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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kleidung als Sprache und Gehhilfe

Rocko Schamoni / Herr von Eden

Der eine kleidet als Herr von Eden (nicht nur) die Hamburger Popkultur ein, der andere trug schon als Dorfpunk Anzüge. Verena Reygers traf Bent Angelo Jensen und Rocko Schamoni zum gut angezogenen Gespräch zwischen Hamburger Schule und Style-Debatte.
Geschrieben am

Bent, wie heißt es so schön: »Kleidung sagt viel über den Menschen aus.« Dann leg mal mit deinem Gegenüber los:

B: Wie siehst du denn schon wieder aus, Junge! Ein Freund hat mir mal ein kleines Buch von Rudolph Mooshammer mit dem Titel »Nicht nur Kleider machen Leute« geschenkt. Von dem Mooshammer kann man ja denken, was man möchte, aber es stimmt: Garderobe ist total unwichtig, wenn es um den Kern des Menschen geht. Aber die Möglichkeiten sind nun mal riesig, und Kleidung wirkt auch auf den Träger, weshalb ich nicht weiß, wie Leute in Trainingsjacken das aushalten können.

R: Das kann ich dir genau sagen: Kleidung ist in erster Linie eine Sprache für mich. Und eine Trainingsjacke ist für mich wie eine Tarnkappe. Weil ich immer wieder gerne Sachen trage, die mich zwischen allen anderen untertauchen lassen. Früher habe ich mich sehr, sehr exaltiert - vielleicht analog zu dir jetzt, Bent - gekleidet. Habe ganz viel Wert drauf gelegt, hundertprozentig genau in meinem Stil zu sein, um mich damit auszudrücken und darzustellen.

Aber mit dem Älterwerden ist es mir immer wichtiger geworden, in der Menge abzutauchen und beobachten zu können, wie die sind und was die tun, ohne dass ich ihnen als außen stehender Beobachter auffalle.

B: Trotzdem ist Kleidung nur eine Gehhilfe. Und ich möchte dir widersprechen, dass ich mich extrem exaltiert kleide. Ich habe zwar die längeren Fingernägel von uns allen, aber sonst trage ich heute ein schlichtes weißes Hemd und eine klassische karierte Hose, was meiner Meinung nach nicht besonders auffällig ist.

R: Also, wenn ich dich auf der Straße sehe, Bent, dann sehe ich auf der gesamten Länge der Straße den am besten angezogenen Typen. Und da kannst du noch mal 'ne halbe Stunde weitergehen, da kommt kein anderer.

B: Och, das ist ja lieb. Es hat ja auch etwas mit den Materialien zu tun. Ich möchte halt nicht in recycelten Plastikflaschen rumlaufen, was Polyester nun mal ist. Wobei es nicht ums Geld geht. Ich komme ja ursprünglich von Secondhand, und da habe ich mich jahrelang - und tue es auch heute noch gerne - für wenig Geld so gekleidet, wie ich das wollte.

Aber es geht natürlich schon um das, was ich auf der Haut trage. Und wenn ich mich nun mal in einem Kaschmirmantel oder einem Baumwollhemd auf der Haut wohler fühle als in einer North-Face-Fleecejacke, dann entspricht das eben meinem Wohlfühlcharakter.

R: Es hat verschiedene Gründe, dass das bei uns so ist. Bei mir hat es etwas damit zu tun, dass ich immer mehr gemerkt habe, dass es mir unangenehm ist, gesichtsbekannt so als gockelhafter Typ rumzulaufen.

Wie sah dieses Exaltierte denn aus?
R: Ich habe wirklich schon vor Ewigkeiten angefangen, mir über geheimste Quellen die schönen Anzüge, also Dreiteiler, zu besorgen. Jahre, bevor Bent überhaupt erschien. Und habe leidvoll beobachten müssen, wie diese gesamte Anzugmode in die Öffentlichkeit überging.

Und ab dem Moment, als dann wirklich jede Form von Anzug, die mir gefallen würde, auch von Beckmann und Kerner getragen wurde, konnte ich meine Modelle nicht mehr tragen.

Heißt denn gut angezogen zu sein oder Stil zu haben für dich automatisch, einen Anzug zu tragen?
R: Nein, nicht nur. Guter Stil wird von jedem selbst definiert. Das kann man nicht pauschal für Männer oder Alters- und Berufsgruppen sagen. Das ist von dem Typ abhängig, der dahinter steht, von der Ausstrahlung und auch, was er damit sagen will. So gesehen ist Kleidung ja auch eine Waffe oder ein Werkzeug. Ich mag es auch, immer wieder Schrott zu tragen und das gut Gekleidete zu durchbrechen.

