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The Dark Side Of The Playroom

Kinderzimmer Productions

Auf Textor und Quasi Modo ist Verlass - nicht nur, was die Regelmäßigkeit ihrer Produktionen betrifft. "Wir Sind Da Wo Oben Ist" heißt ihr neues Album, und mit dieser Behauptung haben die beiden Ulmer recht, denn sie sind tatsächlich on the top. Vom Kinderzimmerolymp herab erreichen uns noch immer L
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Auf Textor und Quasi Modo ist Verlass - nicht nur, was die Regelmäßigkeit ihrer Produktionen betrifft. "Wir Sind Da Wo Oben Ist" heißt ihr neues Album, und mit dieser Behauptung haben die beiden Ulmer recht, denn sie sind tatsächlich on the top. Vom Kinderzimmerolymp herab erreichen uns noch immer Lyrics und Sounds, mit denen wir nicht gerechnet haben. Ja? Man kann mit dem vierten Album wirklich immer noch fresh sein, immer noch vom Hocker hauen, immer noch Kinnladen klappen? - Es gibt nichts Schöneres, als sich von Menschen überraschen zu lassen, die nachgedacht, die gebastelt haben und denen ihre Musik mal wieder herrlich gelungen ist.

Return Of The Mentor

Diese Platte ist außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass es not tut, nach den Quellen der Inspiration zu forschen, die das Zweimannteam für diesen Wurf angezapft hat. Die Spur führt weit zurück in die Kindheit; so wie auch die grabenden, wühlenden Beats und schürfend deepen Raps einen fast freudschen Charakter tragen. Textor lotet Raum und Zeit aus, vertikal wie horizontal, "von links nach rechts, von oben nach unten"; Quasi Modo, DJ und Soundengineer, gibt der Produktion einen unmittelbaren, beinahe archaischen Klang. Das unterscheidet "Wir Sind Da Wo Oben Ist" von seinen Vorgängern. Ganz ohne schwarze Magie ging es dieses Mal im Kinderzimmer nicht zu, denn ein Geist wurde gerufen, den man offenbar so schnell nicht wieder los wurde.

Textor: "Es war eine eher zufällige Reunion. Switcheroony ist ein alter Sandkastenfreund von Sascha und mir, und er war zufällig zu der Zeit, als wir die Platte aufnahmen, bei seiner Mutter in Ulm zu Besuch. Eigentlich wohnt er seit Jahren in LA, wo er High-End-Amps für Langhaarige baut. Plötzlich hing er bei uns am Telefon, nachdem er jahrelang nichts von sich hören ließ. Wir haben ihn dann ins Studio eingeladen, er hat sich die bis dahin fertigen Stücke des neuen Albums kommentarlos angehört, um erst beim Instrumental von 'Der Große Switcheroony' zu zucken. Wir haben ihn dann mehr aus Spaß gefragt, ob er Lust habe, über den Track zu rappen. Zwei Tage später rief er an und meinte, er sei fertig, kam ins Studio, brachte einen Take und verschwand wieder. Uns hat das Ding so verblasen, dass wir ihn dann noch zum Possetrack einluden."

Die ersten Eindrücke sind prägend, wie wir alle wissen, sie werfen die Spur voraus, der wir folgen werden, oft, ohne es recht zu merken. In den Tagen, als Textor und Quasi Modo noch Henrik und Sascha hießen, als sie noch grün hinter den Ohren waren und noch nicht wussten, dass sie einmal eine Ausnahmeerscheinung im deutschsprachigen HipHop sein würden, zu dieser Zeit trat Thor Ehinger in ihr Leben. Thor war etwas älter als Sascha und Henrik, und er war es, der sie durch ein DJ-Mike-La-Rock-Tape mit HipHop infizierte. In seiner Funktion als großer Bruder und Mentor war er jedoch durchaus ambivalent.

Rauchend und Pornoheftchen studierend, fluchend und zotige Witze erzählend, stellte er gewissermaßen die dunkle Seite von Textors und Quasi Modos erwachender Kreativität dar. Eine Seite, die im Kinderzimmer lange verdrängt wurde und erst nach der Rückkehr Thors (a.k.a. Switcheroony) Eingang fand in die Text- und Soundarbeit des Ulmer HipHop-Duos. In diesem Sinne ist "Wir Sind Da Wo Oben Ist" ein psychoanalytisches Album, das vielleicht den bisher tiefsten Einblick in die Seelenwinkel seiner Macher gewährt. Bei genauem Hinhören entdeckt man Switcheroonys Einfluss auch auf den Vorgängeralben, aber mit "Wir Sind Da Wo Oben Ist" werden die Bezüge deutlicher, die Zusammenhänge transparenter. Oder anders formuliert: Wo Es war, wurde Ich.

