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Die freundliche Übernahme

Klaas Heufer-Umlauf

Zusammen mit seinem Counterpart, dem schönen Joko Winterscheidt, war der aus Oldenburg stammende Klaas Heufer-Umlauf Anfang 2013 sogar für »Wetten dass ...?« im Gespräch. Doch er hatte schon Besseres vor: mit »Circus HalliGalli« das TV-Entertainment auf eine neue Generation münzen, durchgeknallte globale Mutproben bestehen und als unironischer Sänger überraschen.
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»Das beklemmendste Erlebnis hatte ich dieses Jahr in Zentralchina. Auf einem freien Feld trug ich einen sogenannten Bienenanzug. 300.000 Bienen sitzen auf einem, man kann sich keinen Millimeter bewegen, denn da, wo man sich bewegt, wird man gestochen. Krankenwagen musste nicht gerufen werden, der war zur Sicherheit schon da. Aber ich habe es ausgehalten und war am Ende stolz auf meine asiatische Zen-Mentalität. Als es geschafft war, zählte ich 18 Stiche.«


Der Typ, der das erzählt, ist nicht etwa Fakir, Extremsportler oder lebensmüde, sondern Moderator. Doch der Reihe nach: Oli P. wird 2005 bei der Synchron-Disziplin des »TV Total Turmspringen« begleitet von einem wachen Typen. Smart, niedlich nagetierig, motiviert. Es ist der damalige VIVA-Moderator Klaas Heufer-Umlauf. Man merkt, dass Stefan Raab spätestens bei der dritten Silbe des Nachnamens abgeschaltet hat. Muss man sich bestimmt nicht merken. Wie unrecht er hat, denn hier springt der Mann ins Becken, der die Entertainment-Primetime von Pro7 auf eine Weise reanimieren wird, wie es zuletzt nur Raab selbst gelungen ist – mit dem Erfolg von »TV Total« und allem, was daraus folgte.


Ausgehend von der Spielwiese ZDFneo, wo Klaas mit Joko die Show »neoParadise« etablierte, wurde ihre Doppelmarke derart zwingend, dass sich ihr Tross über diverse kleinere Formate organisch zu der wöchentlichen Sendung »Circus HalliGalli« und dem Samstagabend-Event »Joko gegen Klaas – das Duell um die Welt« bewegte. Bei Letzterem tritt das stilbildende Alleinstellungsmerkmal der beiden besonders zutage: aus rüden Kabbeleien Spaß für sich und andere zu ziehen – oder sogar Chartshits. Denn »Rangeln«, der vom Edel-Sidekick Olli Schulz exzerpierte Song aus der Sendung, wurde, wie so vieles von ihrer Posse dieses Jahr, ein Erfolg. Über Turmspringen dürfte Klaas nur noch lachen. Seine aktuellen TV-Wagnisse gehen viel weiter – vom Bienenbart zum Hobbit’esken Vulkanclimbing oder auch bloß mal Kirmesfahrgeschäfte-Fahren, bis einer heult. »Wir achten bei den Drehs schon darauf, dass möglichst keiner stirbt. Und dem Sender ist ja auch dran gelegen, dass wir zurückkommen«, beschwichtigt Klaas.


Doch mit der freundlichen Übernahme des Fernsehens ist Klaas’ Jahr noch längst nicht auserzählt. Das kongeniale Hörspiel »Förderschulklassenfahrt« mit Jan Böhmermann darf nicht unerwähnt bleiben und auch nicht Klaas’ Debüt als Singer/Songwriter. Unterstützt von Mark Tavassol, veröffentlichte er diesen Herbst unter dem Namen Gloria das gleichnamige Album – mit fließendem Pop und persönlichen Texten völlig abseits von Gaghuberei. »Klar, dass das viele Leute überrascht. Ich begebe mich da aus meiner Komfortzone, denn ohne Ironie wird’s ja gleich mal direkter. Aber wenn man bis 60 ausschließlich ironisch ist, hat man auch was verpasst.«


Vor fast zehn Jahren ist er beim Turmspringen nicht über die Vorrunde hinausgekommen – und nun definitiv ganz vorn dabei. Der lange Marsch durch die Kultur-Institutionen darf auch mal unterhaltsam sein.