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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Rainbow«

Kesha

Kesha wählt die Waffe, die sie am besten beherrscht, um sich aus den Erlebnissen der letzten Jahre herauszukämpfen: Pop. Das klingt sehr glatt, hat aber eine starke Botschaft.
Geschrieben am
Es wäre Kesha wahrscheinlich lieber gewesen, dieses Album auf einem anderen Label zu veröffentlichen. Jetzt erscheint »Rainbow«, ihr erstes seit 2012, aber doch auf Kemosabe, einem Tochterunternehmen der Sony. Kesha ist in New York und Kalifornien vor Gericht gezogen und hat dem ehemaligen CEO von Kemosabe und ihrem langjährigen Produzenten, Łukasz Gottwald alias Dr. Luke, vorgeworfen, sie sexuell und seelisch missbraucht zu haben. Sie wollte eine einstweilige Verfügung erwirken und raus aus dem Vertrag, der sie zu weiterer Zusammenarbeit mit Dr. Luke verpflichtet hätte. Dr. Luke wiederum ist ebenfalls vor Gericht gezogen und hat Kesha Verleumdung vorgeworfen. Anfang 2016 hat die zuständige Richterin Keshas Klage in New York überraschend abgewiesen. Die Entscheidung zwang die Sängerin dazu, ihre Arbeit mit dem Label fortzusetzen. Kesha selber hat im Sommer 2016 die weitere Klage vor dem Gericht in Los Angeles zurückgezogen. Der Fall ist ziemlich kompliziert und auch noch nicht in allen Instanzen entschieden. Fakt ist aber, dass er eine immense Strahlkraft besitzt.  

Kesha wurde sehr jung zu einem internationalen Popstar. Sie wäre nicht die erste Künstlerin, die schlechte Erfahrungen im Musikgeschäft macht, entsprechend groß ist auch die öffentliche Unterstützung, die sie erfährt. Quasi die ganze weibliche Popwelt stellte sich hinter sie: LordeLady GagaTaylor Swift, Adele, sie alle waren und sind auf Keshas Seite, äußerten sich via Twitter oder spendeten sogar Geld, um Kesha zu unterstützen. Wie immer in solchen Fällen ist die Beweislage schwierig, trotzdem lässt einen eine abgewiesene Klage doch recht fassungslos zurück. Sie ist ein Rückschlag, auch und vor allem, weil er andere Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, davon abhalten könnte, damit an die Öffentlichkeit zu treten. 
Kesha selbst ging, so sagt sie es, in den vergangenen Jahren durch die Hölle. Zur ersten Single »Praying« schrieb sie in Lena Dunhams Newsletter-Magazin »Lenny«: »It's from our darkest moments that we gain the most strength. There were so many days, months even, when I didn't want to get out of bed. I spent all day wanting to go to sleep, and then when I did fall asleep, I had horrible night terrors where I would physically cry and scream through the dark. I was never at peace, night or day. But I dragged myself out of bed and took my emotions to the studio and made art out of them. And I have never been happier with a body of work as I am with this record.«  

Musikalisch ist »Rainbow« Pop durch und durch, fett und glatt produziert, fürs Mainstream-Radio gedacht. Etwas anderes von einem internationalen Superstar wie Kesha zu erwarten, wäre auch naiv. Klanglich gibt es wenige Überraschungen, was sie jedoch auf der Textseite klar wieder ausgleicht. In »Rainbow« hören wir viel von überwundener Bitterkeit und vor allem zurück erlangter Stärke. »This record literally saved my life«, sagte Kesha jüngst im Interview mit »Good Morning America« und man hört tatsächlich, dass sie sich Stückchen für Stückchen frei gestrampelt hat.
Ein paar der Lieder funktionieren als feministische Hymnen, »Woman« zum Beispiel, oder das nach 80er-Pop klingende schwungvolle »Let ’em Talk«. Kesha erlaubt sich aber auch ein arges Abdriften ins Kitschige – bei »Praying« hilft auch kein wahnsinnig starker, selbstermächtigender Text (»I found a strength I’ve never known ... when I’m finished, they won’t even know your name«) mehr. Besser funktioniert da »Godzilla«, das zwar auch eine Ballade ist, das aber mit einem augenzwinkernden Text. Das All-American-Girl kann sie auch nicht so recht hinter sich lassen, »Hunt You Down« kommt mit einem klassischen Country-Rhythmus daher, inklusive Pferdegetrappel im Hintergrund, und »Boogie Feet« würde gut in eine schrammelige Bar an einem US-Highway passen.   

Das Album macht durchaus Spaß, wenn man empfänglich für Pop ist. Als Zeichen funktioniert es eh. Sie hat den Prozess gegen Dr. Luke nicht gewonnen und diese Tatsache ist ernüchternd. Umso erfreulicher, dass Kesha sich trotz allem derzeit strahlend und knallbunt wie ein Regenbogen präsentiert. Die Aufmerksamkeit und Unterstützung ihrer Fans sind ihr sicher. »Rainbow« ist nicht nur ein Pop-Album, es ist eine in die Luft gereckte Faust.

Kesha

Rainbow

Release: 11.08.2017

℗ 2017 Kemosabe Records