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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Von Spatzen Und Dächern Und Tauben Und Händen

Kettcar

Die Deiche brechen gleich im ersten Song. Kein vorsichtiges Hereintasten wie auf dem ersten Album, dafür ein rockender ›Es Darf Nicht Egal Sein‹-Befindlichkeits-Ohrwurm über volle Distanz, der Bilanz zieht zu drei Jahren Grand Hotel Van Cleef, in denen Kettcar und Tomte Hand in Hand zu den liebenswe
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Die Deiche brechen gleich im ersten Song. Kein vorsichtiges Hereintasten wie auf dem ersten Album, dafür ein rockender ›Es Darf Nicht Egal Sein‹-Befindlichkeits-Ohrwurm über volle Distanz, der Bilanz zieht zu drei Jahren Grand Hotel Van Cleef, in denen Kettcar und Tomte Hand in Hand zu den liebenswertesten Emo-Powersellern des deutschen Indie-Pop geworden sind. Inmitten einer Musikbranche, die sich so zugrunde gerichtet hat, dass sie nun Klingeltöne statt CDs verkaufen muss, fühlt man selbst bei Textzeilen wie »bei Aldi brennt noch Licht« eine seltsame Heimeligkeit. Kettcar sind wieder hier draußen heute Nacht! Und schon im zweiten Song (›48 Stunden‹) sind die Töne so zerbrechlich, dass man mit den Tränen kämpft. Denn es läuft gerade das harmonischste, versöhnlichste, unglücklichste Liebeslied, das man sich vorstellen kann, so groß wie das seelenverwandte ›Left & Leaving‹ von den Weakerthans. »Ich und mein Stolz wussten gleich, es ist vorbei«, dichtet Marcus Wiebusch hier voller Würde und ringt sich zu berückend schönen Worten durch, von denen wohl jeder hofft, sie in diesen furchtbaren Momenten des Abschieds mal über die Lippen bringen zu können: »Mach immer, was dein Herz dir sagt, ich weiß genau, dein Herz ist gut, du weißt genau, meins wird zu Stein.« In einer Zeit, in der alle immer nur noch die Ersten sein wollen, haben Kettcar mit sehr viel Sorgfalt an ihrem zweiten Album gearbeitet. Die Songs sind detaillierter und durchdachter als auf dem Debüt, bleiben dabei aber – trotz des bereichernden Einsatzes von Klavier, Streichern und Kinderchor – absolut unverkennbar in ihrer Kombination aus Bodenständigkeit und dem »Ja!« zur ganz großen Geste. Marcus Wiebuschs lyrische Perspektive hat sich verschoben, ein wenig kryptischer, vor allem abgeklärter ist sie. Weiterhin gibt es famose Bestandsaufnahmen von Seelenzuständen, gespickt mit Referenzen, aber selbst in ihren zynischsten Momenten bleiben sie ohne die Wut vergangener Tage, dafür mit geschärftem Blick und ... ja ... weise. Nicht mehr: Das Leben meint es ehrlich, der Bordstein zählt dich an. Dafür: Das Leben ist vielleicht alles, aber sicher nicht klein und scheiße. Kettcars zweites Album wirkt so was von ausgeglichen, so freundlich zu sich selbst und den Menschen, selbstironisch und sich selbst nicht so wichtig nehmend, auch besinnlich und nachdenklich, dabei aber immer von einer Leidenschaft geprägt, die eine große Mehrheit der abgefeierten Debütbands schon mit ihrem zweiten Album nicht mehr erreicht. Kettcar dagegen haben sogar noch hinzugewonnen. Sollen doch weiterhin sprechende Krokodile für fünf Minuten die Welt erobern, Kettcars Songs bleiben für die Ewigkeit. Und alles, was wir brauchen heute Nacht, ist, zu erkennen, dass wir glücklich sind.