B: Na klar. Ich bin ja froh darum, dass ich den Ruf habe, so gut gekleidet zu sein, weiß aber auch, was Trash ist, und schätze es. Alles gehört anlassgerecht eingesetzt. Ich habe Funktionsunterwäsche aus Synthetik, wenn man mal einen Berg besteigt. Was ich aber außerdem gerne wissen würde, Rocko: Wie ist es denn mit Parfüm?

R: Mit Düften gehe ich sehr intuitiv vor. Ich teste dann, ohne zu wissen, was das für ein Name oder eine Firma ist. Da beeindruckt mich nur der Geruch. Das kann natürlich auch zu Ergebnissen führen, die für andere total peinlich wären, weil ich dann vielleicht eher auf Frauenparfüms für mich stehe. Das würde ich dann aber auch kaufen.

B: Ursprünglich gibt es ja auch nicht diese Unterscheidung zwischen Damen- und Herrendüften, das kam erst mit der Kosmetikindustrie.

R: Bent, kannst du mir vielleicht auch sagen, warum ich bei fünf von zehn Gerüchen sehr schnell, sehr deutlich Urin-Noten wahrnehme?

B: In Parfüm? Ich weiß es nicht.

R: Das ist kein schlimmer, stinkender Katzenpissgeruch, den ich rieche. Und auch nicht am Menschen, sondern in dem Parfüm, so, als wären Kleinstbestandteile an Urin untergemischt.

B: Du meinst, so, wie der Legende nach Pferdeblut in Lakritz ist?

Ihr lebt beide schon sehr lange in Hamburg und seid Teil der popkulturellen Szene. Stichwort Hamburger Schule: Gab es da einen verbindenden Style-Begriff?
B: Ja, es gab schon Kleidungsstücke, die zur Uniformierung gehörten: Anhänger, Friesennerz, Trainingsjacken ...

R: Jetzt redest du aber über den Toco-Teil der Hamburger Schule. Die Hamburger Schule ist in verschiedene Fraktionen aufgeteilt. Ich komme aus dem anderen Teil.

Was trugen denn als Gegenstück Die Goldenen Zitronen?
B: Na ja, Die Goldenen Zitronen haben ja auch einen Bad Taste abgeliefert, das ist bis heute nicht zu toppen. Ich habe es versucht und nicht verstanden.

R: Bad Taste, das war ja die Ursprungsidee von 1985, die kam von den Toten Hosen und deren Idee, wirklich nur durch Bad Taste einen Schnitt zwischen sich und die Uniformität von Punk zu bringen. Was aber danach kam, bei den Goldenen Zitronen und dem etwas herrenmäßigeren Teil der Hamburger-Schule-Bands, das war ganz klassischer Anzugträger-Style. Diese Nähe zum Punk hattest du Mitte der 90er doch gar nicht mehr.

R: Und deswegen gibt es in dieser Punkverhaftung auch wieder eine traditionelle Verhaftung zur klassischen Mode: The Clash, Malcolm McLaren und Vivienne Westwood. Da sind immer ganz klare Bezüge drin, die du weiter zurückverfolgen kannst in die 60er und die 50er.

Und das taucht bei den Goldenen Zitronen und Teilen der Hamburger Schule wieder auf, verschwindet dann später wieder bei dieser von mir beschriebenen Vereinheitlichung von Mode und dieser Gewaltwelle von Style. Also, Style ist irgendwann für mich auch zu einem Unbegriff geworden. Ich hielt Style immer schon für einen anderen Begriff als Stil.

B: Man kann Style, den Begriff, ja nicht als Lebenseinstellung haben. Das ist ein wahnsinnig inflationärer Begriff und langweilig. Stil ist eigentlich eine Kategorie: Das ist dieser oder jener Stil.

R: Das eine ist eine historische Kategorie, darüber braucht man auch nicht zu streiten, weil es kategorisiert ist, das andere ist dein persönlicher Stil, und der ist bei jedem komplett anders. Es gibt Leute, die sind da sehr sicher, sehr leise und sehr genau. Und andere sind laut und ungenau. Deshalb interessiert mich diese ganze Style-Debatte und wer der Ober-Styler ist gar nicht.

B: Es geht vielmehr um Aufmerksamkeit und Bewusstsein der Situation gegenüber, nicht um Kontrolle. Mensch möge sich eben bewusst verhalten, und dann gibt es immer Wege, die es für alle angenehm gestalten - und das ist guter Stil. Und Rocko, was ich dir noch sagen muss: Dass du Anzüge getragen hast, die du dann bei Kerner oder in der »Tagesschau« gesehen hast, liegt daran, dass du einfach die falschen Anzüge getragen hast.