Original-Stück hat seinerzeit ein Freund von mir gemischt«, erzählt der Reverend, »und es hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte daraus unbedingt ein Duett mit Almut haben. Wir haben das dann live ausprobiert und in unser altes Programm reingemogelt, und das zog jedes Mal richtig an. Da war klar, das muss auf die Platte«, er zündet sich eine weitere Zigarette an.

Noch zentraler und ebenfalls schon erprobt stellt sich das Eingangsstück dar: »Mylord« fand der gepflegte Klotz&Dabeler-Ultra bereits auf einer Doppel-A-Seiten-Single 2010 an der Seite von dem catchy gurkigen »Möp Möp Möp«. Auch »Mylord« führt sich auf wie der YouTube-Joker, den man zum Höhepunkt der Zimmerparty zieht: »Mylord, ich war immer offen / Doch jetzt bin ich total besoffen / Mylord, wie konnte das passier’n / Ich kann für nichts mehr garantieren.« Dennoch leitet dieser vordergründige Spaß zielsicher auch zur dunklen Seite der Platte über. Auf das Trotz-oder-vor-lauter-Spaß-nicht-mehr-Können folgt, nicht mehr so einfach zu funktionieren. »Könntest du wohl bitte einmal nach mir schauen? / Mylord ... bleib er stehen, nicht mehr weitergehen.«

 

Den Zirkelschluss dieser düsteren Lesart von »Lass die Lady rein« behält sich dann der letzte Song vor, ein Dabeler-Stück namens »Rache + Gerechtigkeit« mit der Zeile »Ich will noch sagen / Wie unser Leben noch besser sein könnte / Ohne dass alle sterben«. Was vor dem Hintergrund, dass sich die beiden in letzter Zeit im engsten Kreis viel der Auseinandersetzung mit Sterben und Krankheit ausgesetzt sahen, existenzieller anzumuten scheint. »Bei der Entstehung der Platte lag darauf überhaupt kein Fokus. Mich hat das Thema Abschied darauf erst erwischt, als ich beim Vorbereiten des Masterings die Songs in Reihenfolge durchhörte. Sind schon so einige Stücke, also auch ›Geh in das Licht‹ oder ›Bald lässt der Sommer uns allein‹«, erzählt Reverend. Almut ergänzt: »Mir ging es beim Durchhören auch so, dass ich überrascht war: ›Hoppla, Vergänglichkeit spielt hier eine viel größere Rolle, als ich gedacht hätte.‹«

 

An Tiefe, Überraschungen, Erkenntnissen mangelt es ihrem zweiten Pärchenalbum wirklich nicht. Selbst wenn man sich auch einfach nur im Humor, der Beschwingtheit und der Pop-Finesse verlieren mag. Hauptsache, man findet sich wieder am Schluss.

 

Das Duo Klotz & Dabeler ist eben eine der magischsten Konstellationen seit Katz & Goldt. Uh ... so viel Pärchenlob. Wenn das die Lassie Singers geahnt hätten!