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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Als stünde ich auf einem Schafott

Klaus Kinski

Größenwahn war im Leben von Kinski eine der wichtigsten Konstanten. Größenwahn, in einem Tempo und mit einer Produktivität gelebt, der alle anderen hinter sich gelassen hat. Bei diesem Waterloo der Gefühle, Filme, Theaterauftritte, Exzesse, der Abgründe und Höhen konnte nicht mal ein Fassbinder mith
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Größenwahn war im Leben von Kinski eine der wichtigsten Konstanten. Größenwahn, in einem Tempo und mit einer Produktivität gelebt, der alle anderen hinter sich gelassen hat. Bei diesem Waterloo der Gefühle, Filme, Theaterauftritte, Exzesse, der Abgründe und Höhen konnte nicht mal ein Fassbinder mithalten. Und so ist es nur angemessen, dass ›Kinski Spricht Werke Der Weltliteratur‹ auf 20 CDs (u. a. Baudelaire, Nietzsche, Brecht und Dostojewskij) daherkommt. Statt abschweifender Interpretationen gibt es hier Zitate aus ›Ich Brauche Liebe‹, der schwer zu empfehlenden Autobiografie von Klaus Kinski:

Ich trete wieder in einer Kneipe auf: KINSKI spricht VILLON. Ich spreche wieder barfuß auf dem Tisch. Diesmal nehme ich fünf Mark Eintritt. Die Kasse leere ich selbst in meine Hosentasche.

Jetzt beginnt der Amoklauf der Tourneen. Ein Amoklauf ohne Ende. Zuerst Berlin, wieder der Sportplatz. Dann München. Frankfurt. Hamburg. Dann alle anderen Städte. Hundertmal. Tausendmal. Biggi ist immer mit dabei. Sie wird nie müde, sich um jeden lästigen Dreck zu kümmern, wozu ich keine Nerven habe, weil die Vorstellungen das Letzte von mir fordern. Sie sitzt jeden Abend im Zuschauerraum. In den Pausen kommt sie zu mir in die Garderobe und trocknet mir den Schweiß von Gesicht und Körper. Sie erträgt alle meine Exzesse und hilft mir mit ihrer nie versagenden Liebe, die gnadenlose Schinderei zu überstehen. Wir reisen im Auto, ich habe einen Jaguar gekauft. Im Zug. Im Flugzeug. Wir schlafen kaum, meistens geht es dieselbe Nacht weiter. Während der ersten Tournee trete ich 120 Mal hintereinander auf und gebe an einem Wochenende fünf Vorstellungen. Immer mehr ausverkaufte Häuser. Und ich will immer mehr Geld, damit ich immer mehr verschwenden kann. Zuerst bekomme ich 500 Mark pro Vorstellung. Dann 700, 1000, 10.000, 20.000 Mark pro Vorstellung. Wir steigen in den teuersten Luxushotels ab, bewohnen die Fürsten-Appartements und leben wie die Könige.

»Wie viele Tage hat ein Jahr?« frage ich meinen Agenten.
»Dreihundertfünfundsechzig, warum?«
»Dann machen sie mir dreihundertfünfundsechzig Vorstellungen pro Jahr.«
Er lehnt ab, an meinem Selbstmord beteiligt zu sein, wie er sich ausdrückt.

Biggi ist jetzt mit dem Baby im neunten Monat und begleitet mich immer noch. Obwohl der peitschende Schneeregen die Autobahn in einen gefährlichen Matsch verwandelt, zeigt die Tachonadel des Jaguars selten weniger als 200 an. Ich darf den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen, wenn wir es bis zur Abendvorstellung schaffen wollen. Wir preschen an allen Warn- und Haltezeichen vorbei und halten nur, um nachzutanken.

Kurz vor Kiel setzt sich ein Volkswagen von recht nach links direkt vor unsere Nase, ohne ein Blinksignal gegeben zu haben und obwohl ich mit aufgeblendeten Scheinwerfern fahre. Ich versuche die Geschwindigkeit abzubremsen. Wir geraten ins Schleudern, und der Jaguar wird an der linken Seite von den Stahlschienen der Fahrbahnteilung aufgerissen. Weiter! Weiter!