Es ist Nicht, wo es war, wenn es verschoben ist

"In dem Moment, da die Sachen passieren, wird einem plötzlich der Sinn klar", antwortet Sascha auf meine Frage, warum man bisher von Switcheroonys Einfluss auf Kinderzimmer Productions so wenig gehört habe. "Jetzt, wo das Album fertig ist, aber auch rückblickend auf die vergangenen Jahre erkennen wir, wieviel unserer Schaffenskraft von ihm herrührt. Er ist der dunkle, unzugängliche Teil von Kinderzimmer Productions." Und Henrik ergänzt: "Bis vor kurzem konnten wir uns dieser Seite nur über Umwege nähern. Wir taten es mit Vergleichen, nannten es ein Chaos, einen Kessel voll brodelnder Erregung. Jetzt haben wir uns dieser Facette gestellt."

Tatsächlich bringt der Beitrag Switcheroonys eine neue, stabilisierende Koordinate in den Kinderzimmer-Kosmos. Textors Erzählungen bekommen einen Pol entgegengesetzt, der sie mit einer merkwürdig unangenehmen Spannung belädt. Die Belastung ist gestiegen, aber die Texte tragen sie, halten sie aus. Das Gebälk knarrt, aber es bricht nicht. Worte wie "Vollspast", Bemerkungen wie "häute kleine hamster und rolle sie in salz", "die welt ist mein terrarium, bring großwild auf safari um" oder "ich wollt' dir nichts verpassen, du hast nur so nach opfer ausgesehen", die Switcheroony so nebenher droppt, kommen nicht als banale Battlephrasen daher, sondern entpuppen sich als Triebbesetzungen, die nach Abfuhr verlangen.

Switcheroony ist nicht moralisch, er kennt keine Wertung, kein Gut und Böse. Henrik und Sascha sind für ihn "Sacknasen" und "Weicheier" und gleichzeitig die alten Sandkastenkumpel. "Manche werden das nicht verstehen, dass uns jemand disst, den wir auf unserem Album featuren", vermutet Henrik, "aber ich rappe ja auch über Quasi Modo: 'Ich sag ihm, dass er dumm und hässlich ist, jeden tag, damit er weiß, dass ich ihn mag.' Nenn es playin the dozens oder das alte Jungs-Kumpel-Ding. Man boxt sich eben manchmal auf die Schulter, weil man sich knorke findet."

Irgendwas funktioniert hier nicht ...

Drei Dinge sind es, die uns täglich zusetzen, die nach ihrem Recht verlangen, die uns bedrängen und treiben: die Erlebniswelt, die uns umgibt, in der wir aufgewachsen sind und leben; die gesellschaftlichen und kulturellen Zwänge, die in Form von Eltern, Nachbarn und Lehrern mit Argusaugen nach uns schielen; und die dunklen Leidenschaften, die uns flüstern, all das zu vergessen und die Schleusen der Lust rücksichtslos aufzustoßen. Und mitten hinein in diese Gewalten stellt sich Textor, verkleidet und suchend. In seinem Rücken Switcheroony, grunzend und furzend, und um ihn herum ein dichter, grob gehobelter Sound, der sich aus den Boxen drängt, wie man es von Kinderzimmer-Produktionen eben bisher nicht gewohnt war. Kein weiser Rat, kein Masterplan, dafür verschiedene Perspektiven, verschiedene Rollen, die Textor lückenlos inszeniert.

"Es wird nie wieder gut", lallt eine nasse Stimme ihre resignierte Überzeugung heraus. Der Arzt aber findet keine äußerliche Verletzung, nur "wasser statt blut". Die inneren Wunden bleiben unentdeckt, das geschundene Ich wird nach Hause geschickt und weiß doch: "irgendwas funktioniert hier nicht, meine augen laufen aus und meine schweißdrüsen auch." An anderer Stelle lautet der Kommentar zur Außenwelt und dem eigenen Verhalten: "merkwürdig, unangenehm", und traumtaumelnd klammert sich das verlorene Ich an den letzten trügerischen Wunsch: "ich hoffe, dass ich nicht das bin, was ich mache, wenn ich wach bin." Das Unbehagen in einer Welt, in der das Ich unter dem Druck seiner drei Zwingherren Außenwelt, Über-Ich und Es zu zerbrechen droht, dokumentieren Kinderzimmer Productions auf eine unheimliche, aber lustvolle Art und Weise.

