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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

After The New Rave Rush

Kissy Sell Out, autoKratz, Danger

Das Problem kennt jedes Bunt-Print-T-Shirt: Wie soll man im Korb für die nächste Waschmaschinenladung Ultracolor auffallen? Wie übertreibt man Überzeichnung? Wie verschlagwortet man Sloganismus?
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Das Problem kennt jedes Bunt-Print-T-Shirt: Wie soll man im Korb für die nächste Waschmaschinenladung Ultracolor auffallen? Wie übertreibt man Überzeichnung? Wie verschlagwortet man Sloganismus?

Und wenn wir schon dabei sind: Wie geht es eigentlich dem Pawlow’schen Hund nach seinem ersten Herzinfarkt, ausgelöst durch konstante Reizüberflutung? Blendend natürlich. Das Tolle an krachbunten Schlüsselreizsignalen ist ja gerade, dass sie sich in jeder Sekunde komplett neu erfinden. Das Vorher ist total egal, das Nachher noch viel mehr.

Worte hingegen sind vergänglich. Was „New Rave“ wirklich sein sollte, wusste schon zu Zeiten des Hypes um den Begriff kaum jemand. In die entsprechende Schublade gesteckt werden wollten noch viel weniger. Inzwischen ist eine halbe Popgeneration zum Soundtrack von ed-banging Electrorock aufgewachsen, hat bei DJ-Konzerten das Stage Diving erlernt und spielt zu Hause auf dem Computer Gitarre. Die Frage, was es im elektronischen Rock’n’Roll denn eigentlich noch neu zu erfinden gäbe, kann man getrost beiseiteschieben, solange Riffs und Beats immer noch so dringlich und bedingungslos aus den Boxen rumsen wie ein Faustschlag. Mit Rave-Rock-Karacho ist es so ähnlich wie mit der Fußball-WM: Nach der Party ist vor der Party. Nach dem New-Rave-Rush ist folglich vor dem nächsten Rush, der bloß noch keinen richtigen Namen hat.



Solange es den noch nicht gibt, hat Thomas Bisdee alias Kissy Sell Out (Foto) zumindest den passenden Albumtitel parat: „Youth“. Popmusik kann so einfach sein! Ein anderes Stichwort haben die Londoner Jungs von autoKratz auf die Tanzfläche geworfen: „Animal“. Auch bei ihnen geht es um Instinktmusik, voll von Reizen, die vorrangig im vegetativen Nervensystem verarbeitet werden: Bassline bratzt – Faust schnellt in die Höhe. Sex Pistols, Public Enemy, Rave: So lautet die musikalische Erweckungsklimax von autoKratz. David Cox und Russell Crank wollten immer schon einfach eine Band sein, ganz egal, ob Rock oder Electro. Hauptsache laut. Weil ihnen die Attitüde von Dance Music allerdings auf den Sack ging, drehten sie die Regler erst recht auf Anschlag und schrieben so wütende wie optimistische Songs darüber, wie das Leben nach einer großen Enttäuschung weitergeht. Immer wieder von vorn.

Eines der schönsten (und seltensten) AC/DC-T-Shirts ist jenes zum Song „Danger“. Durchaus möglich, dass Franck Rivoire aus Lyon sein Klang-Cartoon-Universum nach diesem Shirt benannt hat. Danger ist eine Art zweiter Kavinsky, bekannt vom Label Record Makers, nur dass er dessen „Testarossa“-Dandytum eine bedrohliche Maske übergestülpt hat. Seine Tracks fangen die Schockstarre im Videogame um 00:01 ein, in exakt jenem Moment, in dem der Avatar nach dem Frontalzusammenstoß mit einer Palme am virtuellen Straßenrand völlig desorientiert aus seiner Ohnmacht erwacht. Ringsum finsteres Chaos, im Dunkel gefährlich leuchtende Punkte, im Knopfloch seiner Lederjacke eine Träne, destilliert aus Erinnerungen an eine verlorene Kindheit in den 80er-Jahren, die jetzt in brutzelndes Synthie-Schmalz tropft. Achtung, Spritzgefahr! Die Welt von Danger ist voll von solchen kristallinen Momentaufnahmen, alle durchgängig nach Uhrzeiten benannt. Als wäre noch ein Fingerzeig nötig, dass es sich in der Ära nach dem New-Rave-Rush um absolute Jetztmusik handelt.