Auf der Fahrt nach Hamburg, wo ich am nächsten Vormittag Schallplatten für die Deutsche Grammophon besprechen soll, kommt der Jaguar beim Überholen eines Lastwagens trotz gedrosselter Geschwindigkeit auf Glatteis ins Schlingern. Ich fange den Wagen ab. Aber wir werden so nahe an den Anhänger des Lastwagens herangetragen, dass ich das Steuer nach links einschlagen muss und wir bis auf die Gegenfahrbahn schwimmen. In circa 150 Metern Entfernung kommt uns ein anderes Auto entgegen. Ich hätte noch Zeit genug, den Jaguar auf die rechte Fahrbahn zurückzubringen – aber ein drittes Fahrzeug, das ich nicht gesehen hatte, biegt von einer Zubringerstraße in hoher Geschwindigkeit auf die für mich entgegengesetzte Fahrbahn ein und kommt schnell näher. Ich versuche vorsichtig, den Jaguar auf meine Fahrbahn zurückzusteuern. Es gelingt mir nicht. Das aus der Zubringerstraße eingebogene Auto rast auf uns zu. Es bleibt mir keine andere Wahl, als das Steuer nach rechts herumzureißen. Ich habe den Schwung schon ausgeglichen, als der Jaguar, mit dem Heck zuerst, ausschert. Wir drehen uns zweimal um die eigene Achse. Der Jaguar ist nicht mehr zu halten, wir schliddern eine Böschung hinunter und überschlagen uns. Der Jaguar steht Kopf. Die Rückenlehnen unserer Sitze sind zerbrochen, aber wir sind immer noch angeschnallt. Als ich zu mir komme, höre ich Biggi wimmern. Die Türen sind verklemmt. Es gelingt mir, ein Fenster einzuschlagen. Ich krieche ins Freie, und bevor der Wagen explodieren kann, zerre ich Biggi aus den Trümmern.

In Hamburg bespreche ich fünf Schallplatten, während Biggi sich endlich einmal ausschläft. Dann kaufe ich Babywäsche, ein Paar Schühchen aus hellblauem Glace-Leder mit weißen Spitzen und rolle einen riesenhaften Bären auf Rädern vor Biggis Bett, auf dem unser Baby reiten soll. Am gleichen Abend fliegen wir nach Berlin, Biggis Wehen haben begonnen. Ich bringe Biggi in die Klinik. Sie gebärt noch in derselben Nacht. Es ist ein Mädchen. Ich nenne es Nastassja. Nastassja ist die junge Frau im ›Idiot‹ von Dostojewskij, die Prinz Myschkin bis zum Wahnsinn liebt.

»Gesucht wird Jesus Christus. Beruf, Arbeiter. Wohnort, unbekannt. Er hat keine Religion. Er gehört keiner Partei an. Auf öffentlichen Versammlungen wird er nicht gesehen. Der Gesuchte ist angeklagt wegen Diebstahl, Verführung Minderjähriger, Gotteslästerung, Schändung von Kirchen, Beleidigung von Obrigkeiten, Missachtung der Gesetze, Umgang mit Huren und Kriminellen ...«

Da pöbelt jemand aus dem Zuschauerraum. Ich kann den Kerl nicht sehen. Ich bin von starken Scheinwerfern geblendet, die alle auf mich gerichtet sind. Der zwanzigtausend Menschen fassende Zuschauerraum der Deutschlandhalle in Berlin ist eine pechschwarze Wand.

Warum unterbricht mich dieser Idiot? Ich bin furchtbar aufgepeitscht. Ich habe die letzten Nächte keinen Schlaf bekommen und bin seit über siebzig Stunden auf den Beinen. Endlose TV- und Radiointerviews, Zeitungen. Außerdem habe ich nichts gegessen und seit gestern früh mindestens achtzig Zigaretten geraucht. Und jetzt stehe ich auf diesem hohen Gerüst, als stünde ich auf einem Schafott.

»Komm her, wenn du was zu sagen hast«, rufe ich in die Finsternis, »sonst bleib auf deinem Hintern sitzen und halt den Mund!«

Zuschauer kommen hinter die Bühne gestürzt und umarmen und küssen mich. Menschen, denen ich in Tausenden von Vorstellungen mein aus dem Leibe gerissenes Herz hingehalten habe. Minhoi hängt an meinem Hals und weint. Sie hat Angst um mich, sie hat noch nie eine Veranstaltung von mir erlebt.

Intro empfiehlt ›Kinski Spricht Werke Der Weltliteratur‹ (Deutsche Grammophon Literatur / Universal)