It Ain't What You Doin'

Den hedonistischen Gegenpol zu dieser beklemmenden Seite bildet ein unkomplizierter Exkurs in die heile Welt der Countrymusik. Allein die Sampleauswahl und das leichte, swingende Arrangement der Refrains, die streckenweise an Moby erinnern, lassen wieder alle Sorgen verfliegen. Darüber flowt ein Textor, der nur das Sahnehäubchen will und nicht das Bündel an Verpflichtungen und Rattenschwänzen. Die Palette von Möglichkeiten wird supermarktmäßig abgeklappert, so dass ein verknöchert verstaubter Begriff von Realness im Regal zurückbleibt, bar jeden Pathos'. Denn letztendlich ist alles "eine frage von stil, denn ohne stil ist alles nichts oder zumindest nicht viel." Jeder könnte, wenn er wollte, aber viele wollen es nicht anders, und das vergessen die meisten MCs.

Textor definiert Realness als eine Frage von Stil. Wir könnten "vollkorn hartkern von weizen bis roggen, oder weich und matschig wie müslihaferflocken", wir könnten "dreck am stecken, oder frisch gewaschen", wir könnten aber auch "keiner schuld bewusst oder schuld bewusst auf's haupt aschen." Puh, wie tut das gut! Keine Auseinandersetzung mit der aktuellen Entwicklung im Deutschrap, kein Talk über Szene, Skills und Style. Kinderzimmer Productions stehen für sich.

Deck das Dach ab

Es gibt nicht viele Bands in diesem Land, die unter dem Etikett Rap firmieren und die sich jenseits dessen, was sich HipHop-Szene nennt, eine eigene Zuhörerschaft erspielt haben. Kinderzimmer Productions gehören dazu, Eins Zwo sicher auch. Die Parallelen sind nicht zu übersehen. Hier wie dort ein MC, der ohne großes Egotrippin' viel zu sagen hat, der Aphoristiker ist und sich das Leben in kleine appetitliche (nicht immer leicht verdauliche) Happen zurechtreimt. Hier wie dort ein DJ, bescheiden und zurückhaltend, der langsam und bedacht spricht und in Interviews viel seltener zu Wort kommt als der ohne Punkt und Komma schwadronierende Rapper.

Und doch widmen sowohl Dendemann als auch Textor ihrem DJ einen eigenen Song, in dem sie - jeder auf seine Weise - ihrer Bewunderung und Liebe Ausdruck verleihen. Quasi Modo ist "von Gott berührt", und Dendemann steht nur im Schatten von Rabauke. Die "zwei ganz normale Jungs machen HipHop"-Formel hat sich bewährt; und Kinderzimmer Productions sind mit Eins Zwo nur die populärsten Beispiele dafür, dass deutschsprachiger Rap hervorragend funktionieren kann, ohne in peinliche Deutschtümelei oder revanchistische Battlefantasien auszuarten.

Mit ihrem vierten Album decken Quasi Modo und Textor immer noch das Dach ab, wie es im Refrain des Possetracks heißt, auf dem neben Textor und Switcheroony auch Klaus von Zweimal Das Gleiche und die Ulmer Neuentdeckung Tek Beton (der sich allerdings stark nach Henrik mit hochgepitchter Stimme anhört) gefeaturt werden. An alte U-Stadt-and-you-don't-stop-Zeiten fühlt man sich da erinnert, doch bringt auch hier der Beitrag von Switcheroony jene neue Qualität mit sich, die dieses Album von allen vorherigen unterscheidet. "Jetzt, wo Switcheroony wieder in LA ist, kommt es uns manchmal auch wie ein Traum vor", meint Henrik zurückblickend, "aber diese Zusammenarbeit hat Sascha und mich verändert. Die Angst vor manchen Dingen ist gewichen, unsere Arbeitsweise ist an einigen Stellen derber und unmittelbarer geworden." Das gelte auch für den Sound, ergänzt Sascha, der sich um die Endabmischung gekümmert hat. "Switch hat mir da mit seiner drastischen, breitschultrigen Art oft geholfen."

Ob es eine weitere Zusammenarbeit mit Switcheroony geben wird, ist unklar. Interessant wäre da zum Beispiel eine Kollabo mit den Jungs von Kehlkopf Recordings aus Darmstadt, deren Rapper Manges auf der Maxi-Auskopplung "Mikrofonform" bereits gemeinsam mit Textor zu hören ist. Ob mit oder ohne Switcheroony, ob das Dach abgedeckt wird, damit es nicht mehr hereinregnet oder damit es endlich hereinregnet - whatever, wir lassen uns gerne überraschen.