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An Den Landungsbrücken Raus

Kettcar im Gespräch

Vielleicht ist »Du und wieviel von deinen Freunden« das beste Album des Jahres, wahrscheinlich sogar. Wir haben mit Kettcar über ihr Debüt und das neu gegründete Label Grand Hotel van Cleef gesprochen.
Geschrieben am
»Wann erscheint denn jetzt der Mopo-Artikel?« Reimer Bustorff läuft nervös auf und ab und rauft sich die Haare. »Ich muss unbedingt die komplette Auflage in Niendorf aufkaufen. Meine Mutter weiß doch gar nichts von dem Label, die denkt immer noch, ich studiere ...« Man hat es nicht leicht als Firmengründer in diesen Tagen, und dabei sind unverständige Mütter noch das geringste Problem. Viel dramatischer: Sowohl die Umsätze der Musikindustrie als auch das vom Sperrmüll zusammengesuchte Büromobiliar brechen zusammen. Und das Bier ist auch schon wieder alle.

Rund drei Monate ist es jetzt her, dass drei junge Männer auszogen, um die Plattenfirmen das Fürchten zu lehren. Außer Bustorff besteht das neugegründete Label Grand Hotel van Cleef aus Marcus Wiebusch (of ...-But-Alive und Rantanplan-Fame, wie man hier im Intro ja so oft und gerne sagt) und Thees Uhlmann. Letzteren kennen Sie vielleicht aus Filmen wie »Es muss immer mehr in mich rein«, »Mad For It« oder »Es war eine sonnige Nacht«. Nachdem sich Verhandlungen mit Majorlabels über die neuen Platten ihrer Bands Kettcar und Tomte als nerviges Geschacher entpuppten, wurde kurzerhand das Piratenmesser zwischen die Zähne geklemmt, die schöne Tochter des Gouverneurs entführt und mit vollen Segeln auf die offene See hinausgesteuert. »Ich erinnere mich, wie die ersten fünf Reihen im ausverkauften Prime Club jedes Kettcar-Stück mitgeschrieen haben. Ohne dass die Band bis dahin einen Tonträger veröffentlicht hätte. Und wenn einem dann ein Typ von Zomtec [Labelname von der Red. geändert] sagt, sie wären von der Livepräsenz nicht überzeugt, dann muss man mit solchen Leuten nicht zusammenarbeiten«, erläutert Thees einen der Gründe, die dazu führten, dass ein ohrenbetäubend lautes Büro im Hamburger Schanzenviertel angemietet und das Schicksal der Bands selbst in die Hand genommen wurde.

Feuer Frei Und Weiteratmen

Kettcars »Du Und Wieviel Von Deinen Freunden« ist das erste Grand-Hotel-Release, und wenn es nicht auf den letzten Drücker noch zu einer überraschenden Smiths-Reunion kommt, ist es nicht weniger als das Album des Jahres. Das ist ja immer so leicht dahingesagt, aber es gibt keinen verdammten Tag in den letzten Monaten, an dem ich diese Platte nicht gehört habe. Fragen Sie ruhig meine Nachbarn. Und trotzdem jedes Mal aufs neue absegle, wenn in »Landungsbrücken Raus« das Klavier einsetzt und den Refrain vorwegnimmt. Wenn Marcus Wiebusch Zeilen raushaut wie: »Der Tag, an dem wir uns ›we're gonna live forever‹ auf die Oberschenkel tätowierten, war der Tag, an dem wir wussten, die Dinge, die wir sehen, und die Dinge, die wir wollen, sind zwei Paar Schuhe.« Wenn die Band sich in »Ausgetrunken« nicht scheut, die Handclaps auszupacken, dieses normalerweise immer etwas heikle Stilmittel – und damit davonkommt. Großartig. Selbst der für mich schwächste Song »Balkon Gegenüber« entwickelt in der zweiten Hälfte mehr Kraft und heartfelt Ehrlichkeit, als die meisten Bands auch nur von weitem jemals erahnen werden. Eine Platte wie ein Kinnhaken. Und weil dieser Text sowieso jeden Hauch von Distanz und Objektivität vermissen lässt und sich statt dessen »Pathos« mit Lippenstift auf die Stirn geschmiert hat: auch eine Platte wie der Moment, in dem man die Augen schließt, kurz bevor man den anderen zum allerersten Mal küsst.

Jetzt, Wo Die Pinneberger Weg Sind Und Die Strassen Uns Gehören

»Du Und Wieviel Von Deinen Freunden« ist nicht nur ein Album über Hamburg, über das Leben zwischen Tresen und Dispogrenze, über Kneipenschlägereien und Freundschaft. Es ist auch ein Album, das vom Weitermachen handelt, vom Durchhalten. Von den Momenten, in denen die Frage aufkommt, ob man sich richtig entschieden hat, als man das gute, wilde Leben gewählt hat. Oder ob doch die anderen recht hatten. Die, die irgendwann die Abzweigung genommen haben und jetzt Bonusmeilen sammeln, anstatt mit trockenem Mund an der Endhaltestelle in einem S-Bahn-Sitz von der Sonne geweckt zu werden. »Man muss die Platte auch vor dem Hintergrund der Zeit sehen, in der die New Economy noch Geld hatte. Als auch im Schanzenviertel plötzlich nur noch Anzugträger um einen rum waren, die mit Geld um sich geschmissen haben«, erklärt Marcus Wiebusch, der freundliche Hüne. »Die Situation, wenn Leute, die man kennt, auf Partys besprechen, welche Aktien man kauft, und man dann merkt, dass man da nicht mithalten kann. ›Money Left To Burn‹ handelt einfach von dem Gefühl, das bisschen Geld, das man hat, nicht in Nokia-Aktien zu stecken, sondern mit Freunden zu verballern.«

Willkommen Auf Allen Vieren

Man merkt dem Album seine Entstehungsgeschichte an, die von Schmerz und Verlust gekennzeichnet ist. Gescheiterte Beziehungen, die Auflösung von Bands, in die man Jahre seines Lebens und hektoliterweise Herzblut gesteckt hat, Koordinatensysteme, die sich auf einmal verschieben und eine Neuorientierung erfordern. Wiebusch: »Ich konnte irgendwann keinen Punk mehr hören. Wenn ich mit ... But Alive Konzerte gespielt habe, wollte ich auch nicht mehr mit diesem ganzen Umfeld konfrontiert werden. Und wenn man plötzlich all das hinter sich lässt, was man die Jahre vorher noch mit in die Luft gereckter Faust vertreten hat, ist das natürlich eine harte Erfahrung. Das ist dann plötzlich auch ein innerer Kampf, ob man Musiker bleiben will, ob man weitermachen will.«

Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, dass ich auf einem verrauschten Benefiz-Tapesampler zwei Stücke einer Band namens ... But Alive hörte und daraufhin Marcus Wiebusch einen handschriftlichen Brief schickte, um ihr Demo zu bestellen. Wenn am 28. Oktober das Kettcar-Album endlich in den Läden steht, werde ich ihm wieder einen schreiben. Um ihm zu gratulieren, dass er weitergemacht hat, und mich zu bedanken, dass er und Kettcar diese Musik machen, die anderen dabei hilft, es auch zu tun.

Kettcar

Du und wieviel von deinen Freunden (10 Jahre Deluxe-Edition)

Release: 02.11.2012

℗ 2012 Grand Hotel Van Cleef