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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

die ungnade der frühen erfolge

Killing Joke

Des Monopols Räumlichkeiten liegen direkt an der Reeperbahn auf'm Hamburger Kiez - einer Gegend, in der es von Ungereimtheiten nur so wimmelt. Der Fragesteller, leger in Jeans und Unterhemdchen gekleidet, war keinesfalls ein Tourist, der die linguistischen Tips seiner Urlaubslektüre umzusetzen versu
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Autor: intro.de

Des Monopols Räumlichkeiten liegen direkt an der Reeperbahn auf'm Hamburger Kiez - einer Gegend, in der es von Ungereimtheiten nur so wimmelt. Der Fragesteller, leger in Jeans und Unterhemdchen gekleidet, war keinesfalls ein Tourist, der die linguistischen Tips seiner Urlaubslektüre umzusetzen versuchte, nein, es handelte sich um Martin "Youth" Glover, einen Musiker, der gegen Ende der Siebziger Mitglied von 4 BE 2'S war (entsprach in der Zusammensetzung eigentlich derer der BOLLOCK BROTHERS plus JOHN LYDON-Bruder Jimmy), anschließend KILLING JOKE gründete, letztere 1982 wieder verließ und mit BRILLIANT versuchte, die Rockmusik funky zu machen (deren letzte Single war angeblich zugleich die erste Stock-Aitken-Waterman-Produktion und enterte knapp die Top-Fifty). Youth jobbte als Studiomusiker, Produzent und Remixer (BANANARAMA, STEVE HILLAGE, YAZZ, U2, KATE BUSH). Im Sommer 1989 traf er auf die PINK FLOYD-Backingsängerin und "Flashdancerin" Druga McBroom, zusammen gründeten sie BLUE PEARL und schafften mit "Naked In The Rain" einen Hit. "Mein Leben kann nie mehr so grausam sein, wie es damals bei KILLING JOKE gewesen ist", soll er verlautbaren lassen haben. KILLING JOKE schafften unterdessen mit "Love Like Blood" einen Dancefloorklassiker, der 1985 auf dem Album "Nighttime" verewigte wurde und anno '94 immer noch zum Live-Repertoire der Band gehört. Der sich ebenfalls auf o.g. Album befindliche Song "Eighties" beginnt mit eben jenen Riffs, die Jahre später NIRVANAs "Come As You Are" berühmt machen sollten. Zur Formation gehörten damals neben den "Dauerwitzen" Jaz Coleman (Vocals, Drogen?) und "Geordie" (Guitars) noch Youth-Ersatz Paul Raven (Bass, heute PRONG) sowie Paul Ferguson (Drums). Was die Live-Performance angeht, spielten KILLING JOKE zu der Zeit mehr schlecht als recht. Ich sah die Band im August '85 im Nachmittagsprogramm des Schüttdorf-Festivals (vor WOLF MAAHN, WORKING WEEK, HERBERT GRÖNEMEYER und KID CREOLE mit seinen COCONUTS), die Band war überlaut (diese Bezeichnung ist noch relativ untertrieben) und Jaz Coleman anscheinend total breit (er verharrte fast während der gesamten Show in einer Art "Erhobener-Zeigefinger-Pose").
Geordie erinnerte sich im Verlauf des Interviews noch an den Gig, wohingegen Jaz nur kurz an den Tisch kam, um zu beteuern, daß er jetzt gerne ein Bier hätte. Ansonsten amüsierte er sich lieber vor der Kamera der Viva-Mitarbeiter.
Nach "Nighttime" ging es mit KILLING JOKE mehr oder minder bergab, das Line-Up wechselte mehrfach (u.a. spielte Ex-PIL, jetzt PIGFACE Martin Atkins kurzzeitig das "tödliche" Schlagzeug), ein Comeback jagte das nächste. Trotzdem beriefen sich immer mehr Bands auf KILLING JOKE, wenn es darum ging, ihre Roots oder Inspirationen zu benennen. Nur: Fast alle Plagiate sind mittlerweile weitaus erfolgreicher als das Original, "was mir sch...egal ist", so Geordie.
1994 erfährt die Band nun mit "Pandemonium" ein nicht alltägliches Comeback, denn Youth ist wieder dabei, und das, obwohl Jaz, Youth & Geordie nunmehr auf verschiedenen Kontinenten ihr Leben leben/fristen. Wie kam es dazu? Geordie: "Ich traf Youth auf einer Geburtstagsparty, irgendwie kamen wir ins Gespräch, und Youth sagte: 'Laß uns die Band noch einmal aufleben lassen, mit dem alten Feeling'. Youths Bass-Spiel war für die alten KILLING JOKE sehr prägnant gewesen, nun hat die Gruppe eben dieses wieder."
KILLING JOKE back to the roots? "Pandemonium" klingt denn auch metallisch/rhythmisch/maschinell, diese Aspekte kann auch Geordie nicht verleugnen, "irgendwie ist es schon maschinell...". "Pandemonium" und "Millennium" sind zweifelsohne Highlights, geradezu prädestinierte Single-Renner, aber einen der 12inch "A New Day" entsprechenden Schwarzmarkt(kult)preis wird wohl keines der beiden Machwerke erzielen. Von "A New Day" gibt es zwar Promotion-Poster (eine AO-Version hing jahrelang als Blickfang neben MADONNA-Nacktfotos unter der Decke des Bremer "Überschall"-Plattenladens zu Siewall-Zeiten), aber auf Vinyl ist sie (so gut wie) nicht mehr aufzutreiben. Was ist denn so besonderes an "A New Day"? Geordie (verwundert über die Tatsache, daß er niemals Promo-Poster zur Maxi gesehen hat und gleichermaßen fest entschlossen, beim nächsten Bremen-Trip die neuen Räumlichkeiten von "Überschall" aufzusuchen, um nach obigem Poster und Bootlegs zu fragen): "Ich verstehe den gesamten Kult um 'A New Day' auch nicht. Es ist eigentlich ein ganz 'normales' KILLING JOKE-Stück und war doch nur eine B-Seite, oder?" Das (bislang) einzige Deutschland-Konzert zum aktuellen Album derer von KILLING JOKE in der Hamburger Markthalle brillierte mit Live-Versionen alter JOKE-Fetzer. Den eingangs erwähnten Schüttdorf-Set übertraf der Gig zwar nicht an Lautstärke, der Auftritt Colemans war jedoch mit angsterregendem Pathos nur so überfrachtet. Mit seinem Blick stellte er fast die schauspielerische Leistung eines Christopher Lee in den Schatten... Und auch die Performance wirkte theatralisch überladen - Lichtgewitter mögen ja angehen, aber was sollen FeuerspuckerInnen und unter Plastikplanen tanzende Gestalten auf der Bühne?
Für die Inszenierung der anstehenden Tour ihres gigantischen Albums sollten sie lieber das Motto wechseln: "Weniger ist manchmal mehr!"