×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kent Coda

Kent Coda

Kent Coda, ein türkisch-österreichisch-deutsches Trio, macht anglophilen Indie-Rock mit türkischen Texten und vermeidet dabei jeden orientalischen Einschlag
Geschrieben am

Kent Coda betreiben musikalischen Import-Export zwischen Izmir, Köln und Straßburg. Ist das noch Multikulti oder schon Globalisierung?

Multikulti ohne bräsige Weltmusikromantik? Das geht. Kent Coda sind Teil einer sich parallel zum Indie-Mainstream rasant entwickelnden deutsch-türkischen Szene, die vor allem in Nordrhein-Westfalen ziemlich aktiv ist. Doch im Gegensatz zu einem Großteil der Bands mit ähnlichem Background covern die Kölner äußerst selten, und ihr anglophiler Indie-Rock mit türkischen Texten vermeidet jeden orientalischen Einschlag. Stattdessen reichen die Einflüsse von straighten, powerpoppigen Elementen („Aliağa“) über Grunge („Hersey Ayni“) bis hin zu Punk („Bodrum Bodrum“). Zugegeben, das klingt nicht gerade nach der Neuerfindung des Rads, aber  dank der eingängigen Refrains und des ungewöhnlich tiefen Organs von Sänger Öğünç Kardelen geht das Ganze schon ins Ohr, wie beim melancholischen „Sen Baskasin“, einem ihrer besten Stücke. Bassist Christoph ist Österreicher, singt aber die türkischen Lyrics problemfrei mit, die ihm Öğünç in phonetischer Umschrift vorlegt: „Nach unseren Gigs fragen mich türkische Fans oft, ob ich verstehe, was ich da singe. Natürlich weiß ich es nicht Wort für Wort, aber mir geht es sowieso mehr um den Sound der Sprache“, gibt er lächelnd zu.

Und Grund zum Lächeln hat er, denn die Zeichen der Zeit stehen für Kent Coda günstig wie nie: Wo bis vor kurzem vor allem folkloristisch angehauchte Popmusik und HipHop zu hören waren, hat in den letzten Jahren wie überall Indie-Rock triumphalen Einzug in die MP3-Player und Clubs der türkischen Jugendlichen in Deutschland gehalten. Dank der medialen Globalisierung sind deutsch-türkische Bands wie Kent Coda durch Musikforen auch am Bosporus bekannt geworden. So kommt es, dass die Drei Interviews für die Hürriyet und türkische Szenemagazine geben, obwohl sie erst ein einziges Mal in der Türkei aufgetreten sind.
Die steigende mediale Aufmerksamkeit zeigt allmählich Wirkung. Nach einem Support-Gig für die türkische Rock-Supergroup Duman im ausverkauften Kölner Bootshaus ist man vom großen Interesse der Fans überrascht: „Wir dachten, es kämen nur Duman-Fans, aber uns kennen erstaunlich viele“, freut sich Öğünç. Die Ironie des Konzepts Kent Coda: Bei Öğünçs Ansagen schmeißt sich der halbe Saal weg vor Lachen, während die deutschsprachigen Bandmitglieder mit den Schultern zucken müssen. Nicht nur ihr Auftreten, auch die Berufe der Bandmitglieder entkräften jedes Rock-Klischee: Öğünç, der vor sechs Jahren aus dem westtürkischen Izmir nach Deutschland gekommen ist, ist ausgebildeter Opernsänger und Gesangspädagoge, Drummer Timo verdingt sich als Jazz-Schlagzeuger, Bassist Christoph ist Bio-Doktorand. Kent Coda verweigern sich unverkrampft jedem Schema – und das ist ihre Stärke.